Titelthema

Juni 2013

Muss das wirklich sein? Warum die Zieglerschen um Spenden bitten

Pflegesätze, Investitionskostenzuschüsse, Förderprogramme, Sozialleistungen – die Finanzierung sozialer Dienstleistungen ist in Deutschland durch eine Vielzahl staatlicher Institutionen geregelt. Warum sammelt ein Unternehmen wie die Zieglerschen eigentlich zusätzlich Spenden? Muss das wirklich sein? Warum bekommen die zahlreichen Spenderinnen und Spender – darunter viele Leser der visAvie – regelmäßig Briefe und Spendenaufrufe? Und was passiert eigentlich mit dem Geld? visAvie schaute hinter die Kulissen des Spendenwesens in den Zieglerschen und fragte nach.

Text: Petra Hennicke

Von Johan­nes Zieg­ler, dem Namens­ge­ber der Zieg­ler­schen, sind zahl­rei­che Anek­do­ten über­lie­fert. Viele von ihnen beschrei­ben, wie er »die Anstal­ten« durch den all­ge­genwärti­gen Geld­man­gel führte. Eine Geschichte geht so: »Am 27. März 1895 gehe ich über den Saal­platz ins Pfarr­haus. Es begeg­nete mir die &hel­lip; 70jährige Chris­tine Lai­tens­ber­ger &hel­lip; ›Ei‹, denke ich ›die Chris­tine hat bei dir ihren Zins auch noch nicht geholt‹.« 300 Mark hatte sie Zieg­ler gelie­hen,  zum 2. Februar war der Zins von 13 ½ Mark fällig. Zieg­ler bit­tet sie daher in sein Büro und fragt: »›Ja, aber warum kom­men Sie nicht zu mir und for­dern Ihr Eigen­tum? Warum las­sen Sie Ihren Zins so lange ste­hen?‹ &hel­lip; ›Ach‹, erwi­derte sie demütig, ›ich wollte Ihnen die­ses Mal den­sel­ben für Ihre Taub­stum­men­an­stalt schen­ken.‹«

Diese Chris­tine, so schreibt Zieg­ler wei­ter, »ist 70 Jahre alt und hatte nicht den gerings­ten Ver­dienst. Sie erhielt von Ver­wand­ten Woh­nung und Kost, und diese erhal­ten nach ihrem Able­ben das wenige, was noch vor­han­den ist. Wer es da über sich brin­gen kann, &hel­lip; 13 ½ Mark armen Taub­stum­men zu schen­ken und lie­ber bei einer Freun­din Geld &hel­lip; zu ent­leh­nen, als den vor zwei Mona­ten schon fälli­gen Zins zu holen, ist eine Wohltäterin ers­ter Größe. Wenn du ein­mal im Begriff bist, unnötige Aus­ga­ben zu machen, und Gele­gen­heit hast, Armen und Elen­den wohl­zu­tun, dann denk an die 70jährige Chris­tine.«

So also begann die dia­ko­ni­sche Arbeit in Wil­helms­dorf: immer am Exis­tenz­mi­ni­mum, ständig ange­wie­sen auf Wohltäter und Gönner und stets getra­gen von denen, die von dem Weni­gen, was sie hat­ten, für die gaben, die noch weni­ger hat­ten. Doch mit zuneh­men­der Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der sozia­len Arbeit, mit der Ent­wick­lung der Zieg­ler­schen zu einem Sozial­un­ter­neh­men trat die Bedeu­tung von Spen­den in den Hin­ter­grund. Pfle­gesätze, Inves­ti­ti­ons­kos­ten­zu­schüsse, Förder­pro­gramme, Sozi­al­leis­tun­gen – die breite Palette öffent­li­cher Mit­tel machte den Zieg­ler­schen die Finan­zie­rung ihres dia­ko­ni­schen Tuns leich­ter. Auf Spen­den war man kaum noch ange­wie­sen, jetzt gab die öffent­li­che Hand.

Wie­der ändern sich die Zei­ten. Die öffent­li­chen Haus­halte ste­hen unter Sparz­wang, gleich­zei­tig steigt der Bedarf. So wer­den die Spielräume enger und der Arbeit­sall­tag kom­pli­zier­ter. Zugleich ist die Armut in Deutsch­land seit Jah­ren immer kon­kre­ter spürbar. Auch die Zieg­ler­schen stoßen immer häufi­ger auf Bedürftig­keit. Ursula Belli-Schil­lin­ger, Geschäftsführe­rin des Hör-Sprach­zen­trums: »Schon seit Jah­ren fal­len uns immer mehr Schüler auf, die ihre Klas­sen­ausflüge nicht bezah­len können oder Fami­lien, die nicht in den Som­mer­ur­laub fah­ren, weil sie kein Geld dafür haben.« Auch Prof. Dr. Harald Rau, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Zieg­ler­schen, kennt sol­che Geschich­ten: »In unsere Sucht­kli­ni­ken kom­men manch­mal Pati­en­ten, die nicht ein­mal Klei­dung zum Wech­seln haben, wenn sie die The­ra­pie begin­nen. Und in der Alten­hilfe nimmt die Zahl derer zu, die am Exis­tenz­mi­ni­mum leben.«

Natürlich könnte man davor die Augen ver­schließen. »Gehört nicht zu unse­ren fach­li­chen Auf­ga­ben«, könnte man sagen, »wird nicht finan­ziert«, »geht uns nichts an«. Doch die Zieg­ler­schen ant­wor­ten dar­auf: »Wer, wenn nicht wir, die Dia­ko­nie, wäre auf­ge­ru­fen, da genauer hin­zu­schauen und zu hel­fen?« Und sie haben etwas getan.

