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Deportation
und Gedenken

NS-Euthanasiemorde an Menschen
der Zieglerschen Anstalten 1941

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Deportation
und
Gedenken

Vor 80 Jahren, am 24. März 1941, hielten die berüchtigten „grauen Busse“ vor der Wilhelms­dorfer Taubstummenanstalt. 19 „Pfleglinge“ nahmen sie mit – nur einer kehrte zurück. Die übrigen wurden im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms ermordet. Wir erinnern an die Ereignisse und gedenken der Opfer.

Den Bericht über die Gedenkveranstaltung am 24. März in Wilhelmsdorf finden Sie hier

Wilhelmsdorf 1939

In den 1930er Jahren ist Wilhelmsdorf geprägt durch die diakonische Arbeit in den „Zieglerschen Anstalten“. In der „Taubstummenanstalt“ werden „normalbegabte“ und „schwachsinnige“ Taubstumme betreut. Das „Knabeninstitut KI“ ist eine weithin bekannte evangelische Internats­schule für Jungen. Und in der Trinkerheilanstalt Haslachmühle werden alkoholkranke Männer therapiert.

Ab Mitte der 30er Jahre greift der nationalsozialistische Staat jedoch immer spürbarer in diese Arbeit ein. Ende März 1939 wird das Knabeninstitut (KI) auf Anweisung des NS-Kultusministeriums geschlossen, da „keine Gewähr dafür besteht, daß die Jugend in dieser Schule im Geiste der nationalsozialistischen Weltanschauung erzogen wird.“

Saalplatz mit Betsaal · © Archiv Die Zieglerschen

Ein „Schul- und Anstaltsdorf“ ist das von Pietisten gegründete Wilhelmsdorf in den 1930er Jahren. Es ist geprägt durch die diakonische Arbeit in den Einrichtungen der Zieglerschen Anstalten, die rund um den markanten Betsaal entstanden sind.

Innenhof der Taubstummenanstalt · © Archiv Die Zieglerschen

Die „Taubstummenanstalt“, rund 100 Jahre zuvor als Schule für Menschen mit Hörbehinderung gegründet, wird seit 1936 von Hausvater Heinrich Hermann geführt. Das Haus ist mit 158 „Pfleglingen“ aller Altersgruppen belegt und am Rande seiner Aufnahmekapazität.

Das Knabeninstitut (2. und 3. Gebäude v.l.) · © Archiv Die Zieglerschen

Das „Knabeninstitut (KI)“ wird zum 1. April 1939 vom NS-Kultusministerium geschlossen. Hier werden nun Kinder aus der Taubstummenanstalt einquartiert, auch zahlreiche „Pfleglinge“ aus anderen Anstalten werden aufgenommen. Innerhalb eines Jahres verdoppelt sich die Zahl der dort lebenden Kinder von 48 (im Jahr 1939) auf 100 Kinder im März 1941. Auch die Taubstummenanstalt ist in dieser Zeit mehr als voll belegt: 110 „Pfleglinge“ sind 1940 zu versorgen. Die Verantwortlichen der Taubstummenanstalt haben sich vorerst mit der neuen, wenn auch nicht optimalen Situation in ihrer Einrichtung arrangiert.

Doch es gehen beunruhigende Gerüchte über „Euthanasie-Morde“ durchs Land ...

In der Reichshauptstadt Berlin, rund 600 Kilometer entfernt, spielen sich derweil bedrohliche Ereignisse ab. Eine Propagandaoffensive des nationalsozialistischen Machtapparates hatte jahrelang den Nährboden für „eugenische Maßnahmen“ zur „Optimierung der Volksgesundheit“ bereitet. Menschen mit verminderter Leistungsfähigkeit sollten aus Kosten-Nutzen-Kalkulation beurteilt und als „unwerte“ Bevölkerungsteile weitestgehend ausgemerzt werden, so die grausame Logik.

Die „Euthanasie“-Behörde · © Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 Nr. 0152461 / Köster, Walter

Eine alte Stadtvilla in der Tiergartenstraße 4 wird zum Sitz der „Euthanasie“-Behörde und gibt ihr den Namen: T4. Zuvor hatte Adolf Hitler mit dem Befehl zur „Aktion Gnadentod“ die beispiellosen Tötungsaktionen beaufragt. Die systematische Ermordung von psychisch Kranken und geistig behinderten Menschen wird nun planwirtschaftlich organisiert. Es entstehen Vernichtungszentren, das erste 1939 in Grafeneck bei Reutlingen, später folgen Brandenburg, Bernburg, Hartheim und Sonnenstein. 1941 wird statt Grafeneck das Zentrum in Hadamar in Betrieb genommen.

