In der Vesperkirche | Foto: Katharina Stohr

Predigt

Oktober 2021

Barmherzig

Autor: Pfarrer Gottfried Heinzmann

Eröffnung der Vesperkirche in Sigmaringen am 03.10.2021 – Gottesdienst Erntedankfest, Stadtkirche

Liebe Gemeinde,

Ern­te­dank­fest – was für ein schöner Anlass zum Start für die Ves­per­kir­che! Der Tisch ist gedeckt. Auf dem Altar lie­gen Äpfel und Bir­nen, Kar­tof­feln und Rüben und über allem strah­len die gold­gel­ben Son­nen­blu­men. Dank­bar­keit ist ange­sagt. In Lie­dern und Gebe­ten. In Lesung und Pre­digt. Doch – wie sieht es innen­drin aus? Wie sit­zen wir heute hier? 

»Nun prei­set alle Got­tes Barm­her­zig­keit!«, haben wir gesun­gen. Ganz selbst­verständlich steht die­ses »alle« im Gesang­buch. Dabei kann doch jeder und jede genügend Geschich­ten erzählen, warum die­ses »alle« gerade nicht für »alle« gel­ten kann. Und warum sol­che Worte viel­leicht etwas zögernd über die Lip­pen kom­men.

Wie wir mit Dank­bar­keit umge­hen, das hat sehr viel mit unse­rer Hal­tung zu tun. Wie wir inner­lich auf­ge­stellt sind und auf uns selbst und die Welt bli­cken.

Man kann das auch an Begrüßungs­ri­tua­len able­sen. Im Deut­schen fra­gen wir: »Und – wie geht’s?« Die Ant­wort kann dann lau­ten: »Danke, soweit alles in Ord­nung« – »Ach danke, geht so&hel­lip;« oder »Danke – ich kann nicht kla­gen«.

In ande­ren Kul­tu­ren klingt das anders. Bei den Zulu in Südafrika zum Bei­spiel gibt es kei­nen Begriff, der dem west­li­chen »Danke« ent­spricht. Wenn man gefragt wird, wie es geht, lau­tet die Ant­wort: »Siya­bong-ga!« Das bedeu­tet: »Wir sind geseg­net!« In Sierra Leone ant­wor­ten die Ein­hei­mi­schen: »Ite­ma­go­tenke«. In dem dort gebräuch­li­chen Pid­gin-Eng­lisch bedeu­tet das: »Ich sage Gott danke!«1

Wie wir mit Dankbarkeit umgehen, das hat sehr viel mit unserer Haltung zu tun.

Mich brin­gen diese Ant­wor­ten zum Nach­den­ken. Und mich beein­druckt die Hal­tung, die dahin­ter­steht: Wir können dank­bar sein. Wir sind geseg­net! Wir sagen Gott danke!

Genau darum geht es ja beim Ern­te­dank­fest. Dass wir uns gemein­sam auf diese Grund­lage stel­len: Wir ver­dan­ken unser Leben nicht uns selbst. Wir haben unser Leben nicht selbst in der Hand. Da ist jemand, der uns in sei­ner Hand hält. Wir können dank­bar sein. Wir sind geseg­net! Wir sagen Gott danke!

Das Ern­te­dank­fest will uns beim Dan­ken hel­fen. Mit Lie­dern und Gebe­ten. Mit For­mu­lie­run­gen, die schon Gene­ra­tio­nen vor uns zum Dan­ken gebraucht wur­den: »Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn, drum dankt ihm, dankt! – und hofft auf ihn!«

Doch bei die­sem Ver­gleich von Begrüßungs­ri­tua­len und Ern­te­dank, muss auch eine kri­ti­sche Rückfrage gestellt wer­den: Manch­mal blei­ben wir ja bei Begrüßungen ganz bewusst an der Oberfläche. Auf die Frage »Und – wie geht’s?« wol­len wir in man­chen Fällen gar nicht mehr sagen als »Danke – alles okay.« Das hat damit zu tun, weil viel­leicht die Zeit zu knapp ist oder wir es die­ser Per­son nicht anver­trauen wol­len.

Auf die Frage »Und – wie geht’s?« wollen wir in manchen Fällen gar nicht mehr sagen als »Danke – alles okay.«

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