Denis‘ Dichtertag des tragödischen Werkes

Porträt

Denis‘ Dichtertag des tragödischen Werkes

Porträt

Dezember 2012

Denis Conrad kann nicht sprechen, ist gehörlos und sitzt im Rollstuhl. Ach so, alles klar. Nein, nichts ist klar! Denn Denis ist vor allem ein ganz ungewöhnlicher Autor, Maler und ein Zeichner. Der 33-Jährige liebt Literatur und Autoren aller Art – und hat selbst einen beein­druckenden künst­lerischen Reich­tum geschaffen. Über einen faszi­nie­renden jungen Mann, der Hasen liebt und den frühen Georg Büchner. Das Porträt. 

Text: Katharina Stohr

Denis zieht seine Hand vor den Oberkörper, bewegt sie schnell hin und her und gebärdet somit das Wort »gut«. So drückt er aus, dass er Georg Büchner mag. Denn Denis kann nicht spre­chen, ist gehörlos und sitzt im Roll­stuhl. Zusam­men mit sechs ande­ren Männern und vier Frauen wohnt er in der Wohn­gruppe 07 im Haus Zinze alt der Behin­der­ten­hilfe der Zieg­ler­schen.

Doch lange bevor der 33-Jährige sich inten­siv mit ver­schie­dens­ten Schrift­stel­lern beschäftigte, begann er auf ganz eigene Art Comics zu zeich­nen. Zum Bei­spiel die Weih­nachts­ge­schichte, die in die­sem Heft auf Seite 22/23 zu fin­den ist. »Ver­mut­lich eine Ablei­tung zu den Mickey Mouse- und Aste­rix und Obe­lix-Hef­ten, die wir ihm als klei­nes Kind gege­ben haben«, sagt Mut­ter Susanne Con­rad-Louis. Schon früh hielt Denis einen Stift in der Hand, um über gemalte Bil­der mit sei­ner Fami­lie zu kom­mu­ni­zie­ren. Dabei fand er recht schnell zu sei­nem eige­nen Mal- und Zei­chen-Stil.

Lesen und Schrei­ben hat er später in einer Schule in Markgrönin­gen gelernt, bevor er mit 16 in die Heim­son­der­schule Has­lachmühle wech­selte. Von da an war es nicht mehr weit, die Kunst des Zeich­nens und Schrei­bens zu ver­bin­den. Wie die Ergeb­nisse aus­se­hen können, präsen­tiert er mit strah­len­dem Gesicht beim Besuch auf der Wohn­gruppe. Mit dem E-Rolli düst er in sein Zim­mer, sta­pelt zig Plas­tik­hef­ter auf sei­nen Schoß, steckt diverse Zeit­schrif­ten in einen blauen Ruck­sack und rollt zurück in die Wohnküche, um ein Werk nach dem ande­ren auf­zu­schla­gen und mit Gebärden zu erklären. Betreue­rin Susanne Schack über­setzt. Mit der Zeit brei­tet sich ein künst­le­ri­scher Reich­tum auf dem Ess­tisch aus. So hat Denis Hein­rich Hei­nes Gedicht »Him­mel grau und wochentäglich« kur­zer­hand in »Neuer Frühling« umge­tauft und das com­pu­ter­be­schrie­bene Blatt mit in Kuli gezeich­ne­ten Blu­men und einem schrei­ben­den Dich­ter illus­triert. Oder das Kin­der- und Jugend­buch »Wern­her Flügel – Im Namen der Mimose. Ein Hasenkönig 2010«, für das er Text, Illus­tra­tion und sogar Lay­out-Vor­stel­lun­gen ent­wor­fen hat. Über­haupt: Die Hasen, die schei­nen es ihm ange­tan zu haben. Ob das Text-Bild-Werk »Hasen­prinz Leo­pold und Hasen­prin­zes­sin Lara« oder der Schrift­zug »Hasenkönig Con­ra­dius XII (1682-1734)« mit gemal­tem Hasen­kopf an der Wand in sei­nem Zim­mer: »Hasen gehören zu den Moti­ven, die er am längs­ten malt«, sagt seine Mut­ter.