Ein knappes Jahr später, am 1. August 1940, erreicht die NS-Euthanasie Wilhelmsdorf. Im Hinblick auf die Notwendigkeit planwirtschaftlicher Erfassung der Heil- und Pflegeanstalten“, schreibt das Innenministerium in Berlin, „ersuche ich Sie, die anliegenden Meldebogen umgehend … auszufüllen.“ Heinrich Hermann ist als Hausvater zuständig für die Bearbeitung des Schreibens. Er braucht offenbar keine lange Bedenkzeit, denn schon am 6. August schickt er die Bogen zurück – unausgefüllt.

Heinrich Hermann am Schreibtisch · © Archiv Die Zieglerschen

„… man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ · © StA Sig. Wü 29/3 T 1 Nr. 1756/02/03

Ich kenne den Zweck dieser planwirtschaftlichen Erfassung (...). Ich weiss von den vielen Todesnachrichten“, schreibt Heinrich Hermann. In der Heil- und Pflegeanstalt Stetten hatte man ihm Briefe von Angehörigen der Getöteten gezeigt. „Ich kann da gewissenshalber nicht schweigen und nicht mitmachen. (...) Ich habe einfach die Ueberzeugung, daß die Obrigkeit mit der Tötung gewisser Kranker ein Unrecht begeht. (...) Es tut mir leid, aber man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Und: „Ich bin bereit, die Folgen dieses meines Ungehorsams auf mich zu nehmen.“

Wilhelm Stempfle im Unterricht (in der Mitte) · © Privatbesitz Ernst Blickle

Doch damit ist die Gefahr nicht gebannt. Bereits am 16. August 1940, nur wenige Tage nach Hermanns Brief, wird beim Reichsinnenministerium erneut um die Zusendung von 50 Meldebogen gebeten. Vermutlich geht dies auf die Initiative des Vorstandes der Zieglerschen Anstalten zurück. Zusätzlich bittet auch Taubstummenlehrer Wilhelm Stempfle, Hermanns Kollege in der „Gehörlosenschule mit Heim“, um weitere Meldebogen. Er fragt sogar an: „Dürfen wir etwa Herrn Dr. Eyrich zur Beratung hierher bitten?“ Dr. Max Eyrich ist Landesjugendarzt und war als solcher maßgeblich für die Zwangssterilisationen vor Beginn des Krieges zuständig, von denen auch Insassen der Zieglerschen Anstalten betroffen waren.

Und tatsächlich wird – vermutlich wegen des ablehnenden Verhaltens von Hausvater Hermann – eine Gutachterkommission des württembergischen Innenministeriums nach Wilhelmsdorf geschickt.

Besuchsankündigung von Dr. Mauthe · © StA Sig. Wü 29/3 T 1 Nr. 1756/02/03

Ich habe Dr. Mauthe und Dr. Eyrich beauftragt, die Aus­füllung der Melde­bogen in der dortigen An­stalt zu über­wachen, bezw. selbst vor­zu­neh­men“, schreibt „Der Württ. Innen­minister“. Zur Vor­berei­tung sollte „umgehend spätestens bis zum 5. Okto­ber 1940“ eine Liste mit allen „Schwach­sinnigen, Epi­lep­tischen und Geistes­kranken“ zusammen­gestellt werden.

Dr. Mauthe (l.) und Dr. Eyrich · © Staatsarchiv Ludwigsburg, StAL F 215 Bü 184 und Hauptstaatsarchiv Stuttgart EA 2/150 Bü 315

Am 23. Oktober 1940 findet der „Besuch“ von Obermedizinalrat Dr. Otto Mauthe und Landesjugendarzt Dr. Max Eyrich in Wilhelmsdorf statt. Hermann hatte vorab 45 Namen gemeldet – nur einen kleinen Teil der „Pfleglinge“ und nur jene, „denen man nach laienhaftem Ermessen den Schwachsinn“ ansieht. Mauthe und Eyrich begutachten die 45 Menschen.

Als Zeuge im Grafeneck-Prozess beschreibt Heinrich Hermann nach dem Krieg den Besuch in Wilhelmsdorf wie folgt: „Bei der Begrüßung äußerte Dr. Mauthe: ›Nicht wahr, Herr Hermann, das ist ein trauriger Anlass, warum wir heute kommen!‹, was ich natürlich bejahte. Im Laufe der Untersuchung der Patienten äußerte Herr Dr. Eyrich zu mir: ›Aber nicht wahr, Herr Hermann, für diese Leute ist es doch nicht schad!‹, worauf ich entgegnete: ›Aber es ist nicht recht, was sie tun!‹. Darauf äußerte Herr Dr. Eyrich zur Obermed.Rat Dr. Mauthe: ›Mit Herrn Hermann ist nichts anzufangen.‹“

