Titelthema

Dezember 2016

Talente

Eine 93-jährige Bewohnerin unserer Altenhilfe geht bis ins hohe Alter ihrer Leidenschaft für Ausgrabungen nach. Der »Funktions­bereichs­leiter für Pflege­satz und Leistungs­recht« der Zieglerschen ein vielseitiger und gefragter Bassist. Und ein beliebter Lehrer am Hör-Sprachzentrum ist ein nebenher ein begnadeter Filmemacher. Viele verborgene Talente kann man in den Zieglerschen entdecken, wenn man erstmal sucht. In dieser Ausgabe stellen wir vier Personen vor, deren verborgene Talente uns besonders überrascht oder berührt haben. 

Text: Sarah Benkißer, Annette Scherer, Jens Walther und Jacqueline de Riese

Die Sänge­rin
»Freunde, Freunde sind so wich­tig in mei­nem Leben&hel­lip;« klingt es glo­cken­hell durch die Kir­che in der Has­lachmühle. Luwana Rein­hardt sitzt zusam­men­ge­kau­ert auf einer Stufe zum Altar­raum und schaut zu Boden, ihren Oberkörper bewegt sie ruck­ar­tig vor und zurück. Was sie mit ihrer kla­ren Sopran­stimme dem Mikro­fon ent­lockt, will jedoch so gar nicht zu ihrer ange­spannt und irgend­wie abweh­rend wir­ken­den Körper­spra­che pas­sen: Jeder Ton sitzt präzise, sie klingt gelöst und ganz bei sich. Auch im Inter­view mit der autis­ti­schen jun­gen Frau fällt die­ser Wider­spruch auf: Kein Augen­kon­takt, hek­ti­sche Ant­wor­ten, die nicht immer zur Frage pas­sen und unter enor­mer Anspan­nung aus ihr her­aus­zu­spru­deln schei­nen. Doch zugleich wird eine starke Persönlich­keit spürbar, die weiß, was sie will, und ein unbe­streit­ba­res musi­ka­li­sches Talent besitzt.

Die Musik beglei­tet Luwana Rein­hardt von Kin­des­bei­nen an: »Meine frühere Gruppe musste viel Strom bezah­len, weil ich immer soviel Det­lev Jöcker gehört hab,« erzählt die 27-Jährige. Da die Ein­rich­tung, wo sie den Großteil ihrer Schul­zeit ver­bringt, kein Ange­bot für erwach­sene Men­schen mit Behin­de­rung hat, wech­selt sie vor etwa sie­ben Jah­ren in die Has­lachmühle der Zieg­ler­schen. Dort kommt sie in die Klasse von Leh­rer Rein­hard Löhl, der 2005 die »Has­lachmühle­band RELAX« ins Leben geru­fen hat und auch im Unter­richt viel Musik mit sei­nen Schülern macht. Er erin­nert sich: »Du konn­test auto­ma­tisch rich­tig sin­gen und den Ton hal­ten.« Zwar kann Luwana Rein­hardt nicht lesen, dafür aber kann sie die Lied­texte und Melo­dien schon nach ein- oder zwei­ma­li­gem Durch­spie­len mit Band­lei­ter Rein­hard Löhl aus­wen­dig. So wird sie 2009 zur Lead-Sänge­rin bei RELAX. Viele Auf­tritte haben sie und ihre Band­kol­le­gen seit­dem bestrit­ten, zum Bei­spiel beim Kir­chen­tag 2016 in Stutt­gart oder bei der Sie­ger­eh­rung der Spe­cial Olym­pics-Ski­fah­rer vor eini­gen Jah­ren in Bal­der­schwang. Minus 20 Grad habe es dort gehabt, »da ist mir das Brot ein­ge­fro­ren «, erin­nert Luwana Rein­hardt sich.

Der Musi­ker
Ein großes Talent schlum­mert auch in einem, dem man das sei­ner eher tro­cken klin­gen­den Stel­len­be­zeich­nung nach bestimmt nicht zuge­traut hätte: Im erin­nern, wann er erst­ma­lig Bass gespielt hat: »Das war 1984 im Fest­saal beim ers­ten Mit­ar­bei­ter­fest, das ich in der Has­lachmühle erlebt habe.« Weil der spie­len­den Band damals ein Bas­sist fehlte, das Instru­ment sel­ber aber auf der Bühne stand, stieg Willi Hie­sin­ger, der zuvor noch nie Bass gespielt hatte, spon­tan auf die Bühne. Und spielte mit, als hätte er vor­her nie etwas ande­res getan. Da war er 27 Jahre alt.

