Titelthema

Juli 2012

175 Jahre Hör-Sprachzentrum

»Schlaglichter aus 175 Jahren Taubstummenarbeit in den Zieglerschen«. Mit diesem Vortrag eröffnete die Historikerin Inga Bing-von Häfen im April im Kornhaussaal Ravensburg die ganz unterschiedlich bestückte Veranstaltungsreihe des Hör-Sprachzentrums, mit der das große Jubiläum 2012 auf besondere Art gefeiert wird.

Text: Katharina Stohr, Sabine Auch-Schwarz, Ursula Belli-Schillinger

Inga Bing-von Häfen entführte die Zuhörer der gut besuch­ten Ver­an­stal­tung in die Geschichte des heu­ti­gen Hör-Sprach­zen­trums. Dabei sparte die His­to­ri­ke­rin nicht mit Anekdötchen und denkwürdi­gen Pas­sa­gen. So erzählte sie vom jun­gen Leh­rer August Fried­rich Oßwald, der 1830 nach Wil­helms­dorf kam und zuvor eine Aus­bil­dung zum Taub­stum­men­leh­rer durch­lau­fen hatte: »Nun klingt diese Aus­sage für uns heute völlig nor­mal: Er hat eine Aus­bil­dung zum Taub­stum­men­leh­rer durch­lau­fen. Für die dama­lige Zeit war die Exis­tenz eines eige­nen Aus­bil­dungs­be­rufs für die Beschu­lung taub­stum­mer Men­schen jedoch alles andere als nor­mal. Die Zei­ten, in denen Medi­zi­ner ›Schwe­felbäder, Schwit­zen und Diät sowie das Behängen der Ohren mit heißgeba­cke­nen Kümmelbrötchen‹ als Rezept gegen Taub­heit emp­fah­len, waren nicht allzu lange ver­gan­gen. Ernst­zu­neh­mende Ver­su­che, taub­stumme Men­schen schu­lisch zu betreuen, gab es vor dem begin­nen­den 19. Jahr­hun­dert nur in exklu­si­ven Ein­zelfällen. Taub­stumme gal­ten ebenso wie über­haupt Men­schen mit Behin­de­run­gen gemein­hin als bil­dungs­unfähig, sie hat­ten kaum Aus­sicht auf ein eigenständi­ges beruf­li­ches Aus­kom­men und fris­te­ten ein Dasein am Rande der Gesell­schaft.«

Bei­nahe zwei Jahr­hun­derte sind seit­her ver­gan­gen. Das Leben hörgeschädig­ter Men­schen hat sich nicht zuletzt durch den ver­wan­del­ten Fokus im Bil­dungs­be­reich geändert. Dies macht das im Jahr 2011 ent­stan­dene Film­pro­jekt »Der rote Schal« des Hör-Sprach­zen­trums Wil­helms­dorf deut­lich: Die hörende Vera und der gehörlose Richard ler­nen sich über einen Chat ken­nen. Sie ver­ab­re­den sich in der Büche­rei, wo es zu Miss­verständnis­sen kommt. Denn Vera weiß nicht, dass Richard gehörlos ist und sich nur über Gebärden verständi­gen und nicht laut spre­chen kann. Die junge Frau taucht im wei­te­ren Ver­lauf des Films in die gehörlose Welt von Richard ein und lernt, ihn zu ver­ste­hen. 25 hörgeschädigte Schüler und 12 Leh­rer aus Grund- und Haupt­schule des Wil­helms­dor­fer Hör-Sprach­zen­trums, eine Fil­mi­dee und sehr viel Aus­dauer und Krea­ti­vität mach­ten wie­der ein­mal möglich, dass das Hör-Sprach­zen­trum einen ers­ten Bun­des­preis und einen wei­te­ren regio­na­len Film­preis abräumte.

Doch stand für die Fil­me­ma­cher ein ganz ande­res Anlie­gen im Vor­der­grund: Die Zuschauer soll­ten in die Welt der Gehörlo­sen schauen und diese ver­ste­hen. »Ich lebe in zwei Wel­ten«, sagt die schwerhörige Linda, »eine gehörlose und eine schwerhörige Welt und die andere, die hörende Welt«. Schon oft hat die 15-Jährige erfah­ren, wie anstren­gend es ist, wenn sie ihre hören­den Mit­menschen nicht ver­steht und dass diese genervt rea­gie­ren können, wenn sie in einer Unter­hal­tung noch­mals nach­fragt.