Immerhin: Während die Meldebogen ausgefüllt werden, ermutigt Dr. Mauthe Hausvater Hermann offenbar mehrfach, die Arbeitsleistung der Patienten höher anzugeben, als sie in Wirklichkeit ist, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen. Doch Hermann kann nicht einmal hier zur Notlüge greifen. Auch zerreißt Dr. Mauthe zwei Bogen mit dem Hinweis, „daß die Betreffenden neben dem Schwachsinn zugleich taubstumm seien“ und „als Taubstumme nicht zu melden wären“. So bleiben am Ende 43 ausgefüllte Meldebogen übrig, denen Hausvater Hermann die Unterschrift verweigert, weil „ich die Verantwortung ablehne für diese ganze Aktion.“

Zwei Tage nach dem Besuch, am 25. Oktober, beugt sich Hausvater Hermann doch Dr. Mauthes Aufforderung und gibt die 43 Bogen mit seiner Unterschrift in die Post: „Mit schwerem Herzen schicke ich die Bögen heute an Sie ab. Es sind darauf Menschen geschrieben, die uns von Behörden und Privaten anvertraut sind, damit wir Ihnen (sic!) alle Sorgfalt und Liebe angedeihen lassen. Es war mir eine Freude diesen Menschen zu dienen. Jetzt soll ich sie dem Tod ausliefern ›aus Gehorsam gegen die Obrigkeit‹. Die Verantwortung ist schwer.“

„Mit schwerem Herzen ...“ · © StA Sig. Wü 29/3 T 1 Nr. 1756/02/03

Zugleich richtet Hausvater Hermann an Obermedizinalrat Dr. Mauthe eine unmissverständliche Bitte: „Es hat mich so gefreut, als Sie drei Bögen zerrissen haben … Ist es nicht möglich noch einige Bögen zu zerreissen?“ Anschließend nennt er die Namen von zwölf Männern und sieben Frauen, deren Meldebögen er vernichtet sehen will – darunter den Namen Ernst Weiß.

Heinrich Hermann · © Privatbesitz Bernhard Stockmayer, Zwiefalten

Fast fünf Monate lang, bis März 1941, erhält Hausvater Hermann auf dieses Schreiben keine Antwort.

Erst am 8. März 1941 erreicht die Zieglerschen Anstalten erneut ein Brief aus Stuttgart: „Auf Anordnung des zuständigen Herrn Reichs­vertei­digungs­kommissars sind die in den angeschlossenen Verlegungs­listen aufgeführten Kranken in die Heilanstalt Weinsberg zu verlegen.“ Die Patienten sollen Wilhelmsdorf bereits in wenigen Tagen verlassen und zunächst nach Weinsberg, in ein Zwischen­lager transportiert werden. Dies dient zum einen als Verschleierungstaktik gegenüber den Angehörigen, zum anderen hat es logistische Gründe – die Tötungsanstalten sollen nicht „überfüllt“ werden. Von den 43 Melde­bogen werden am Ende 17 „Pfleglinge“ vom Innen­ministerium zum Abtrans­port bestimmt (zwei weitere werden zusätzlich zu dieser Liste deportiert). Hermanns Inter­ventionen, konkret auch die Namensliste an Dr. Mauthe, führt insofern teilweise zum Erfolg.

Betreff: Verlegung von Kranken · © StA Sig. Wü 29/3 T 1 Nr. 1756/02/03

Am 24. März 1941 werden 19 Frauen, Männer und Kinder der Zieglerschen Anstalten von den „grauen Bussen“ abgeholt. Die Gruppe kommt zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt Schussenried. Dort bleibt sie eine Nacht und wird am kommenden Tag nach Weinsberg in die dortige Heilanstalt gebracht. Hier müssen sie vier Wochen auf ihren Weitertransport in eine der aktiven Tötungsanstalten warten.

Mit solchen „grauen Bussen“ wurden die 19 Menschen abgeholt. Dieses Foto stammt aus Stetten, aus Wilhelmsdorf gibt es davon keine Bilder. · © Historisches Archiv Diakonie Stetten/HA DS 3675-05

Rauchender Schornstein des Krematoriums von Hadamar 1941 · © Diözesanarchiv Limburg (DAL), Nachlass Pfarrer Becker, Fotograf (vermutl.) Wilhelm Reusch

Knapp einen Monat später, am 22. April 1941, bringt man 15 der Deportierten in die Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg. Dort werden sie noch am Tag ihrer Ankunft vergast. Nur vier aus der Gruppe, Siegfried Klotz, Gotthilf Fischer, Ernst Weiss und Rosine Schaile, bleiben in Weinsberg zurück. Hausvater Hermann hatte sie unmittelbar nach dem Erlass zur Verlegung als „brauchbare Arbeitskräfte“ gemeldet, um sie vor der Deportation zu bewahren. Einen weiteren Monat später, am 29. Mai 1941, entscheidet sich auch das Schicksal dieser vier. Drei werden am 16. Juni 1941 ebenfalls ins hessische Hadamar gebracht und dort vermutlich noch am Ankunftstag ermordet. Nur ein einziger kehrt nach Wilhelmsdorf zurück: Ernst Weiß.