Unkon­ven­tio­nell ging’s auch ansch­ließend wei­ter: Statt Unter­richt gab’s erst mal Selbst­stu­dium. Bis 1998. Seit dem Jahr nimmt er vier­zehntägig Unter­richt beim stu­dier­ten Bas­sis­ten Hei­ner Merk in Ravens­burg. Zu der Zeit begann sein Sohn Ben­ja­min nämlich, Musik zu stu­die­ren und Willi Hie­sin­ger konnte des­sen Musik­stun­den direkt über­neh­men. Und wann wird geübt? »Ich spiele meist drei Stun­den am Woche­n­ende«, erzählt er. Ein­mal pro Woche probt er mit dem New Jazz­port Orche­stra. »Big­band-Spie­len ist aller­dings nicht erhol­sam«, so seine Erfah­rung. Weil eine Band nur so gut sein könne wie jedes ein­zelne Band­mit­glied, trage jeder Musi­ker eine hohe Verant­wor­tung. »Die Anspan­nung lässt erst nach der Probe nach, dann wer­den auch die Glücks­hor­mone aus­geschüttet«, erzählt er.

Der Fil­me­ma­cher
Dass es in der Mit­ar­beiter­schaft der Zieg­ler­schen viele außergewöhnli­che Talente gibt, belegt auch das Bei­spiel von Hans-Peter Lübke. Höhepunkt sei­ner Geschichte: Im Okto­ber 2016 wird er mit sei­nem Doku­men­tar­film »Auf der Suche nach Paul« zu den Biber­a­cher Film­fest­spie­len ein­ge­la­den. Doch der Reihe nach. In sei­nem Berufs­le­ben ist Hans-Peter Lübke seit 24 Jah­ren Hörgeschädig­ten­leh­rer am Hör-Sprach­zen­trum Wil­helms­dorf – seit Neues­tem »Schule am Wolfsbühl«. Am Woche­n­ende oder in sei­ner unter­richts­freien Zeit arbei­tet er an ver­schie­de­nen Film­pro­jek­ten. Wie in der Arbeit mit hörgeschädig­ten Kin­dern steht auch in sei­nen Fil­men die Kom­mu­ni­ka­tion als Leit­ge­danke über allem. Sei­nen künst­le­ri­schen Ursprung hat Hans-Peter Lübke eigent­lich in der bil­den­den Kunst. Doch irgend­wann stellt er fest, dass er seine »Men­schen­ge­schich­ten« mit Bild und Ton bes­ser erzählen kann. Somit kommt er vor 15 Jah­ren zur Fil­me­rei.

Dass er sein Geschäft ganz gut ver­steht, zeigt sich in sei­nen Schüler­fil­men, von denen bereits vier mit Prei­sen aus­ge­zeich­net wur­den. Bei sei­nen Schul­pro­jek­ten ist es Lübke wich­tig, dass seine Schüler ihre ganz eige­nen Geschich­ten lie­fern, die er dann mit ihnen gemein­sam tech­nisch umsetzt. Seine Video-AG ist ein frei­wil­li­ges Ange­bot, bei dem hörgeschädigte und sprach­be­hin­derte Schüler frei und unkom­pli­ziert mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren können. »Es ist wie Was­ser in ver­trock­nete Pflan­zen rein­zuschütten, damit sie wie­der wach­sen können«, zeich­net er das Bild, das für ihn als Gedanke über sei­ner Arbeit steht.

Vor fünf Jah­ren dann beginnt Hans-Peter Lübke sein Film­pro­jekt in Nami­bia. Es ist eine Spu­ren­su­che in sei­ner eige­nen Ver­gan­gen­heit. Ange­fan­gen hat alles damit, dass er ein Foto aus sei­ner Kind­heit als Mis­sio­nars­sohn in dem südafri­ka­ni­schen Land wie­der in die Fin­ger bekommt. So kommt es, dass er 50 Jahre, nach­dem er Nami­bia ver­las­sen hat, ein beruf­li­ches Sab­bat­jahr ein­legt und dort­hin zurückkehrt, um sei­nen ehe­ma­li­gen Spiel­freund Paul zu suchen. Er beschäftigt sich mit sei­ner Ver­gan­gen­heit und lernt dabei viele Men­schen ken­nen, die ihm bei sei­ner schwie­ri­gen Suche hel­fen. Die­ses bis­her größte Pro­jekt wird nach ins­ge­samt fünf Jah­ren Arbeit mit der Auf­nahme in das Pro­gramm der Biber­a­cher Film­fest­spiele gekrönt, wo der Film Anfang Novem­ber Welt­pre­miere fei­ert. »Dafür bin ich sehr dank­bar. Es freut mich rie­sig!» resümiert Hans-Peter Lübke.