Seit gut sie­ben Jah­ren bie­tet das Hör-Sprach­zen­trum in Alts­hau­sen zum Bei­spiel Ferien für Kin­der aus ein­kom­mens­schwa­chen Fami­lien in der Region an. Die Feri­enplätze waren von Anfang an aus­ge­bucht. Oder die Ves­per­kir­chen in Ravens­burg und Wein­gar­ten. Gemein­sam mit dem Dia­ko­ni­schen Werk des Kir­chen­be­zirks haben die Zieg­ler­schen vor fünf Jah­ren die Ves­per­kir­che auf­ge­baut. Für drei Wochen im Win­ter wird die Kir­che geöffnet und geheizt. Ange­bo­ten wer­den preis­wer­tes Essen, kos­ten­lose Ärzte, Seel­sor­ger und Kul­tur. Jedes Jahr kom­men mehr als 10.000 Besu­che­rin­nen und Besu­cher.

Auf diese Weise sam­meln sich bei den Zieg­ler­schen mehr und mehr Auf­ga­ben, die nur noch mit Spen­den und pri­va­ten Mit­teln zu finan­zie­ren sind. Mit wach­sen­den Auf­ga­ben wächst auch der Spen­den­be­darf. Und das in einer Zeit, in der immer mehr Orga­ni­sa­tio­nen auf Spen­den ange­wie­sen sind und auf den soge­nann­ten Spen­den­markt drängen. Des­halb haben die Zieg­ler­schen vor gut zwei Jah­ren erst­mals einen haupt­amt­li­chen Fun­drai­ser ein­ge­stellt. Er heißt Matt­hias Brai­tin­ger, ist 35 Jahre alt und zugleich Mana­ger der Johan­nes-Zieg­ler-Stif­tung. Mit sei­nem Amts­an­tritt hat er begon­nen, die Spen­den­wer­bung in den Zieg­ler­schen neu zu orga­ni­sie­ren und wei­ter zu pro­fes­sio­na­li­sie­ren. Brai­tin­gers Grund­prin­zip: »Bezie­hun­gen sind das Wich­tigste von allem. Die Wertschätzung und die Pflege der Bezie­hung zu unse­ren Spen­de­rin­nen und Spen­dern sind ent­schei­dend in mei­ner Arbeit.«

Aber wer sind eigent­lich all diese Spen­de­rin­nen und Spen­der der Zieg­ler­schen? Genau 2.957 Men­schen waren es im letz­ten Jahr. Wo kom­men sie her? Und wofür spen­den sie? Matt­hias Brai­tin­ger: »Unsere Spen­der kom­men vor allem aus Baden-Württem­berg und hier wie­derum aus dem Land­kreis Ravens­burg. Auch im Land­kreis Ess­lin­gen, in Stutt­gart, im Boden­see­kreis und im Zol­ler­nalb­kreis haben wir viele Unterstützer. Dank unse­rer Daten­bank können wir das sehr genau sagen.« Besagte Daten­bank verrät übri­gens noch mehr, man­ches davon über­rascht. Zum Bei­spiel, dass Nord­rhein-West­fa­len den 3. Platz in der »Länder-Wer­tung« der Spen­den für die Zieg­ler­schen ein­nimmt. Und das weit ent­fernte Schles­wig-Hol­stein Platz 5. Oder dass in den kal­ten Mona­ten Januar, Novem­ber und Dezem­ber am meis­ten gespen­det wird.

Aber warum wer­den diese Daten über­haupt erfasst? Und geht da in Sachen Daten­schutz alles mit rech­ten Din­gen zu? Fun­drai­ser Brai­tin­ger: »Viele Men­schen wünschen eine Spen­den­quit­tung – und umge­kehrt möchten wir ihnen auch für die Unterstützung dan­ken. Des­halb bit­ten wir alle Spen­de­rin­nen und Spen­der um ihre Adresse. Auf die­ser Basis können wir dann ermit­teln, woher unsere Unterstützer kom­men.« Dass in Sachen Daten­schutz allerhöchste Sicher­heits- und Ver­trau­ens­stan­dards ange­legt wer­den, dar­auf legt Matt­hias Brai­tin­ger beson­de­ren Wert. »Jeder, der uns seine Adresse anver­traut, kann sich zu 100 Pro­zent dar­auf ver­las­sen, dass sie nie­mals in falsche Hände gerät oder für andere Zwe­cke ver­wen­det wird. Das garan­tie­ren wir.«

Neben dem WOHER ist natürlich auch bekannt, WOHIN die ein­ge­gan­ge­nen Spen­den gehen. 2012 floss das meiste Geld in die »Dau­er­bren­ner-Pro­jekte«, also zur Johan­nes-Zieg­ler-Stif­tung mit 93.510 Euro, zur Ves­per­kir­che mit 32.125 Euro und zur Feri­en­frei­zeit für bedürftige Kin­der mit 32.079 Euro. Jeder ein­zelne Euro wird dabei exakt ver­bucht – schon allein des­halb, weil sich die Zieg­ler­schen dem Trans­pa­renz­prin­zip ver­pflich­tet haben. Die­ses ver­langt, dass über jeden Spen­den-Euro Rechen­schaft abge­legt und das Geld inner­halb einer bestimm­ten Zeit »aus­ge­ge­ben« wer­den muss.