19 Namen, 10 Männer, 4 Frauen und 5 Kinder, vermerkt das Ausgangsbuch der Taubstummenanstalt für den 24. März 1941. Sie alle sind Opfer des NS-Euthanasieprogramms. Der einzig Überlebende, Ernst Weiß, bleibt zeitlebens traumatisiert.

In diesem Ausschnitt des Ausgangsbuchs der Taubstummenanstalt sind die Namen der 19 Deportierten handschriftlich vermerkt. Die jüngste, Maria Bayer, ist zu diesem Zeitpunkt erst 13 Jahre alt. Die älteste ist Rosine Schaile. Sie ist 55 Jahre alt.

Auszug aus dem Ausgangsbuch der Taubstummenanstalt von 1941 · © Archiv Die Zieglerschen

Die Heil- und Pflegeanstalt Zwiefalten · © Bildarchiv Foto Marburg, Aufnahme-Nr. KBB 5517

Nach immer stärkerem öffentlichem Protest, insbesondere durch den Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, sowie andere kirchlicher Würdenträger, gibt Hitler am 24. August 1941 die mündliche Weisung, die „Aktion T4“ zu beenden und die „Erwachseneneuthanasie“ in den Tötungsanstalten einzustellen. Die sogenannte „Kinder-Euthanasie“ wird jedoch fortgesetzt, ebenso die dezentrale Tötung behinderter Erwachsener in einzelnen „Heil- und Pflegeanstalten“ durch Nahrungsentzug sowie Verabreichung von Luminal oder Morphium-Scopolamin.

Auch die Zieglerschen Anstalten haben danach weitere Opfer zu beklagen. Im Zuge der Neustrukturierung des Anstaltswesens im gesamten Deutschen Reich ist die Taubstummenanstalt 1943 gezwungen, alle schwerkranken und pflegebedürftigen Insassen an andere Einrichtungen abzugeben. Insgesamt weitere 40 „Pfleglinge“ müssen daher Wilhelmsdorf verlassen, 20 kommen in die Heil- und Pflegeanstalt Zwiefalten (Foto), die zweite Gruppe – fast ausschließlich Kinder und Jugendliche – werden in die Heil- und Pflegeanstalt Heggbach gebracht.

Die Verlegungen bezahlt ein Teil der Patienten mit dem Leben. Es gibt keine wirklich eindeutigen Belege dafür, dass ihr Ableben aktiv beeinflusst wurde. Dennoch mussten sie, die in die Kategorie „unwertes Leben“ fielen, hier unter ungünstigeren Bedingungen leben, als dies in Wilhelmsdorf der Fall gewesen war. So können auch sie als mittelbare Opfer der Euthanasie betrachtet werden.

Menschen und
Schicksale

Heinrich Hermann

Ernst Weiß

Frieda Weiß

... man muss
Gott mehr gehorchen
als den Menschen.

Heinrich Hermann, Hausvater

Heinrich Hermann wird am 2. August 1878 in der Schweiz geboren. Er kommt als 12-Jähriger ans Wilhelmsdorfer „Knabeninstitut (KI)“, wo er seine Schulzeit verbringt. Untergebracht ist er bei Pfarrer Georgii, mit dem seine Schwester verheiratet ist. Nach der Schulzeit absolviert Heinrich Herrmann seine Diakonen-Ausbildung an der streng-pietistischen Pilgermission St. Chrischona bei Basel.

Heinrich Hermann mit seiner Frau · © Privatbesitz Bernhard Stockmayer, Zwiefalten

Getreuliche Pflichterfüllung als christlicher Lebensauftrag und komplette Verinnerlichung von Bibel und göttlichen Geboten sind wichtige Bestandteile der Lehrzeit in St. Chrischona. Dies gibt ihm für sein späteres Leben und Handeln Halt und Orientierung.

Heinrich Hermann am Schreibtisch · © Archiv Die Zieglerschen

Erfahrung in einer großen Heil- und Pflegeanstalt sammelt er in Stetten im Remstal, wo er fast zehn Jahre lang als Hausvater tätig ist. Nach dem Tod seiner geliebten Frau verlässt er Stetten und geht mit 58 Jahren erneut nach Wilhelmsdorf. Hier, wo er selbst zur Schule ging, übernimmt er 1936 die Hausvaterposition an Taubstummenanstalt und Knabeninstitut (KI). Mit seinem konsequent christlichen und zutiefst menschlichen Handeln erweist er sich als bewundernswertes Vorbild. Er leistet den Anordnungen des NS-Staates nicht Folge und verweigert das Ausfüllen der Meldebogen für seine „Pfleglinge“.

