»Ich habe immer schon gemalt, von klein auf.«

Porträt

»Ich habe immer schon gemalt, von klein auf.«

Silke Leopold

Porträt

September 2026

Seit 30 Jahren leitet Silke Leopold die Malwerkstatt der Zieglerschen. Das geräumige Atelier ist ein Platz für ungefähre Einfälle, für Versuche, sich auszudrücken, für die Bilder im Kopf. Das Porträt.

Text: Nadja Klinger

Die Seele des Hau­ses ist am Werk. Hält Papier und Lein­wand, Stifte, Far­ben, Kreide und Pin­sel, hält ganze Regale vol­ler Mate­ria­lien vorrätig. Jeder kann sich neh­men, was gewünscht wird. Die Brille hängt auf ihrer Nasen­spitze, sodass sie den gan­zen großen Raum ins Auge fas­sen kann, all die, die sich hier an Arbeitsplätzen zu schaf­fen machen. Wo was auch immer gesche­hen kann und soll.

Vor drei Jahr­zehn­ten kam Silke Leo­pold an die­sen Ort. Ist ihm prompt ver­fal­len, blieb, und ist von hier nicht mehr weg­zu­den­ken. Was in der Mal­werk­statt in Wil­helms­dorf unter ihrer Obhut ent­steht, steckt vol­ler Geheim­nisse, hier und da Offen­ba­run­gen. Ver­bor­gene Gedan­ken, Wünsche, Cha­rak­terei­gen­schaf­ten gera­ten in die Bil­der, Fra­gen und Hoff­nun­gen blit­zen auf. Silke Leo­pold beob­ach­tet, wie Mate­ria­lien und Werk­zeuge zum Ein­satz kom­men, hilft, wenn sie gebe­ten wird. Es gilt, den Spiel­raum zu erhal­ten, den Krea­ti­vität braucht. Darum, das Werk zu beschützen. Und das gelingt. Viele Talente hat sie schon ent­deckt, sie zu Aus­s­tel­lun­gen und Prei­sen geführt. – Wer ist diese Frau?

Silke Leo­pold ist stu­dierte inter­dis­zi­plinäre Kunst­the­ra­peu­tin und Krea­tivpädago­gin, Magis­tra Artium und »Randkünst­le­rin«. Sich selbst skiz­ziert sie mit einem gera­dezu male­ri­schen Bild: »Ich liebe grünen Tee pur, ohne Aro­men. Espresso mit ein biss­chen Was­ser, Nudel­suppe, Brat­kar­tof­feln mit Wurst­sa­lat, ohne alles, nur mit Gurke. Tan­zen auf alle Art von Musik, gern freie Bewe­gung zu Klas­sik. Ich bewun­dere die Sprach­bil­der bei Rai­ner Maria Rilke und Hilde Domin, sie malen in die Köpfe. Ich mag die Werke von Gia­co­metti, auch die Zeich­nun­gen. Habe große Ach­tung vor Bild­hau­ern und Malern ver­gan­ge­ner Zei­ten, beson­ders vor den alten Ita­li­e­nern. Schaue gern auch zeit­genössi­sche Kunst an, mag Andy Gold­wor­thy, Niki de Saint Phalle, Paula Moder­son und die großen Geschich­ten der Selbst­be­frei­ung von Frida Kahlo. Würde gern wie­der Moped fah­ren. Mag Frank­reich, Ita­lien und Wien. Trage oft nur eine Locke oder Mützen schräg. Ziehe mich gern zurück und denke vor mich hin. Mag es, an Wände zu malen. Mag Tage, die nichts wol­len und alles schen­ken. Mag das Meer, ver­fal­lene Kir­chen. Und Erd­bee­ren. Ich summe vor mich hin, wenn ich male, kann das nicht abstel­len, würde gern. Ich liebe Wörter, sam­mele sie in Schach­teln, baue sie in Bil­der ein ...« So geht es noch wei­ter, man möchte nicht aufhören zu lesen.

Die­ses Jahr im Juli ist Silke Leo­pold 60 gewor­den. Sie ist Mut­ter dreier Söhne und Großmut­ter zweier Enkel. Die bis­lang ver­brachte Lebens­zeit schil­dert sie mit einem voll­ge­pack­ten Satz: »Ich habe immer schon gemalt, von klein auf. Manch­mal auf Flächen, manch­mal an Wände, stets vom Ende abgelöst, ich hatte ein Motiv oder habe mich davon befreit.« Auch heute ist sie nicht nur in der Mal­werk­statt der Zieg­ler­schen zugange, son­dern auch an ihrem eige­nen Wil­helms­dor­fer Mal­platz, dem »Ate­lier 33«: Manch­mal stun­den­lang damit befasst, ein­fach nur Far­b­aufträge zu machen. »Ich expe­ri­men­tiere gern mit Flächen.«

Jeder Mensch schenkt die­ser Welt sei­nen Blick. Silke Leo­pold ist über­zeugt, dass jeder ein schöpfe­ri­sches Moment in sich trägt und es ent­fal­ten kann. Eine gehörlose Frau mit Autis­mus hat in der Mal­werk­statt Sekun­den­bil­der hin­ter­las­sen. »Das war etwas ganz Neues«, sagt sie, »jah­re­lang ein­fach nur schnelle Stri­che. Irgend­wann kamen kleine Mur­meln hinzu, waren fix plat­ziert.« Später ließ die Künst­le­rin wis­sen: »Ohren, Nase, Mund.« Jedes Werk ist ein­ma­lig, ist es wert, ange­schaut zu wer­den. Aber wie­viel? Als Kunst­verkäufe­rin hatte Silke Leo­pold sich nicht gese­hen bis zu jenem Tag, als ein Mann in die Mal­werk­statt kam, eine ganze Weile blieb, bis er sagte: »Ich kaufe jetzt zwei Bil­der.« Huch! Man einigte sich auf einen Preis. ›Zu hoch?‹, hat sie sich in den pul­sie­ren­den Sekun­den, da das Geschäft sich voll­zog, gefragt. Dann hat der Mann noch 500 Euro drauf­ge­legt.

Heute sind Bil­der aus der Mal­werk­statt über­all zu ent­de­cken: in pri­va­ten Häusern, in Schu­len, im Wil­helms­dor­fer Rat­haus, in vie­len Büros der Zieg­ler­schen &hel­lip; Ist nicht alles erreicht, was zu errei­chen wäre in 30 Jah­ren? Silke Leo­pold schaut über die Brille auf ihrer Nasen­spitze und dann lächelt sie leise: »Die Welt zu bebil­dern – dar­auf habe ich nach wie vor große Lust!«

Hier erfah­ren Sie mehr über die Künst­ler der Mal­werk­statt