Deinen Job möcht‘
ich auch haben …

Porträt

Deinen Job möcht‘
ich auch haben …

Ilona Schroeter

Porträt

Dezember 2017

Wenn man nachts das Kirchheimer Seniorenzentrum Henriettenstift betritt, taucht man ein in eine andere Welt: einen Ort der Ruhe und Stille. Für »Schwester Ilona«, wie Ilona Schroeter liebevoll genannt wird, ist es die ideale Arbeitszeit. Seit acht Jahren arbeitet sie aus­schließlich im Nacht­dienst. Das Porträt.

Text: Jacqueline de Riese

»Dei­nen Job möchte ich auch haben, ande­ren beim Schla­fen zuse­hen.« – Ilona Schro­e­ter hat die­sen Satz lei­der schon viel zu oft gehört. Meis­tens hört sie dann ein­fach weg, denn viele Men­schen ken­nen eben die zahl­rei­chen Her­aus­for­de­run­gen einer Pfle­ge­fach­kraft im tägli­chen Nacht­dienst nicht.

Seit 38 Jah­ren arbei­tet die gelernte Kran­ken­schwes­ter in der Pflege. Vor acht Jah­ren wech­selte sie vom Tag- in den Nacht­dienst. Was andere Kol­le­gen als anstren­gende Schicht emp­fin­den, ist für Ilona Schro­e­ter der ideale Beruf. Beson­ders gefällt ihr die Eigenständig­keit und Verant­wor­tung, die sie jede Nacht über­neh­men darf. Nachts arbei­ten zwei Pfle­gekräfte im Senio­ren­zen­trum Hen­ri­et­ten­stift in Kirch­heim/Teck.

Ilona Schro­e­ters eige­ner Bio­rhyth­mus hat sich an die ungewöhnli­che Arbeits­zeit längst gewöhnt. Nach dem Dienst geht »Schwes­ter Ilona«, wie sie lie­be­voll von den Bewoh­nern genannt wird, mor­gens direkt ins Bett. Der Nacht­dienst ermöglicht ihr, mehr freie Tage zu genießen. Im Schnitt arbei­tet sie nur an zehn bis zwölf Nächten im Monat. Sie selbst und ihre Fami­lie haben viele Vor­teile davon.

Dass der Nacht­dienst andere Auf­ga­ben als die Tag­schicht mit sich bringt, ist selbst­verständlich: Bei­spiels­weise fin­det keine Grund­pflege statt, Visi­ten durch Ärzte und Besu­che durch Angehörige ent­fal­len.

Ilona Schro­e­ter kennt den Unter­schied zwi­schen den Schich­ten: »Was die meis­ten nicht wis­sen ist, dass man teil­weise die Bewoh­ner anders ken­nen­lernt als die Kol­le­gen von der Tag­schicht. Kommt man am Tag in das Senio­ren­zen­trum, begeg­net einem ein Mensch, der ange­zo­gen und selbstständig durch die Ein­rich­tung schrei­tet. Nachts kann die glei­che Per­son kom­plett pfle­ge­bedürftig sein.«

Unru­he­zustände bei den Bewoh­nern, der nächt­li­che Gang zur Toi­lette, Schlafstörun­gen, Lan­ge­weile oder der nächt­li­che Hun­ger führen bei­spiels­weise bei den Bewoh­nern zum Betätigen der Nacht­klin­gel. Men­schen mit Demenz fol­gen teil­weise auch nachts ihrem Bewe­gungs­drang. Ilona Schro­e­ter ist in einer Nacht viel unter­wegs, denn der Gehörsinn verändert sich im Nacht­dienst und sie ist oft schon auf dem Weg, bevor die Nacht­klin­gel läutet. Wenn die Bewoh­ner ruhig schla­fen, ste­hen noch wei­tere Vor­be­rei­tun­gen und Auf­ga­ben an.

Ihre Schicht dau­ert von 20.30 Uhr bis 06.30 Uhr. Zur nächt­li­chen Arbeit gehören die Über­ga­be­be­spre­chun­gen, die Medi­ka­men­ten­ga­ben und die regelmäßigen Rundgänge. Am Abend freuen sich die Bewoh­ner schon auf ihren persönli­chen Gute-Nacht-Gruß zu Beginn der Schicht. »Nachts erfolgt eine Sicht­kon­trolle, wir wol­len die Bewoh­ner ja nicht auf­we­cken. Jeder kennt das störende Gefühl im Kran­ken­haus, wenn während der Tief­schlaf­phase plötzlich die Tür laut auf­geht«, erzählt Ilona Schro­e­ter.

Für Bewoh­ner mit Schlafstörun­gen gibt es neben beru­hi­gen­den Gesprächen und dem Tipp, die Augen aus­zu­ru­hen, auch noch das gute alte Haus­mit­tel »Heiße Milch mit Honig« – das hilft fast immer und weckt außerdem viele gute Erin­ne­run­gen an die eigene Kind­heit und das Gefühl, umsorgt und behütet zu sein.

