Porträt
März 2026
Mira K. war Patientin an der Fachklinik Höchsten. Heute ist sie wieder dort – mit vertauschten Rollen. Aktuell macht sie in der Fachklinik eine dreijährige Ausbildung zur Arbeitstherapeutin. Das Porträt.
Text: Annette Scherer
Schon als Kind hat Mira das Gefühl, nicht dazuzugehören. Sie fühlt sich fehl am Platz, leidet an Essstörungen und Depressionen, rutscht immer tiefer in eine Drogensucht. Bis sie irgendwann erkennt: Ich muss etwas dagegen tun. Heute arbeitet die 39-Jährige in der Fachklinik Höchsten. Von der Patientin zur Mitarbeiterin – ein Weg, der sie selbst staunen lässt.
»Im Nachhinein wundert’s mich, an welchem Punkt ich heute stehe«, sagt Mira K. am Ende des Gesprächs. Die 39‑Jährige wirkt ernst und nachdenklich, zugleich aber gefestigt – als hätte sie gelernt, sich selbst Raum zu geben. »Es kann manchmal ein verdammt langer, anstrengender Weg mit tausend Rückschlägen sein. Und doch kann sich etwas fügen – manchmal durch Zufall«, ergänzt sie.
Mira wächst in Bayern auf, gemeinsam mit ihren Geschwistern, einem eigenen Pony, Hunden und Katzen. Von außen wirkt vieles idyllisch. Innen jedoch fühlt sie sich oft fehl am Platz, besonders in Gruppen. Sie hat oft das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören und leidet schon im Jugendalter unter Depressionen und Essstörungen. Nach der 11. Klasse verlässt sie das Gymnasium und macht eine Ausbildung als Pferdewirtin. Später holt sie die Fachhochschulreife nach und studiert drei Semester Umweltsicherung. Immer wieder kann sie sich nicht mehr aufraffen, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Sie beginnt zu rauchen. Besorgt sich übers Internet »Kräutermischungen«, synthetisches Cannabis, um ihre inneren Spannungen loszuwerden. Auch ihr Alkoholkonsum wird mehr und mehr zum Problem.
Irgendwann kann sie nicht mehr arbeiten. Es folgen stationäre Aufenthalte in verschiedenen Einrichtungen, immer wieder Therapien. Nachhaltig besser wird es nicht. Irgendwann erkennt sie: »Ich muss aktiv etwas gegen meine Sucht tun.« Im Juni 2022 kommt sie in die Fachklinik Höchsten. Dort in der Gruppentherapie erlebt sie zum ersten Mal, womit sie vorher nicht gerechnet hat: »Ich bin Teil dieser Gruppe. Die wollen mich dabeihaben.« Wenn sie einmal nicht erscheint, fragen die anderen Patientinnen nach ihr – ein ungewohntes, aber stärkendes Gefühl.
Besonders hingezogen fühlt sie sich zum Tierbereich der Klinik mit den Pferden, Ziegen, Lamas und Alpakas. »Mir wurde klar, wie sehr mir die Tiere gefehlt hatten und dass ich vor allem bei der Arbeit mit Pferden echt was kann«, erinnert sie sich. Sie nutzt die Zeit, sich ihren Auslösern zu stellen und an sich zu arbeiten. Und dann hört sie etwas, das sie überrascht: »Wir könnten jemanden wie dich brauchen.« Dieser Satz verändert viel. Mira entscheidet sich für einen Bundesfreiwilligendienst im Tierbereich der Klinik, betreut auch bei den Ambulanten Diensten der Behindertenhilfe in Bad Saulgau einen Jungen mit Down-Syndrom. Und landet doch wieder im Tierbereich der Suchthilfe. Aktuell macht sie dort eine dreijährige Ausbildung zur Arbeitstherapeutin. Zwei Wochen Schule, vier Wochen Praxis, immer im Wechsel. »Das macht mir Freude. Ich kann mir gut vorstellen, nach der Ausbildung hierzubleiben.«
Elke Heymann-Szagun, Therapeutin im Tierbereich, ist begeistert: »Mira ist genau richtig bei uns, da sie eine wunderbare Mischung aus Herzblut, Kompetenz und Einfühlungsvermögen in Tier und Mensch mitbringt!« Hat sie ein Lieblingstier? Mira lacht – zum ersten Mal im Gespräch. »Viele!« Dann nennt sie doch Yamira, das Pferd, das sie während ihrer Zeit als Patientin als Pflegepferd betreut hat. Aber auch die anderen liegen ihr am Herzen. »Der Kontakt mit den Tieren und das körperliche Arbeiten tun mir gut.«
Heute zeigt sie Patientinnen, wie man Ställe ausmistet, Tiere füttert, mit einem Pflegepferd umgeht. Die Umstellung von der Patientin zur Kollegin war anfangs nicht leicht. »Ich wurde sehr gut aufgenommen, aber wir waren alle vorsichtig miteinander.« Schließlich schreibt sie eine Mail ans Team: Sie wolle einfach »die Mira« sein – nicht »die Ehemalige«. Die Reaktionen sind durchweg positiv.
Und wie läuft das Miteinander mit den Patientinnen? »Manchmal ist es schwer, sich abzugrenzen«, sagt sie offen. »Aber ich bin reflektiert und erkenne, warum das so ist.« Sie möchte anderen Menschen mit Suchtproblemen mitgeben, dass »man sich eingestehen muss, dass ein Problem da ist und dass es Gründe dafür gibt. Und dann muss man eine Entscheidung treffen: Will ich etwas ändern oder nicht?« – Genau die Entscheidung, die Mira K. für sich selbst getroffen hat und die sie dahin geführt hat, wo sie heute steht: An einen Punkt, der ihr früher unerreichbar schien.

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