Dass die Hand­lung im Film plötzlich auf Stumm­film umschwenkt zeigte Wir­kung: »Damit kann man sich vor­stel­len, wie es ist, wenn man nicht hören kann«, meinte
eine junge Regelschülerin bei einer Son­der­vorführung im Kino­zen­trum Linse im ansch­ließenden Aus­tausch mit den Fil­me­ma­chern, der von einer  Gebärden­dol­met­sche­rin unterstützt wurde. Ziel erreicht? Ja! Hörend traf Gehörlos. Oder um es in den Wor­ten von Anke Tros­tel, der Pro­jek­tas­sis­ten­tin des Films auf den Punkt zu brin­gen: »Alle Men­schen sind gleich! Egal ob hörend oder taub!«

Noch­ma­li­ger Rückblick: Im Jahr 1837 ent­stand die sei­ner­zeit revo­lu­tionäre Taub­stum­men­an­stalt in Wil­helms­dorf – am 7. Januar 1838 zog »der erste Zögling in den Oßwald­bau ein«, so Inga Bing-von Häfen in ihrem Vor­trag. Heute unter­rich­tet das Hör-Sprach­zen­trum 1.323 Schülerin­nen und Schüler in einem Schul­ver­bund mit 11 Stand­orten in vier Land­krei­sen, drei Inter­na­ten und 102 Inter­natsplätzen. Wei­tere 1.000 Kin­der fin­den darüber hin­aus in ambu­lan­ten Ange­bo­ten Hilfe. Der Anteil der hörgeschädig­ten jun­gen Men­schen liegt ins­ge­samt bei etwa zehn Pro­zent.

Den weit gröSSe­ren Teil der tägli­chen Auf­ga­ben der ins­ge­samt 394 Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter nimmt die Sprach­heilpädago­gik ein. Kin­der und Jugend­li­che mit Pro­ble­men beim Spre­chen fin­den auf vielfältigste Art und Weise Unterstützung, die direkt auf sie abge­stimmt ist: sei es durch Bera­tun­gen, in Schul­kin­dergärten, Förder­schul­ab­tei­lun­gen, Grund-, Haupt- und Real­schul­stu­fen und Inter­na­ten.

Bei all­dem gehört im Hör-Sprach­zen­trum das gesell­schaft­li­che Thema Inklu­sion seit zwei Jah­ren wie selbst­verständlich dazu. Bei­spiel­weise beglei­ten mehr als 50 Koope­ra­ti­ons­leh­rer/innen des Hör-Sprach­zen­trums 120 Schüler/innen mit Hörschädigung an 87 Regel­schu­len und 471 Schüler/innen mit Sprach­be­hin­de­rung an 92 Regel­schu­len vor Ort. Ande­rer­seits unter­rich­tet das Hör-Sprach­zen­trum 36 Schüler/innen an zehn Schul­stand­orten inklu­siv, indem diese Schüler an einer  Regel­grund­schule gemein­sam von einer Grund­schul­leh­re­rin und einer Sprach­heil­leh­re­rin unter­rich­tet wer­den – mit posi­ti­ver Reso­nanz von allen Sei­ten.

Was mit »Inklu­si­ver Beschu­lung« als ein Bei­spiel von vie­len genannt wird, soll die ste­tige Ent­wick­lung des Hör-Sprach­zen­trums ver­deut­li­chen, die sich auch im »Zeit­strahl auf den Sei­ten die­ses Titel­the­mas wider­spie­gelt. Wenn es um fach­li­che Inno­va­tio­nen geht, mischt das Hör-Sprach­zen­trum immer ganz vorne mit, um auf dem aktu­ells­ten Stand zu sein. So auch das Hör-Sprach­zen­trum Alts­hau­sen, wel­ches seit zwei­ein­halb Jah­ren ein Schul­kon­zept ent­wi­ckelt – total neu, frisch und revo­lu­tionär. Gen­auso typisch, wie der Taub­stum­men­leh­rer August Fried­rich Oßwald vor mehr als 175 Jah­ren.
 

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Hörend traf Gehörlos: Im Preisgekrönten Kurzfilm »der rote Schal«, den Schüler und Lehrer des Hör-Sprachzentrums Wilhelmsdorf gedreht haben, wie auch bei der Diskussion nach der Filmvorführung (siehe Foto)

Im Hör-Sprachzentrum betreuen wir in elf Städten und Gemeinden der Region Bodensee-Oberschwaben rund 1.300 Kinder und Jugendliche mit Problemen beim Hören und Sprechen. Wir fördern die Sprachentwicklung und das Hör- und Sprachvermögen junger Menschen. Wir helfen ihnen, zu verstehen und verstanden zu werden und ihre kommunikativen Fähigkeiten so zu entwickeln, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen können.