Tobias Brüssel, 28 Jahre, Altenpfleger

Tobias Brüssel, 28, ist Altenpfleger im Gemeindepflegehaus Härten in Kusterdingen. Klingt erst mal ganz normal, doch tatsächlich war es bis dahin ein langer Weg. Denn Tobias hat schon einiges gesehen und erlebt, bevor er sich für die Altenpflege entschieden hat. Als ADHS-Kind eckte er ständig und überall an, flog von diversen Schulen und forderte alle heraus, die ihm zeigen wollten, wie man sich in der Gesellschaft zu verhalten hat. Die letzte Option war ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche. Dort machte er als Klassenbester den Hauptschulabschluss. Danach quälte er sich mit verschiedenen Handwerks-Berufen und beendete dieses Kapitel mit einer abgeschlossenen Stuckateur-Ausbildung. Schließlich wurde ihm klar: Er wollte was mit Menschen machen! Und als ihm die Mutter eines Freundes die Altenpflege ans Herz legte, begann für Tobias ein ganz neuer Weg …

Was ist das Besondere an Ihrem Job?
Ich bin vielfältig, habe viele Interessen: Sport, die Natur, Musikproduktion und bis vor zwei Jahren war das Djing meine große Leidenschaft. Seit circa einem Jahr habe ich großes Interesse an der Körperarbeit, also Massieren und die Verbesserung der Körperhaltung durch spezielles Training. Ich bin ein Phasenmensch. Ich habe schon sehr viele Phasen durchlebt. Wenn ich etwas gut finde, kann ich meine ganze Aufmerksamkeit, Kreativität und Leidenschaft darauf projizieren und erziele dann sehr schnell große Erfolge. Ich finde es prima, dass ich in meinem Job als Altenpfleger »Ich« sein darf. »Ich sein« heißt, auch unkonventionell sein zu dürfen. Das erfrischt unsere Bewohner und auch Angehörige schätzen meine Art. Seit ich in der Altenpflege arbeite, erfahre ich, wie es sich anfühlt, wenn andere Menschen einem ihr Vertrauen schenken. Das sind Bewohner, Kollegen, Angehörige und Vorgesetzte.

Was ich tue, erfüllt mit Leben – was bedeutet das für Sie?
Ein Pflegeheim ist eigentlich kein lustiger Ort. Bei diesen Menschen sind die goldenen Zeiten vorbei. Es ist nicht wie bei uns. Wir verfolgen Ziele, haben Pläne, freuen uns morgens auf den nächsten Tag, auf das verdiente Wochenende, auf den Urlaub. Wenn man nicht laufen kann, oder Schmerzen hat oder sich nicht selbst Waschen kann, es niemanden mehr gibt mit dem man Erinnerungen teilen kann, wenn man einfach keinen Sinn mehr in seinem Dasein findet, ist es schwierig morgens aufzustehen und nicht an dieser Aussichtslosigkeit zu zerbrechen. Wenn man es schafft, diese Menschen zum Lachen zu bringen, hat man die Königsdisziplin geschafft! Ein Zitat von A. Sachs begleitet mich nun fast 15 Jahre: Der Tod ist allgemeiner als das Leben: Jeder stirbt aber nicht jeder lebt.

Warum würden Sie Ihren Beruf weiterempfehlen?
Es ist ein toller Beruf mit vielen Facetten. Man wird mit so vielen Herausforderungen konfrontiert, daran wächst man und wird stärker. Seit ich in der Pflege arbeite, weiß ich viel mehr zu schätzen. Kleinigkeiten wie Farbenspiele der Natur, das Lachen mit Freunden, das Sammeln von Erinnerungen ob gute oder schlechte … Ich habe schon bestimmt über 50 Lebensgeschichten von hochaltrigen Menschen erzählt bekommen. Wenn ich sie alle zusammennehme ist das Fazit: Genieße jeden schönen Moment und koste dein Leben voll aus, denn die Erinnerungen sind viel mehr wert als Geld. Wenn man Bock drauf hat mit Menschen zu arbeiten, zu helfen und eine verantwortungsvolle Arbeit annehmen möchte, dann ist es der ideale Beruf. Es ist der letzte Abschnitt von Reisen, die länger sind, als wir sie uns vorstellen können. Und wir sind dabei, wenn diese Reisen enden ...

Was macht für Sie das Besondere an einem sozialen Beruf aus?
Die Emotionen, die bei der Arbeit hervorgerufen werden. Gute wie schlechte, die gesamte Dynamik ... Es kann teilweise sehr deep sein.

Wie sind Sie zu den Zieglerschen gekommen?
Dort wo ich meine Ausbildung gemacht habe, waren Kritik und Verbesserungsvorschläge nicht gern gehört. Nach der Examensprüfung war ich dann auf der Suche nach einem Arbeitsplatz, an dem ich mich entfalten könnte. Ich habe einige Hospitationen gemacht, um möglichst viele Einrichtungen zu sehen. Ein Lehrer vom Diakonischen Institut (meine Berufsschule) legte mir dann die Zieglerschen ans Herz. »Es gibt da eine Hausleitung, ich glaube mit der würden sie sich gut verstehen, Herr Brüssel. Sie sucht ›Anwälte‹ für Ihre Bewohner.« Das Bewerbungsgespräch mit Frau Henger hat mich sofort überzeugt. Sie erklärte mir, dass in den Zieglerschen die Stärken jedes einzelnen gefördert würden, wenn dies im Sinne des Mitarbeiters ist. Dies überzeugte mich.

Können Sie in den Zieglerschen Ihre privaten Interessen und persönlichen Fähigkeiten einbringen?
Wenn ich eine Idee habe, trage ich sie im Büro vor. Entweder gibt es einen Daumen hoch, oder einen runter, oder die Idee wird im Team besprochen. Ich bin ein Teil des Teams und wenn ich mich einbringe, hat das natürlich Auswirkungen auf die gesamte Dynamik des Hauses. Manchmal ist mir das gesamte Ausmaß gar nicht so bewusst.  

Was ist Ihnen sonst noch wichtig zu sagen?
Schade ist, dass die Pflege oft als Unterschlupf genutzt wird, d.h. wer nichts findet, geht in die Pflege. Dein Deutsch ist mies? Kein Problem, in der Altenpflege macht das nichts. Du bist oft krank oder bequem? Die Pflege sagt danke zu dir, danke, dass du wenigstens ab und zu zur Arbeit kommst. Deine Fachkenntnisse sind mangelhaft? Egal, deine Vorgesetzten oder Ärzte denken für dich! Oftmals werden von den Pflegefachkräften nach der Ausbildung keine Fachbücher mehr gelesen, sie bleiben auf ihrem damaligen Stand hängen.

Der einzige Weg, den Pflegekarren aus dem Dreck zu ziehen, sind junge, gut ausgebildete, motivierte Leute mit Biss! Wenn du kein Bock mehr hast auf Disneyland, dann komm ins Pflegeheim und stell dich der Realität!

warum wir bei den zieglerschen arbeiten