Titelthema
März 2026
Zuversicht
Sie passen zum Frühling und zur Osterzeit: Geschichten der Zuversicht aus den Zieglerschen. Lassen Sie sich davon anstecken.
Text: Nicola Philipp , Jacqueline de Riese und Stefan Wieland
Frisches Grün, Vogelgezwitscher, längere Tage und eine Sonne, die wärmt. Endlich! Wir atmen durch und spüren, wie uns ein Gefühl erfasst: Zuversicht. Alles wird sich zum Guten wenden. Das Leben siegt! – Doch was ist mit Menschen, die diese Zuversicht gerade nicht empfinden können? Die an sich zweifeln, mit den Umständen ihres Lebens hadern oder suchtkrank sind? »Menschen Zuversicht zu schenken ist unser Auftrag.« So sagt es Gottfried Heinzmann, der Vorstandsvorsitzende der Zieglerschen. Grund genug, Geschichten der Zuversicht aus den Zieglerschen zu erzählen. Lassen Sie sich anstecken.
Unter Maximilians Schreibtisch steht noch eine Umzugskiste. Daneben lehnt die Gitarre, der Verstärker ist kaputt. Auf dem Schreibtisch liegt seine Konsole, im Regal stehen Minecraft-Bücher. Und daneben ein schwarzer Integralhelm, den er sich selbst gekauft hat, wie er erzählt. »Ich werde nämlich Formel 1-Fahrer«, fügt der 12-Jährige mit Überzeugung und Zuversicht hinzu. Der Helm ist das Symbol für seinen Traum – und sein ganzer Stolz.
Vor drei Monaten hat Maximilian sein neues Zimmer bezogen. Sein Zuhause liegt nun in einem von drei neuen Wohnhäusern auf dem Gelände des Martinshauses Kleintobel. Im Dezember wurden die Schlüssel übergeben. Fünf junge Menschen wohnen derzeit mit ihm in der Wohngruppe, sein Zimmer durfte sich jeder selbst aussuchen. Beteiligung und Selbstbestimmung – das war dem Team des Martinshauses wichtig. Maximilian erzählt das so: »Ich hab in dem Zimmer gestanden, aus dem Fenster geguckt und wusste: Das ist meins.« Mit den anderen gab es keinen Streit.
In der Jugendhilfe der Zieglerschen lebt Maximilian seit fast einem Jahr. Vorher war bei ihm vieles unruhig: mehrere Betreuungsangebote,
Umzüge, Veränderungen. Vor dem Einzug wurde bei ihm ADHS diagnostiziert. Mit dem Wechsel zu den Zieglerschen ist sein Leben konstanter geworden. Und seit dem Umzug ins neue Zimmer hat es sich noch mal verbessert. Statt mit dem Bus lange zur Schule fahren zu müssen, sind es jetzt nur noch zwei Minuten zu Fuß. Und auch in der Freizeit muss er nicht mehr groß planen, denn seine Freunde sind direkt nebenan. Wenn Maximilian erzählt, hört man Freude und Zuversicht aus seinen Worten. Eine Haltung, die die Jugendhilfe all ihren Schützlingen vermitteln will. Deshalb hat das Team im Gemeinschaftsraum des neuen Wohnhauses auch einen kleinen weißen Aufsteller platziert. Darauf steht: Zuversicht.
Zuversicht – wer diese Haltung vermitteln will, muss sie selbst leben. Und das zeigt sich manchmal auch auf ungewöhnliche Weise. Bei den Zieglerschen zum Beispiel in Bauvorhaben. Rund 100 Millionen Euro werden sie allein in den nächsten fünf Jahren in den Immobilienbestand investieren: in Sanierungen und Neubauten von Pflegeheimen, in neue Wohngruppen, eine moderne Werkstatt für Menschen mit Behinderungen oder einen Anbau für die Suchtklinik Höchsten in Bad Saulgau. »Ambitioniert«, nennt Markus Lauxmann, der kaufmännische Vorstand der Zieglerschen, diese enormen Investitionen. Und sieht das Unternehmen doch ganz in einer Linie mit dem Namensgeber, Johannes Ziegler: »Ziegler war Pädagoge, Reformer und Unternehmer. Hätte er seine Ideen nicht mit Tatkraft und der Zuversicht des Glaubens angepackt, könnten wir heute nicht auf eine fast 200-jährige Erfolgsgeschichte blicken.«
In der Wilhelmsdorfer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) ist diese Zuversicht tatsächlich greifbar: Durch jenen 3D-Aufsteller, der auch im Martinshaus Kleintobel steht. Denn hier, in der Werkstatt, werden sie produziert. Mehrere weiße Kunststoff-Schriftzüge entstehen Schicht für Schicht auf einer Metallplatte. Zuvor hat Philipp Senft auf das Display getippt und den Druck gestartet. Leise surrend bewegt sich der Druckkopf hin und her. Aus Kunststofffäden, die beim Produktionsprozess aufgeschmolzen werden, entstehen nach und nach dreidimensionale Formen. Seit Ende des letzten Jahres ist Senft fester Mitarbeiter mit Assistenzbedarf in der WfbM. Die Arbeit mit dem 3D-Drucker und anderen Geräten macht ihm Spaß.
