Menschen in den Zieglerschen
april 2026

Mira K.

Auszubildende zur Arbeitstherapeutin

»Manchmal ist es schwer, sich abzugrenzen«

Mira K. war Patientin an der Fachklinik Höchsten. Heute ist sie wieder dort – mit vertauschten Rollen. Aktuell macht sie in der Fachklinik eine dreijährige Ausbildung zur Arbeitstherapeutin.

Schon als Kind hat Mira das Gefühl, nicht dazu­zu­gehören. Sie fühlt sich fehl am Platz, lei­det an Essstörun­gen und Depres­sio­nen, rutscht immer tiefer in eine Dro­gen­sucht. Bis sie irgend­wann erkennt: Ich muss etwas dage­gen tun. Heute arbei­tet die 39-Jährige in der Fach­kli­nik Höchs­ten. Von der Pati­en­tin zur Mit­ar­bei­te­rin – ein Weg, der sie selbst stau­nen lässt.

»Im Nach­hin­ein wun­dert’s mich, an wel­chem Punkt ich heute stehe«, sagt Mira K. am Ende des Gesprächs. Die 39‑Jährige wirkt ernst und nach­denk­lich, zugleich aber gefes­tigt – als hätte sie gelernt, sich selbst Raum zu geben. »Es kann manch­mal ein ver­dammt lan­ger, anstren­gen­der Weg mit tau­send Rückschlägen sein. Und doch kann sich etwas fügen – manch­mal durch Zufall«, ergänzt sie.

Mira wächst in Bay­ern auf, gemein­sam mit ihren Geschwis­tern, einem eige­nen Pony, Hun­den und Kat­zen. Von außen wirkt vie­les idyl­lisch. Innen jedoch fühlt sie sich oft fehl am Platz, beson­ders in Grup­pen. Sie hat oft das Gefühl, nicht rich­tig dazu­zu­gehören und lei­det schon im Jugen­dal­ter unter Depres­sio­nen und Essstörun­gen. Nach der 11. Klasse verlässt sie das Gym­na­sium und macht eine Aus­bil­dung als Pfer­de­wir­tin. Später holt sie die Fach­hoch­schul­reife nach und stu­diert drei Semes­ter Umwelt­si­che­rung. Immer wie­der kann sie sich nicht mehr auf­raf­fen, mit ande­ren Men­schen in Kon­takt zu tre­ten. Sie beginnt zu rau­chen. Besorgt sich übers Inter­net »Kräuter­mi­schun­gen«, syn­the­ti­sches Can­na­bis, um ihre inne­ren Span­nun­gen los­zu­wer­den. Auch ihr Alko­hol­kon­sum wird mehr und mehr zum Pro­blem.

Irgend­wann kann sie nicht mehr arbei­ten. Es fol­gen sta­tionäre Auf­ent­halte in ver­schie­de­nen Ein­rich­tun­gen, immer wie­der The­ra­pien. Nach­hal­tig bes­ser wird es nicht. Irgend­wann erkennt sie: »Ich muss aktiv etwas gegen meine Sucht tun.« Im Juni 2022 kommt sie in die Fach­kli­nik Höchs­ten. Dort in der Grup­pen­the­ra­pie erlebt sie zum ers­ten Mal, womit sie vor­her nicht gerech­net hat: »Ich bin Teil die­ser Gruppe. Die wol­len mich dabei­ha­ben.« Wenn sie ein­mal nicht erscheint, fra­gen die ande­ren Pati­en­tin­nen nach ihr – ein unge­wohn­tes, aber stärken­des Gefühl.

Beson­ders hin­ge­zo­gen fühlt sie sich zum Tier­be­reich der Kli­nik mit den Pfer­den, Zie­gen, Lamas und Alpa­kas. »Mir wurde klar, wie sehr mir die Tiere gefehlt hat­ten und dass ich vor allem bei der Arbeit mit Pfer­den echt was kann«, erin­nert sie sich. Sie nutzt die Zeit, sich ihren Auslösern zu stel­len und an sich zu arbei­ten. Und dann hört sie etwas, das sie über­rascht: »Wir könnten jeman­den wie dich brau­chen.« Die­ser Satz verändert viel. Mira ent­schei­det sich für einen Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst im Tier­be­reich der Kli­nik, betreut auch bei den Ambu­lan­ten Diens­ten der Behin­der­ten­hilfe in Bad Saul­gau einen Jun­gen mit Down-Syn­drom. Und lan­det doch wie­der im Tier­be­reich der Sucht­hilfe. Aktu­ell macht sie dort eine dreijährige Aus­bil­dung zur Arbeits­the­ra­peu­tin. Zwei Wochen Schule, vier Wochen Pra­xis, immer im Wech­sel. »Das macht mir Freude. Ich kann mir gut vor­stel­len, nach der Aus­bil­dung hier­zu­blei­ben.«

Elke Hey­mann-Sza­gun, The­ra­peu­tin im Tier­be­reich, ist begeis­tert: »Mira ist genau rich­tig bei uns, da sie eine wun­der­bare Mischung aus Herz­blut, Kom­pe­tenz und Einfühlungs­vermögen in Tier und Mensch mit­bringt!« Hat sie ein Lieb­lings­tier? Mira lacht – zum ers­ten Mal im Gespräch. »Viele!« Dann nennt sie doch Yamira, das Pferd, das sie während ihrer Zeit als Pati­en­tin als Pfle­ge­pferd betreut hat. Aber auch die ande­ren lie­gen ihr am Her­zen. »Der Kon­takt mit den Tie­ren und das körper­li­che Arbei­ten tun mir gut.«

Heute zeigt sie Pati­en­tin­nen, wie man Ställe aus­mis­tet, Tiere füttert, mit einem Pfle­ge­pferd umgeht. Die Umstel­lung von der Pati­en­tin zur Kol­le­gin war anfangs nicht leicht. »Ich wurde sehr gut auf­ge­nom­men, aber wir waren alle vor­sich­tig mit­ein­an­der.« Sch­ließlich schreibt sie eine Mail ans Team: Sie wolle ein­fach »die Mira« sein – nicht »die Ehe­ma­lige«. Die Reak­tio­nen sind durch­weg posi­tiv.

Und wie läuft das Mitein­an­der mit den Pati­en­tin­nen? »Manch­mal ist es schwer, sich abzu­gren­zen«, sagt sie offen. »Aber ich bin reflek­tiert und erkenne, warum das so ist.« Sie möchte ande­ren Men­schen mit Sucht­pro­ble­men mit­ge­ben, dass »man sich ein­ge­ste­hen muss, dass ein Pro­blem da ist und dass es Gründe dafür gibt. Und dann muss man eine Ent­schei­dung tref­fen: Will ich etwas ändern oder nicht?« – Genau die Ent­schei­dung, die Mira K. für sich selbst getrof­fen hat und die sie dahin geführt hat, wo sie heute steht: An einen Punkt, der ihr früher uner­reich­bar schien.


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