Die »Schatz­su­che­rin«
»Sag DEM mal, dass ich nicht alte Leute bin!« erei­fert sich Chris­tel Kusche bei ihrer Toch­ter Ange­lika. Beim Wann­wei­ler Mai­fest hatte ein Besu­cher die Toch­ter gefragt, ob es ihrer Mut­ter denn nicht zu laut sei hier, das sei bei alten Leu­ten doch schon so eine Sache. Dass »Kiki«, wie ihre Fami­lie und Freunde sie lie­be­voll nen­nen, auch mit über 90 Jah­ren noch nicht zum »alten Eisen« gehört, merkt man jedoch schnell. Seit 2013 lebt die Senio­rin in ihrem gemütlich ein­ge­rich­te­ten Zim­mer im Senio­ren­zen­trum Wann­weil. Aus­ge­stat­tet mit ihrem Sofa, dem damals »sündhaft teu­ren« und ele­gan­ten Couch­tisch und den vie­len Fröschen, die durch ihre große Sam­mel­lei­den­schaft zusam­men­ge­kom­men sind, sowie vie­len Erin­ne­rungsstücken und Fotos genießt die 93-Jährige ihr Leben sicht­lich. Ein schönes Leben habe sie geführt, sagt Chris­tel Kusche und Toch­ter Ange­lika nickt bestätigend.

Gemein­sam tei­len Mut­ter und Toch­ter ein ungewöhnli­ches Hobby: Beide rei­sen gerne und frönen einer Lei­den­schaft für Aus­gra­bun­gen, Steine und Fos­si­lien. Mehr­fach rei­sen sie in den Natur­park Altmühltal, um dort ver­stei­nerte Zeug­nisse aus der Jura­zeit zu fin­den. Das Altmühltal ist ein Para­dies für Hobby-Fos­si­li­en­samm­ler, hier wur­den schon Ori­gi­nale des sel­te­nen Ur-Vogels Archaeo­pte­ryx und prächtige Schna­bel­fi­sche aus den Kalk­schich­ten gebor­gen. Noch als 81-Jährige fährt Chris­tel Kusche in den Altmühlta­ler Fos­si­lien-Stein­bruch. Sie und ihre Toch­ter fin­den dort vor allem Ammo­ni­ten und Haars­terne. Die Stein­plat­ten mit den darin ein­ge­schlos­se­nen Fos­si­lien hat Chris­tel Kusche als Anden­ken in ihr Zim­mer im Senio­ren­zen­trum mit­ge­nom­men.

Chris­tel Kusche und ihre Toch­ter können mitt­ler­weile nicht mehr gemein­sam nach ver­stei­ner­ten Ur-Tie­ren Aus­schau hal­ten. Inzwi­schen hat das Alter auch bei Chris­tel Kusche sei­nen Tri­but gefor­dert. Toch­ter Ange­lika genießt jetzt nicht mehr die Rei­sen, aber doch die Erin­ne­rung an die gemein­same Zeit – in den »Licht­stern-Sekun­den« ihrer Mut­ter, die die Demenz den bei­den noch gibt.

Erfahren Sie mehr

Die Sängerin: Wo Sie Auftritt, sorgt sie für Begeisterungsstürme: Luwana Reinhardt (2.v.l.), die faszinierende Sängerin der »Haslachmühlenband Relax«

Der Musiker: Willi Hiesinger (2.v.l.) als Bassist in Aktion mit seinem »New Jazzport Orchestra«

Der Filmemacher: Hans-Peter Lübke mit seinem Kindheitsfoto aus Namibia. Aus dem Foto wurde ein ganzer Film...

Die »Schatzsucherin«: Christel Kusche im berühmten Kalksteinbruch des Altmühltals - Ein Paradies für Fossilien-Sammler