Die Idee zu der Produktion kam dem Vorstandsvorsitzenden Pfarrer Gottfried Heinzmann. »Der Begriff Zuversicht, der aus dem Psalm 91 stammt, hat für uns Zieglersche eine besondere Bedeutung«, erklärt er. Daher habe er, so Heinzmann, eine Möglichkeit gesucht, diesem Wort einen besonderen Rahmen zu geben. Da war es vielleicht eine Fügung, dass die Werkstatt kurz zuvor einen 3D-Drucker angeschafft hatte. Seitdem ist der Zuversicht-Druck im Unternehmen beinahe ikonisch geworden und wird verschenkt – an Mitarbeitende, Stifter und Stakeholder. Rund 1.000 Stück wurden bereits gedruckt – und das in verschiedenen Größen und Farben. Philipp Senft nimmt einen Druck in die Hand und prüft ihn fachmännisch. »Ist gut geworden«, befindet er und strahlt.
Eine, die jeden Tag mit Zuversicht anpackt, ist Cigdem Korkmaz. Die 50-Jährige ist Mutter von vier Jungen und lebt in Friedrichshafen. Als einer ihrer Söhne, Rüzgar, in der dritten Klasse nicht mehr zurechtkommt, beginnt ihre Suche nach einer Lösung für ihn. Rüzgar und sein Zwillingsbruder Mert erblickten im Dezember 2019 als Frühchen das Licht der Welt. Mert entwickelt sich altersentsprechend, doch bei Rüzgar erfolgt die Entwicklung verzögert. »Als er in der dritten Klasse war, kam der Vorwurf, dass er stört. Er bekam leichtere Aufgaben, ich musste ihn früher holen oder später bringen, das war schwierig für mich«, erzählt Korkmaz, die alleinerziehend ist. »Ich sah, wie mein Sonnenschein Rüzgar litt, also ließ ich mich beraten. Man riet mir, meinen Sohn auf eine Sprachheilschule zu schicken.« Obwohl Korkmaz tatkräftig alle Hebel in Bewegung setzt, wird sie in der Umsetzung aufgehalten und ausgebremst. Erst als sie Rüzgar daheimlässt und dies dem Schulamt mitteilt, kommt Bewegung in die Sache. Nach langem Ringen erhält ihr Sohn einen Platz an der Schule am Wolfsbühl der Zieglerschen, dem SBBZ Sprache im Hör-Sprachzentrum in Wilhelmsdorf. Schnell merkt sie, wie gut diese Schule Rüzgar tut. Nach weiterer Überzeugungsarbeit folgt der Platz im Internat. »Die männlichen Erzieher waren mein Glückslos. Rügzar hat seine Balance zurückbekommen. Internat und Schule, es ist für uns eine perfekte Einheit«, schwärmt die erleichterte Mutter.
Und so geht der 11-jährige Rüzgar genauso tatkräftig seinen Weg. Er wird Schülersprecher, gewinnt den Sozialpreis der Schule für Zivilcourage und hält bei der Einsetzungsfeier des neuen Schulleiters Michael Rösch im vergangenen Herbst sogar eine Rede in der vollbesetzten Turnhalle. »Den Schulpreis hat sich Rüzgar redlich verdient«, erzählt Michael Rösch. »Er hat Hilfe geholt, als er auf dem Schulweg einen bewusstlosen Senior fand, und er hat den Diebstahl eines Lehrerschlüssels angezeigt, obwohl der Schlüsseldieb ihn bedrohte.« Gerade macht Rüzgar ein Praktikum im Marktkauf, und er hat auch schon eine Woche im Seniorenzentrum Wilhelmsdorf gearbeitet. »Das war schön dort!«, blickt er zurück und darum ist das auch sein Plan B für die Zukunft: »Nach der Neunten möchte ich nach Stuttgart gehen, den Realschul-Abschluss machen und dann Altenpflegehelfer werden«, erzählt der 16-Jährige. Plan A ist es, Boxer zu werden, wovon Mutter Cigdem nicht begeistert ist. »Ich weiß nicht, wie er darauf kommt, aber Plan B finde ich richtig gut.« Wenn sie auf den weiteren Lebensweg ihres Sohnes schaut, dann verspürt sie eines: Zuversicht. Und Rüzgar selbst sieht dies auch so.
