Titelthema

September 2026

Tagespflege

Menschen treffen, Gemeinschaft erleben, umsorgt werden. Und nach einem erfüllten Tag wieder nach Hause kommen. Warum unsere Tagespflege immer beliebter wird.

Text: Nicola Philipp , Jacqueline de Riese, Annette Scherer und Stefan Wieland

Andere Men­schen tref­fen, Gemein­schaft erle­ben, zusam­men sin­gen, lachen, sich bewe­gen und nach einem erfüllten Tag wie­der nach Hause kom­men: Das ist die Tagespflege. Oder schöner genannt: der Tages­treff. Ein Ange­bot, das es in fast allen Senio­ren­zen­tren der Zieg­ler­schen gibt und das sich stei­gen­der Beliebt­heit erfreut. Auch bei Frigga Som­mer aus Goma­rin­gen, die gesteht: »Am Woche­n­ende habe ich manch­mal rich­tig Heim­weh nach der Tagespflege.« Was macht die Tagespflege der Zieg­ler­schen so beson­ders? Wir haben uns umgehört.

»Bin unter­wegs!«, ruft Ursula Saile die Treppe hin­un­ter. Es ist halb neun in der Früh. Vor ihrem Haus war­tet bereits Wolf­gang Ast­falk. Der 64-Jährige ist einer von vier Fah­rern des Tagespfle­ge­bus­ses, die Woche für Woche Men­schen aus Goma­rin­gen und den umlie­gen­den Orten ins Senio­ren­zen­trum Gustav-Schwab-Stift brin­gen. Ast­falk ist sel­ber bereits in Rente. »Ich wollte auch im Ruhe­stand eine sinn­volle Betätigung im sozia­len Bereich haben«, erzählt der rüstige Rent­ner. Da kam die Möglich­keit, das »Bussle« zu fah­ren wie geru­fen. Seit zwei Jah­ren ist er Teil des Teams. »Mein Leben lang habe ich mit Men­schen zu tun gehabt und komme nun wie­der mit ganz unter­schied­li­chen Men­schen in Kon­takt. Das tut gut.«

Einer die­ser Men­schen ist Ursula Saile, die inzwi­schen in den Bus ein­ge­stie­gen ist. Für die 87-Jährige ist der Diens­tag ein beson­de­rer Tag, auf den sie sich freut. Denn jeden Diens­tag ver­bringt sie in der Tagespflege der Zieg­ler­schen. Dort trifft sie andere Men­schen, fin­det Gemein­schaft. Zum Bei­spiel Frigga Som­mer, mit der sich die alte Dame ange­freun­det hat. Frigga Som­mer wohnt im Ilse-Grau­lich-Haus, einer betreu­ten Wohn­an­lage direkt neben dem Senio­ren­zen­trum. Mit ihrem Rol­la­tor legt sie die weni­gen Meter zur Tagespflege selbst zurück. Diese hat einen eige­nen Bereich, der vom rest­li­chen Senio­ren­zen­trum räumlich getrennt ist und wird daher solitäre Tagespflege genannt.

Als sich die bei­den Freun­din­nen schließlich tref­fen, fällt die Begrüßung herz­lich aus. Gleich wird gemein­sam gefrühstückt, aus der Zei­tung vor­ge­le­sen, gesun­gen und gelacht. Später ste­hen Gedächt­nis­trai­ning, Gym­nas­tik oder ein Spa­zier­gang auf dem Pro­gramm. Jeder bringt seine Inter­es­sen und Geschich­ten mit. So ent­steht Gemein­schaft.

Für Frigga Som­mer und Ursula Saile ist die Tagespflege weit mehr als ein Ort, an dem Zeit ver­geht. Sie gibt ihren Wochen Struk­tur, schafft Begeg­nun­gen und hält sie aktiv. Vor knapp sie­ben Jah­ren sah der All­tag von Frigga Som­mer noch anders aus. Die Tage waren ruhi­ger gewor­den, die Gespräche mit Nach­barn und Freun­den weni­ger. Ihre Toch­ter war es, die den Anstoß gab: ein Schnup­per­tag in der Tagespflege. Frigga Som­mer ließ sich dar­auf ein. »Dass die Mädels so viel mit einem machen«, sagt die 87-Jährige heute rückbli­ckend, habe sie über­zeugt zu blei­ben.

Beide Senio­rin­nen gestal­ten ihr Leben wei­ter­hin selbst­be­stimmt im eige­nen Zuhause. Wie die 13 ande­ren Tagespfle­gegäste in Goma­rin­gen haben sie für sich ent­schie­den, dass Gemein­schaft in der Tagespflege ein wich­ti­ger Teil davon ist. Ein Stück Lebens­qua­lität, das immer wich­ti­ger gewor­den ist. Frigga Som­mer gesteht: »Am Woche­n­ende habe ich manch­mal rich­tig Heim­weh nach der Tagespflege.«