Dies bringt die „Zieglerschen Anstalten“ und auch ihn persönlich in Gefahr. Wie nach dem Krieg bekannt wird, durch den „Grafeneck-Prozess“ gegen Obermedizinalrat Dr. Otto Mauthe, erließ man 1942 „aus Berlin“ die Order, „Wilhelmsdorf sei aufzulösen, in Staatsbesitz zu überführen, die Kranken seien in staatliche Anstalten zu verlegen, Hermann sei zu maßregeln.“ Nur der Umstand, dass Hermann Schweizer Staatsbürger ist, habe ihn letztlich vor der Verfolgung durch die Gestapo gerettet.

Mit seinem mutigen Handeln für die Wilhelmsdorfer Pfleglinge stand Hausvater Hermann weitgehend allein.

Sein Kollege Stempfle hatte die Melde­bogen erneut an­gefor­dert, der Landes­verband der Inneren Mission, den Hermann um Rat gebe­ten hatte, stellte klar, dass sie aus­zufüllen seien. Und die Haltung des Vor­standes der Ziegler­schen Ein­rich­tungen ist ange­sichts fehlen­der Quellen nicht klar zu rekon­struieren. Aber es steht zu ver­muten, dass er auch von dort keine Unter­stützung erfuhr.

Dennoch bleibt Heinrich Hermann der schwie­rigen Aufgabe als Haus­vater der Taub­stummen­anstalt bis zu seinem Ruhe­stand im Jahr 1947 treu. Mit seiner besonnenen, freund­lichen und verant­wortungs­vollen Art ist er tat­sächlich wie ein Vater für die vielen Kinder und Pfleg­linge.

Treu bleibt er bis zu seinem Lebens­ende auch Wilhelms­dorf, wo er im Jahr 1961 verstirbt. In der Trauer­anzeige für ihn heißt es: „Sehr groß war die Schar derer, die ihn zur letzten Ruhe geleiteten.“

Heinrich Hermann mit Patenkind · © Privatbesitz Bernhard Stockmayer, Zwiefalten

Ernst Weiß, Maler

Ernst Samuel Weiß wird am 31. Juli 1920 als unehelicher Sohn von Friederike Weiß in Calw geboren. Er lebt im Haushalt der Großmutter Friederike und ihres Mannes Martin, da seine Mutter arbeiten muss. Der Junge wächst in bescheidenen, doch offensichtlich liebevollen Verhältnissen auf. Von Beginn an ist er kränklich und entwickelt sich körperlich und geistig nur langsam.

Ernst Weiß mit 7 Jahren · © Nachlass Ernst Weiß

Mit knapp 7 Jahren, am 17. Juni 1927, wird Ernst Weiß in die Zieglerschen Anstalten in Wilhelmsdorf aufgenommen. Er gilt als „hörstumm“, versteht nur wenige Wörter und gibt einzelne, unartikulierte Laute von sich. Seine Mutter lebt in Stuttgart und hält regen Kontakt zu ihrem Sohn. Ihre Briefe zeugen von großer Sorge um sein Schicksal, immer wieder bittet sie um rasche Antwort und Auskunft über seinen Verbleib.

Im April 1938 wird Ernst Weiß im städtischen Krankenhaus Ravensburg operiert und unfruchtbar gemacht. Damals ist er nicht einmal 18 Jahre alt. Er gehört damit zu den rund 300.000 Menschen, die noch vor Kriegsbeginn von der Zwangssterilisation betroffen sind. Als das baden-württembergische Innenministerium im Oktober 1940 wiederholt eine Liste aller „Schwachsinnigen, Epileptischen und Geisteskranken“ der Taubstummenstalt einfordert, liefert Hausvater Hermann schließlich 45 Namen – darunter den von Ernst Weiß.

Zu diesem Zeitpunkt ist er 20 Jahre alt. Hausvater Hermann beschreibt ihn so: „Ernst kann sich nur mit Gebärden verständigen. Auch zur selbständigen schriftlichen Ausdrucksfähigkeit hat er es nicht gebracht. Er wird hier nur zu leichter Haus- und Hofarbeit verwendet. Er kann einige Wörter stammeln und die Schreibschrift lesen.“

Porträt von Ernst Weiß aus dem Jahr 1939 · © Nachlass Ernst Weiß

Unter den 43 Meldebogen, die Hausvater Hermann am 25. Oktober 1940 „mit schwerem Herzen“ an Obermedizinalrat Dr. Mauthe verschickt, ist auch der von Ernst Weiß. Zugleich führt Herrmann 19 Namen auf – darunter Ernst Weiß –, „die hier wirklich nützliche Arbeit vollbringen“. „Ist es nicht möglich, noch einige Bögen zu zerreissen?“, bittet er.