Wie­viel Verant­wor­tung eine Pfle­ge­fach­kraft im Nacht­dienst hat, wird bei Notfällen deut­lich. Teil­weise ent­schei­det das rich­tige Han­deln inner­halb von Minu­ten: Ein Mit­ar­bei­ter infor­miert den Not­arzt und die zweite Pfle­ge­fach­kraft han­delt gege­be­nen­falls ent­spre­chend der Pati­en­ten­verfügung. Emo­tio­nal aufwühlend ist jedes Mal der natürli­che Tod eines Bewoh­ners. Bei Wunsch des Bewoh­ners oder der Angehörigen arbei­tet das Senio­ren­zen­trum mit einer Hospi­z­gruppe zusam­men und infor­miert die Angehörigen – auch in der Nacht. »Dann beglei­ten wir unsere Senio­ren und die Angehörigen in den letz­ten Minu­ten bis zum Schluss.«

Ab 5.00 Uhr mor­gens erwacht das Senio­ren­zen­trum lang­sam wie­der zum Leben. Die Türen wer­den geöffnet, Bewoh­ner begin­nen ihren Tag und bald kom­men auch die Kol­le­gen der Frühschicht. Als langjährige Mit­ar­bei­te­rin kennt Ilona Schro­e­ter die meis­ten Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen der Tag­schicht.

Ob Ilona Schro­e­ter bis zur Rente im Nacht­dienst arbei­tet, kann sie noch nicht sagen. Das hängt sicher auch von der eige­nen Gesund­heit ab. Der Job im Nacht­dienst ist nicht nur emo­tio­nal, son­dern auch körper­lich recht anstren­gend, denn die Zahl der Schwerst­pfle­gefälle ist in den letz­ten Jah­ren deut­lich gestie­gen. Schwes­ter Ilona lächelt: »Mir macht die Arbeit sehr viel Spaß und ich gehe jeden Mor­gen mit dem guten Gefühl nach Hause, alles rich­tig gemacht zu haben.«

September 2017

Peter Knauer*

»Ich hab mich selbst nicht mehr leiden können«

Alko­hol gab’s in sei­ner Fami­lie eigent­lich immer. Sein Vater war alko­hol­krank, nahm sich das Leben, als Peter Knau­er* 18 war. »Bei Fes­ten, Besu­chen oder beim Sport – alle haben immer gesof­fen. Ich dachte, das wäre nor­mal«, erin­nert er sich. Und hat irgend­wann ein­fach mit­ge­sof­fen. Da war er 15 oder 16. Das Porträt.

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März 2017

Hüseyin

Hüseyin, der kleine Liebling des Propheten

Zu erzählen ist die Geschichte einer erfolg­rei­chen deutsch-türki­schen Inte­gra­tion. Hüseyin heisst der junge, jetzt 22-jährige Mann, Sohn türki­scher Eltern und mit deut­schem Pass. Es ist die Geschichte geglückter mensch­li­cher Begeg­nun­gen von Men­schen aus ver­schie­de­nen Reli­gio­nen und Kul­tu­ren. Das Porträt.

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Dezember 2016

Claus und Simone Boie

»Natürlich ist es für die Kids auch manchmal blöd«

Claus und Simone Boie arbei­ten als Pfle­ge­fachkräfte im Senio­ren­zen­trum im Wel­vert in Vil­lin­gen. Wie sie als Ehe­paar und Eltern von zwei Kin­dern den Spa­gat zwi­schen Fami­lie und Schicht­dienst hin­krie­gen und wie das »Wunsch­buch« ihnen dabei hilft, haben sie im Inter­view erzählt. Ein etwas ande­res Porträt.

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Oktober 2016

Dr. Inge Jens

»Ich kann bis heute kein Schwäbisch«

Das Tübin­ger Karo­li­nen­stift ist ein beson­de­res Haus. In die­sem Senio­ren­zen­trum der Zieg­ler­schen spie­gelt sich das geis­tige Leben der Uni­ver­sitätsstadt wie in einem Brenn­glas. Direkt neben dem »Karo« lie­gen 34 betreute Woh­nun­gen. In einer lebt eine bekannte Persönlich­keit: Dr. Inge Jens, Auto­rin, Wis­sen­schaft­le­rin und Witwe des Rhe­to­rik­pro­fes­sors Wal­ter Jens.

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April 2016

Dennis Kutzner

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Kommt Ihnen der junge Mann auf dem Foto bekannt vor? Gut möglich. denn Den­nis Kutz­ner war Kapitän jener deut­schen Uni­fied-Vol­ley­bal­ler, die im letz­ten Jahr als Olym­pia­sie­ger (!) aus den USA zurückkehr­ten. Außerdem war er Mit­glied der Mühle­zei­tung und somit eines der Gesich­ter für die berühmten Fuss­ball­gebärden aus der Has­lachmühle. Das Porträt.

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Dezember 2015

Olaf Meister

»Ich war schon wirklich ein Revoluzzer«

Heim­kind in der DDR, poli­ti­scher Häftling, frei­ge­kauft von der BRD, mit 18 in den Wes­ten gekom­men. Alko­hol­pro­bleme, mit Ende dreißig ein Selbst­mord­ver­such und ein bei­nahe tödli­cher Unfall: Olaf Meis­ter hat viel durch­ge­macht. Seit sei­ner The­ra­pie in der Sucht­fach­kli­nik Ring­gen­hof 2006 lebt er absti­nent und arbei­tet heute im Faci­lity Mana­ge­ment der Zieg­ler­schen. Das Porträt.

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