Wie aber gewin­nen die Zieg­ler­schen ihre Spen­der? Woher kommt das Geld? Lange wurde vor allem auf soge­nannte Mai­lings gesetzt – auf persönli­che Briefe an bereits bekannte Unterstützer. Und auf soge­nannte »Kalt­adress­mai­lings«, also Briefe an Men­schen, die für die Zieg­ler­schen bis­her noch nicht gespen­det haben. Diese Spen­den­briefe – bis zu sechs Schrei­ben pro Jahr – sind noch immer das wich­tigste Instru­ment, um Men­schen über ein Spen­den­pro­jekt zu infor­mie­ren. Doch ins­be­son­dere bei den Kalt­adress­mai­lings ist der deutsch­land­weite Trend zu beob­ach­ten, dass sie in Zei­ten der Wer­be­flut immer weni­ger wirk­sam sind. Zugleich sind die Pro­duk­ti­ons­kos­ten hoch und die Ver­bun­den­heit der Spen­der mit den Zieg­ler­schen oft nur von kur­zer Dauer. Des­halb nut­zen die Zieg­ler­schen immer mehr Kanäle, um mit ihren »alten« und poten­zi­el­len neuen Spen­dern in Kon­takt zu kom­men. »Wir machen nun durch einen Mix aus Bei­le­ger- und Anzei­gen­wer­bung, geziel­ter Öffent­lich­keits­ar­beit und sehr redu­zier­ten Kalt­adress­mai­lings auf unser Anlie­gen auf­merk­sam«, so Fun­drai­ser Brai­tin­ger. »Der Erfolg bestätigt unsere Ent­schei­dung. So konn­ten die Kos­ten zur Neu­s­pen­d­er­ge­win­nung stark gesenkt wer­den und gleich­zei­tig haben 915 Men­schen zum ers­ten Mal für unsere Arbeit gespen­det – 422 Men­schen mehr als im Vor­jahr.«

Darüber hin­aus haben die Zieg­ler­schen 2012 neue For­men der Unterstützung ein­geführt. So bie­ten sie nun die Möglich­keit einer Nach­lass­s­pende zuguns­ten der Johan­nes-Zieg­ler-Stif­tung, bit­ten Gerichte und Staats­an­walt­schaf­ten um Bußgel­der und haben mit der Inter­netseite »www.zieg­ler­sche.de/mit­hel­fen auch eine digi­tale Spen­den­platt­form geschaf­fen. Für die Zukunft ist geplant, den Ser­vice für die Spen­der wei­ter zu ver­bes­sern und so Wertschätzung zum Aus­druck brin­gen. Vor­stands­vor­sit­zen­der Prof. Harald Rau: »Es gilt hier die gol­dene Regel: Die Unterstützer wer­den durch die dia­ko­ni­sche Arbeit für Men­schen auf die Zieg­ler­schen auf­merk­sam, sie blei­ben aber wegen der guten Betreu­ung.«

Zum Abschluss noch ein­mal Pro­fes­sor Rau: »Wir freuen uns über jede Form der Unterstützung und Ver­bun­den­heit mit den Zieg­ler­schen«. Und sein Vor­stands­kol­lege Rolf Bau­mann ergänzt: »Es ist egal, ob jemand als Ehren­amt­li­cher in den Freun­des- und Förder­krei­sen aktiv ist, ein­mal spen­det, als Rich­ter oder Staats­an­walt Geld­auf­la­gen zuweist oder sogar sei­nen Nach­lass zuguns­ten der Zieg­ler­schen oder der Johan­nes-Zieg­ler-Stif­tung regelt. Vie­len Dank für Ihre Ver­bun­den­heit und Treue!«
 

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Ein Ort der Einkehr für Patientinnen und Besucher: Die Kapelle an der »Höchsten-Klinik« in Bad Saulgau. Sie wurde ausschliesslich aus Spendengeldern erbaut.

Eines der nachhaltigsten Spendenprojekte: Die Vesperkirche. Nur mit Hilfe von Spendengeldern können jeden Winter mehr als 10.000 preiswerte Essen verteilt werden.

Spendenmailings sind das meist genutzte Instrument zur Spenderansprache. Hier das Weihnachtsmailing zugunsten der Malwerkstatt der Behindertenhilfe. Es erbrachte 30.329,85 € für neue Malutensilien.

Neue Kanäle: Mit diesem Zeitungsbeileger wirde um Spenden für die Vesperkirche gebeten.