Meldebogen von Ernst Weiß · © Archiv Die Zieglerschen

Die Bitte bleibt ungehört. Ernst Weiß wird am 24. März 1941 aus Wilhelmsdorf deportiert und in die Heilanstalt Weinsberg verlegt. Wenige Tage zuvor hatte Hausvater Hermann einen weiteren Rettungsversuch unternommen, indem er Ernst Weiß und drei weitere Patienten als „brauchbare Arbeitskräfte“ beschreibt und um nochmalige Begutachtung bittet. Tatsächlich bleiben die vier länger in Weinsberg – bis zur Entscheidung am 16. Juni 1941. An diesem Tag werden die verbleibenden Wilhelmsdorfer in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht – alle, außer Ernst Weiß. Er kehrt drei Monate später, am 11. September 1941, nach Wilhelmsdorf zurück.

Doch von einem Happyend kann kaum die Rede sein. Ernst Weiß steht beispielhaft für die „Euthanasie“-Opfer, die zwar überlebten, aber zeitlebens traumatisiert blieben. So befielen ihn heftige Erregungszustände, wenn er Uniformen oder gar im Fernsehen Aufmärsche aus der NS-Zeit sah. Ein Bild Adolf Hitlers bzw. dessen Oberlippenbart reichte, um ihn in Aufregung zu versetzen.

Ernst Weiß beim Malen · © Aktion-Kunst-Stiftung gGmbH / Nachlass Ernst Weiß

Der Maler im Dorf – Kunstwerk von Ernst Weiß · © Nachlass Ernst Weiß

Nach seiner Rückkehr lebt, arbeitet und malt Ernst Weiß fast siebzig Jahre bei den Zieglerschen in Wilhelmsdorf. Da er gehörlos ist und nicht sprechen kann, sind seine Bilder als Ausdruck seines Innenlebens umso wichtiger. Mehr als 800 Kunstwerke hinterlässt der Maler – und im Grunde zeichnet er immer das gleiche Grundmotiv: Eine Szenerie aus einer vergangenen Zeit auf dem Lande, mit Pferd und Wagen, sehr fein gezeichnet, sehr detailgetreu. Das Böse hat zu dieser Welt keinen Zutritt, es ist eine sichere, geordnete Welt. Einen Bus malt er nur ein einziges Mal. Menschen, die ihn kannten, beschreiben Ernst Weiß als bescheiden, freundlich, zurückhaltend, hilfsbereit und fleißig. Am 20.09.2009 verstirbt er mit 89 Jahren in Wilhelmsdorf.

Der künstlerische Nachlass von Ernst Weiß befindet sich seit 2013 bei der Aktion-Kunst-Stiftung in Soest. Weiterführende Interpretationen seiner Kunstwerke enthält eine Grundlagenforschung über Ernst Weiß.

... Von den andern [Kindern]
ist keins mehr da,
nur noch der Ernst.

Frieda Weiß, Mutter von Ernst Weiß

Friederike Weiß wird am 23. Dezember 1898 unehelich im Armenhaus in Neuweiler geboren. Ihre Mutter (1872-1938), die ebenfalls Friederike heißt, hat bereits einen unehelichen Sohn. 1903 bekommt die kleine Frieda (oder Frida) eine weitere Schwester. Am 1. März 1905 heiratet die Mutter den Dienstknecht Martin Hölzle, mit dem sie fünf weitere Kinder bekommt.

Frieda Weiß als junge Frau · © Nachlass Ernst Weiß

Mit 21 Jahren bringt Friederike Weiß ihren Sohn Ernst Samuel zur Welt. Auch er wird unehelich geboren. Da die Mutter arbeitet, wächst Ernst bei der Oma auf. Die Verbindung von Mutter und Sohn ist zeitlebens sehr eng.

Die staatliche Heilanstalt Weinsberg bei Heilbronn · © Staatsarchiv Ludwigsburg, StAL F 234 VI Nr 905

1941 arbeitet Frieda Weiß in der Kantine des „Rotebühlbaus“ in Stuttgart. In dem riesigen Komplex sind zahlreiche Verwaltungen wie Finanzamt, Hauptzollamt, Wehrbezirkskommando und Polizei (Bekleidungsstelle) untergebracht. Frieda Weiß wickelt ihre gesamte Korrespondenz des Jahres 1941 über diese Adresse ab.