In Denis‘ Leben hop­peln aber auch zwei echte Hasen herum: Anne Fus­sel und Miko. Beide woh­nen im Hasen­stall hin­term Haus Zinze. Bei Wind und Wet­ter fährt Denis täglich alleine in sei­nem Rolli mit dem Auf­zug vom drit­ten Stock in den Hof hin­un­ter und steckt den Lang­oh­ren Grünzeug in den Käfig. Selbstständig zu sein, trotz Mehr­fach­be­hin­de­rung, ist für Denis über­haupt kein Thema. Tagsüber arbei­tet er in der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­rung, er duscht und badet selbst, kauft alleine ein und besucht sehr oft die Gemein­debüche­rei. Dort fin­det er dann den Stoff, aus dem seine Werke ent­ste­hen.

»Oft schreibt er am Com­pu­ter eine Geschichte aus sei­ner Hasen­welt oder ändert eine Geschichte eines Schrift­stel­lers ab. Und danach malt er inner­halb weni­ger Minu­ten ein Bild dazu«, sagt die Mut­ter. Das tiefe Inter­esse für die Lite­ra­tur mag im Zusam­men­hang mit »run­den Geburts­ta­gen« von großen Schrift­stel­lern ent­stan­den sein, wie seine Mut­ter eben­falls erklärt. »Denis darf sich jedes Jahr eine sechstägige Städte­reise her­aus­su­chen und schlägt ein Thema vor«, sagt sie. Her­aus­ge­kom­men sind dabei bis­lang Rei­sen nach Dres­den mit Schwer­punkt Erich Kästner, die Gebrüder Grimm in Kas­sel, Goe­the in Frank­furt, Schil­ler in Wei­mar oder Vic­tor Hugo in Paris – und das immer in Jubiläums­jah­ren der Schrift­stel­ler.

Zwei Jahre lang war Denis Redak­teur der Mühle­zei­tung der Heim­son­der­schule Has­lachmühle. In die­ser Zeit sind seine bei­den Weih­nachts­ge­schich­ten ent­stan­den. Bei einer Frage zum Bild war­tet er nicht mehr auf die Gebärdenüber­set­zung, son­dern schnappt sich ein lee­res Blatt und schreibt zuerst »Gabriel« und danach »Erz­en­gel« dar­auf. Ab die­sem Zeit­punkt nimmt er den Zet­tel mit Inter­view­fra­gen zu sich, liest ihn selbst durch und schreibt die Ant­wor­ten dazu.

Denis scheint zu wis­sen, was er will. Seine Mut­ter weist ihm lie­be­voll eine gewisse Art von »Bau­ern­schläue« zu. »Früher hat sich Denis immer gewünscht, dass er Autor, Maler und Zeich­ner wird«, sagt Daniel Fabian, Lei­ter der Mühle­zei­tungs-Redak­tion rückbli­ckend. Als Mit­au­tor und Gestal­ter wirkt Denis jetzt im Schau­fens­ter, einer inter­nen Zeit­schrift der Behin­der­ten­hilfe mit. Und die geschich­te­ten Werke vol­ler Buch­sta­ben und Zeich­nun­gen aus sei­nem Zim­mer – die spre­chen für sich.

Mit fun­keln­den Augen schenkt Denis zum Abschied eines sei­ner Werke her: »Denis‘ Dich­ter­tag des tragödischen Wer­kes«, steht da als Über­schrift auf einem DINA4-Blatt, bevor im Fließtext die Erläute­rung folgt: »Denis: Ich schreibt eine dra­ma­ti­sche Tragödie Stein­reich, nach einem Dra­men­frag­ment Woy­zeck von Georg Büchner.« Sel­bi­ger hätte im Jahr 2013 sei­nen 200. Geburts­tag. Wer weiß, wohin die Städte­reise der Fami­lie Con­rad-Louis im Jahr 2013 geht?

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