Von Wilhelmsdorf geht es weiter nach Plüderhausen. Die Zieglerschen betreiben hier im Seniorenzentrum »Am Brunnenrain« auch ein Tagespflegeangebot. Herta und Alfred Wiesner probieren es im Sommer 2021 zum ersten Mal aus. Alfred, 88 Jahre, ist zu diesem Zeitpunkt an Demenz erkrankt. Er bekommt Medikamente, doch er ist orientierungs- und hilflos. Es geht ihm schlecht. Für die Familie ist das belastend, der Begriff Zuversicht wäre der letzte gewesen, der ihnen in dieser Situation eingefallen wäre.
Am 2. September 2021, das Datum weiß Herta Wiesner noch genau, kommt es zur Eskalation. An diesem Tag wird Alfred immer aggressiver. Am Nachmittag muss die 85-Jährige ihren Mann aus der Tagespflege abholen, die Situation verschärft sich immer mehr. Spätabends bringt ein Krankenwagen den 88-Jährigen in die Sozialpsychiatrie nach Winnenden. Dort bekommt er endlich andere Medikamente. Und dann geht es ihm Schritt für Schritt besser. Nach einiger Zeit versucht es die Familie in der Tagespflege Plüderhausen erneut. »Ich habe mich natürlich informiert über die Krankheit und so konnte ich herausfinden, was Alfred gestört hat«, erzählt Herta Wiesner. »Er war ja Chef gewesen, hatte einen großen Friseursalon in Schorndorf, hat über 20 junge Menschen ausgebildet.« Also bespricht sie mit dem Team der Tagespflege, dass er bei nichts mitmachen muss, dass sie ihn stattdessen beobachten und auch mal »Chef spielen lassen«. Eine brillante Idee.
Das Team macht mit, »und dafür bin ich sehr dankbar«, wie die zierliche 85-Jährige berichtet. »Seitdem geht Alfred freudig los und kommt freudig zurück.« Er selbst spricht nun davon, dass er mittwochs und freitags »zum Arbeiten« geht. Die Tagespflege gibt Struktur. Feste Gewohnheiten, soziale Kontakte und kontinuierliche Begleitung sind wichtig für Menschen mit Demenz. Spricht man Alfred Wiesner, dem man seine Krankheit oft gar nicht anmerkt, auf die Tagespflege an, dann schwärmt er von Magda Karakatsani, der Leiterin. »Magda und ihr Team erarbeiten für uns jeden Tag ein abwechslungsreiches Programm, das uns beschäftigt und mit sehr viel Liebe ausgeführt wird.« Auch von der Geduld mit manchen Tagespflegegästen berichtet er begeistert. »Wenn Sie mich fragen, was man hier besser machen kann«, setzt er an, lächelt und macht eine lange Pause: »Nichts!« Und so freut er sich beim Heimgehen immer schon auf das nächste Mal in Plüderhausen. So klingt Zuversicht.
Noch einmal zurück in die WfbM. Hier steht Andrea Rudolph und freut sich, denn vor kurzem hat die Werkstatt grünes Licht für eine üppige EU-Förderung von 900.000 Euro erhalten. Dank dieses Geldsegens werden bald sechs spezielle Arbeitstische in der WfbM stehen. Das Besondere an ihnen: Digitale Technik unterstützt Mitarbeitende mit hohem Assistenzbedarf. Visuelle Hilfsmittel leiten durch die Arbeitsabläufe, Kameras verfolgen die Tätigkeiten, KI führt begleitend eine Fehlerkontrolle durch. »Durch die digitale Unterstützung erhalten Menschen mit hohem Assistenzbedarf die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten aktiv im Arbeitsleben einzubringen. Das stärkt die Selbstständigkeit und fördert eine positive Entwicklung«, erläutert Andrea Rudolph. Und ihr Kollege Andreas von Großmann ergänzt: »Ich bin zuversichtlich, dass wir damit auch die Durchlässigkeit in den ersten Arbeitsmarkt erhöhen.«
Und da ist es wieder, was Gottfried Heinzmann meint, wenn er sagt: »Zuversicht ist der Begriff, der unser diakonisches Wirken am besten beschreibt. Den Menschen, die sich uns anvertrauen, Zuversicht zu schenken und sie auf ihrem Weg zu begleiten – das ist unser Auftrag. Und darum geht es uns. Tag für Tag.«
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»Ich hab in dem Zimmer gestanden und wusste: Das ist meins.« – Maximilian in seinem neuen Zuhause.

Zuversicht: Mutter Cigdem Korkmaz mit ihren Zwillingen Mert (l.) und Rüzgar (r.)., Bauen für Morgen, ein neues Zuhause für Jugendliche, der 3D-Aufsteller in Händen von Gottfried Heinzmann.

Alfred Wiesner und Magda Karakatsani in der Tagespflege Plüderhausen: »Was man besser machen kann? Nichts!«