Die Mutter hält regen Kontakt zu ihrem Sohn. Sie erkundigt sich nach seinem Befinden und erbittet rasche Antworten. Die Briefe zeigen eine realistische, gut informierte Frau, die weiß, dass ihr Sohn in Lebensgefahr schwebt. Deshalb verfällt sie auf eine verhältnismäßig einfache Lösung. Sie gibt Ernst eine adressierte und frankierte Postkarte mit, die er im Falle einer Verlegung aus der neuen Anstalt schicken soll.

Die vorbereitete Karte kommt am 3. Mai aus der Heilanstalt Weinsberg an. So erfährt die Familie, was Angehörigen verschwiegen werden soll: Ernst Weiß wurde aus Wilhelmsdorf abtransportiert und ist nun nach Weinsberg verlegt. In Windeseile entwickelt die Familie eine regelrechte Strategie, um den 20-Jährigen mit Briefen, Paketen und Besuchen nach Kräften zu schützen. Dank der nochmaligen Intervention von Heinrich Herrmann soll die Arbeitstauglichkeit von Ernst Weiß in Weinsberg erneut geprüft werden. Die Mutter nutzt diese „Gnadenfrist“, um mit familiärer Unterstützung ein System von Verbindlichkeiten und Kontakten in Weinsberg aufzubauen. Frieda Weiß besucht ihren Sohn in dieser Zeit allein sechs Mal. Ernsts offensichtliche Freude über die Besuche werden ausdrücklich vermerkt. Offenbar versucht die Mutter, wann immer möglich, an den Sonntagen in Weinsberg vorstellig zu werden. Und dies, obwohl Anstaltsleiter Jooss anmerkt: „Sonntagsbesuche sind uns ungeschickt“. Frieda Weiß hatte resolut erläutert, dass sie „in einem Wehrpflichtigen Betrieb arbeite“ und somit „Werktags keine Zeit habe“.

Am 16. Juni 1941 fällt die Entscheidung: Ernst Weiß erhält durch den Weinsberger Anstaltsleiter Karl Eugen Jooss ein Gutachten, das dem Patienten bescheinigt, „gewandt und anstellig“ sowie „körperlich frisch, beweglich und kräftig“ zu sein. Die Beurteilung steht im auffälligen Gegensatz zu Ernst Weiß‘ Patientenakte in Weinsberg. Offenbar nutzte Anstaltsleiter Jooss in Einzelfällen immer wieder geschönte Gutachten, um Patienten vor dem Todeslager zu bewahren. Unmittelbar nach dem Krieg nimmt sich Joos das Leben. Zeugen bringen das in direkten Zusammenhang mit der „Euthanasieaktion“. Er habe „unter der Sache schwer gelitten“.

Nach der Entscheidung vergehen weitere drei Monate, in denen Frieda Weiß um Ernsts Leben bangt. Am 10. August teilt sie Hermann mit, dass sie von einem „Wärter“ erfahren habe, dass man „jeden Tag auf Antwort“ warte, dass Ernst Weiß wieder nach Wilhelmsdorf zurück könne, „von den andern [Kindern] ist keins mehr da, nur noch der Ernst“. Drei Monate später, am 11. September 1941 verlässt Ernst Weiß die Heilanstalt Weinsberg und kehrt zurück nach Wilhelmsdorf.

Frieda Weiß · © Aktion-Kunst-Stiftung gGmbH / Nachlass Ernst Weiß

Doch die Angst um ihren Sohn bleibt bis zum Ende des Krieges ständiger Begleiter. In einem Brief aus dem März 1942 reagiert Frieda Weiß geradezu panisch auf eine missverständliche Bemerkung von Hausvater Hermann: „ist die Sach aufgehoben, oder ist es doch noch möglich dass Ernst fort komt“. Im Winter besorgt sie einen warmen Mantel, ihr Ernst „soll nicht frieren“, und nimmt Hausvater Hermann das Versprechen ab: „Sollte mit Ernst mal etwas sein, so bitte ich Sie mir diesen Mantel wieder zu schicken als Andenken.“

1943 heiratet Frieda Weiß den Eisenbahner Michael Kraft und zieht nach Stuttgart-Zuffenhausen. Ab jetzt unterschreibt sie mit „deine Eltern“ oder „deine Mutter und dein Vater“. 1977 zieht das Ehepaar Kraft in ein Pflegeheim. Am 22.09.1978 verstirbt Frieda Weiß.

Eine ausführlichere Darstellung liefert eine Grundlagenforschung der Aktion-Kunst-Stiftung

Geschichten und Erinnerungen

Nur einer kehrte zurück ... Ernst Weiß gehörte zu den 19 Menschen mit Behinderung, die am 21. März 1941 im Rahmen des NS- Euthanasieprogramms deportiert worden sind. Als einziger kehrte er zurück. Bis zu seinem Tod 2009 lebte er bei den Zieglerschen. Bis heute ist er in Wilhelmsdorf nicht vergessen. Zu seinem Vermächtnis zählen rund 800 Bilder, Variationen desselben Motivs, eine bäuerliche Landschaft mit immer wiederkehrenden Versatzstücken. Eine filmische Erinnerung an Ernst Weiß ...

Erinnern und
niemals Vergessen

Ernest Ahlfeld
Pfarrer Evangelische Brüdergemeinde Wilhelmsdorf

„Wachet und betet,
dass ihr nicht
in Anfechtung fallet“

Grußwort lesen

Uwe Fischer
Geschäftsführer Behindertenhilfe der Zieglerschen

„Nur wer als
nützlich galt, konnte
dem Tod entgehen"

Grußwort lesen

Sandra Flucht
Bürgermeisterin Gemeinde Wilhelmsdorf

„Es steht uns nicht zu,
über den Wert eines Menschen
zu urteilen“

Grußwort lesen

Gottfried Heinzmann
Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen

„Es schmerzt mich persönlich,
dass Heinrich Hermann
keine Unterstützung erfuhr.“

Grußwort lesen

Manfred Lucha MdL
Minister Soziales und Integration Baden-Württemberg

„Was da geschah,
war kaltblütiger Mord“

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Prof. Annette Noller
Vorstandsvorsitzende DWW

„ ... deshalb haben
wir uns zur
Mitverantwortung bekannt“

Grußwort lesen

Harald Sievers
Landrat Landkreis Ravensburg

„Die emotionale
Betroffenheit geht
nie verloren“

Grußwort lesen

Gabriele Wulz
Prälatin

„Es braucht Tage und Orte,
an denen das Grauen
ausgesprochen wird“

Grußwort lesen

Namen und
Gedenken

Gotthilf Bauer

Maria Bayer

Hans Czapanski

Gotthilf Fischer

Hermann Friedrich

Else Geisslinger

Elisabeth Halbgewachs

Erika Horland

Hannelore Horland

Siegfried Klotz

Ella Knöller

Karl Maier

Hermann Müller

Helmut Ott

Rosine Schaile

Eugen Wacker

Michael Wassermann

Hedwig Weber

Trauern
und Beten

Gebet eines 80-jährigen, geistig behinderten, taubstummen Mannes

Lieber Jesus,

Du hast alles Gute getan. Jesus liebt uns und hilft. Jesus lenkt uns den schmalen Weg in den Himmel. Jesus rettet uns. Jesus heilt uns, die Taubstummen und die Blinden und die Lahmen und die Schwachsinnigen.

Gott und Jesus haben uns gesagt, man darf uns, die Taubstummen und die Lahmen und die Schwachsinnigen, nicht kaputt machen. Man darf uns, die Taubstummen, die Lahmen und die Schwachsinnigen, nicht wegschaffen.

Gott sieht uns alle und Jesus ist sehr traurig. Jesus wird gefangen, gekreuzigt und gestorben und begraben und am 3. Tag wieder auferstanden zum Leben von den Toten.

Jesus liebt und hilft und heilt uns, die Kranken und Lahmen.

Geschrieben um 1990 von Otto Reidenbach (Spitzname Bobbel),
einem Bewohner des Rotachheimes, der früheren Taubstummenanstalt

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Gedenkgottesdienst
mit Pfarrer Gottfried Heinzmann
28. März 2021 Betsaal Wilhelmsdorf

Vor Gott ist nicht einer vergessen


Liebe Gemeinde,

wir muten uns heute ein schweres Thema zu. Schwer, weil es uns schwer auf der Seele liegt. Wir hören die Namen der Menschen, die ermordet wurden und deren Leben als lebens­unwert angesehen wurde. Schwer auch des­halb, weil wir an solche Grund­fragen des Lebens erinnert werden. An menschen­verachtende Gedanken und an schreck­liche Taten, zu denen Menschen fähig sind. Schwer auch, weil wir ahnen, dass wir selbst weit davon entfernt sind, mit dem Finger auf „die damals“ zu zeigen und zu meinen, wir selbst wären vor solchen Ab­gründen gefeit.

Wir erinnern uns: Am 24. März vor 80 Jahren wurden 19 Menschen mit Behinderung in graue Busse verfrachtet und abtransportiert. Vier der 19 deportierten Personen blieben zunächst zur Begutachtung in Weinsberg. Die restlichen 15 wurden bereits am 22. April 1941 nach Hadamar gebracht. Und noch am Tag ihrer Ankunft vergast. Drei von den vier Personen, die in Weinsberg zur Begutachtung blieben, wurden im Juni 1941 ebenfalls nach Hadamar gebracht und ermordet. Einer konnte zurückkehren. Das war Ernst Weiß.

Danksagung

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