Orts­wech­sel. Von Goma­rin­gen bei Tübin­gen geht es in den Land­kreis Biber­ach nach Rot an der Rot. Auch im gleich­na­mi­gen Senio­ren­zen­trum beginnt der Tag für die Tagespfle­gegäste ent­spannt: Sie genießen erst ein­mal einen Kaf­fee, ein klei­nes Frühstück und eine fröhli­che Aus­tauschrunde. Gegen 10 Uhr star­tet die erste Akti­vie­rungs­ein­heit mit einem abwechs­lungs­rei­chen Ange­bot: Von Gym­nas­tik, Yoga und Gedächt­nis­trai­ning über Märchen­stun­den, Sin­gen, Tan­zen, Backen und Kochen bis hin zu geist­li­chen Ange­bo­ten ist alles dabei. Neben den vie­len Situa­tio­nen, in denen gemein­sam gelacht, erzählt und erlebt wird, steht auch die pro­fes­sio­nelle Pflege vom Team des Hau­ses im Fokus. Rot an der Rot hat eine soge­nannte inte­grierte Tagespflege. Das heißt: Anders als in der solitären Tagespflege wer­den Ange­bote gemein­sam mit den sta­tionären Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­nern wahr­ge­nom­men. Und so kommt es oft zu über­ra­schen­den Begeg­nun­gen. »Wir sind hier ein Dorf – immer wie­der fin­den sich bei uns alte Schul­ka­me­ra­den wie­der. Viele ken­nen sich seit Jahr­zehn­ten und betüdeln sich dann gegen­sei­tig«, erzählt Ein­rich­tungs­lei­te­rin Carola Mau­rus-Ruß schmun­zelnd, die übri­gens lie­ber von Tages­treff als von Tagespflege spricht.

Nach dem Mit­ta­ges­sen folgt eine kurze Pause und wer möchte, kann sich im Ruhe­raum auf eine Relax­liege zurückzie­hen. »Im Moment will aber kei­ner in den Ruhe­raum«, lacht Carola Mau­rus-Ruß. »Alle sit­zen lie­ber am Ein­gang auf den Logenplätzen und beob­ach­ten, was rund ums Haus pas­siert.« Heute kommt außerdem noch der örtli­che Lie­der­kranz vor­bei. Auch tie­ri­sche Besu­cher im Haus sor­gen immer wie­der für beson­dere Momente: Pferde, Alpa­kas, Hunde, Schildkröten und sogar Schlan­gen waren schon da. »Am belieb­tes­ten sind die kusche­li­gen Tiere, die man füttern und strei­cheln kann«, verrät Betreu­ungs­kraft Elke Gröber. Sie ist im Haus dafür zuständig und sehr dank­bar um die Freiräume, die ihr Ein­rich­tungs­lei­tung Carola Mau­rus- Ruß einräumt. »Früher haben wir öfters nur Ball­spiele gemacht. Aber wenn man die ent­spre­chen­den Freiräume hat, ent­wi­ckelt man sich wei­ter. Wir sind ein tol­les Team und ergänzen uns wun­der­bar«, freut sich Elke Gröber.

In den meis­ten der ins­ge­samt 27 Senio­ren­zen­tren der Zieg­ler­schen wird eine Tagespflege ange­bo­ten und das seit Mitte der 90er Jahre – als solitäre, wie in Goma­rin­gen, oder als inte­grierte Form, wie in Rot an der Rot. Zusam­men­gezählt bie­ten die Zieg­ler­schen 168 Tagespfle­geplätze, Ten­denz stei­gend. »Die Tagespflege ist eine wich­tige Ergänzung zu unse­ren sta­tionären und ambu­lan­ten Ange­bo­ten«, erklärt Sebas­tian Köbbert, Geschäftsführer der Alten­hilfe der Zieg­ler­schen. »Im Grunde geht es darum, dass pfle­ge­bedürftige Men­schen und deren Angehörige die sta­tionäre Pflege ver­mei­den oder hin­auszögern können.« Ein wich­ti­ger Aspekt sei, dass die Mit­ar­bei­ten­den der Tagespflege für ihre Gäste ein Gespür ent­wi­ckeln und indi­vi­du­ell rea­gie­ren können, wenn sich pfle­ge­ri­sche Bedarfe ändern. »Unser Kon­zept ›Hilfe aus einer Hand‹ sieht vor, dass Wech­sel zwi­schen unse­ren Ange­bo­ten ein­fach möglich sind und Men­schen von uns ganz­heit­lich beglei­tet wer­den können.« Da die Zahl pfle­ge­bedürfti­ger Men­schen steigt, werde auch die Tagespflege immer wich­ti­ger. »Bei Neu­bau­ten den­ken wir daher immer eine Tagespflege mit«, betont Köbbert.

Eine, die aus vol­ler Über­zeu­gung als Fach­kraft in der Tagespflege arbei­tet, ist Bar­bara Schock. Knapp 20 Jahre war sie in einem Kran­ken­haus auf Sta­tion, dann fünf Jahre bei einer Kran­ken­kasse. Irgend­wann merkte sie, dass ihr der direkte Kon­takt mit Men­schen fehlte. Vor drei Jah­ren stieg sie dann ins Senio­ren­zen­trum Heu­bach im Ostalb­kreis direkt als Fach­kraft für die Tagespflege ein. »Das war ein Glücks­griff. Die Arbeit ist so viel­sei­tig. Und den Men­schen zu ermögli­chen, länger zu Hause zu blei­ben und sie aus ihrer Ein­sam­keit zu holen, das bedeu­tet mir viel«, so die 60-Jährige. Denn viele Gäste woh­nen allein und erle­ben in der Tagespflege noch­mals Gemein­schaft. Schön sei außerdem, die Ent­las­tung der Angehörigen zu spüren. Viele packen sich alle Ter­mine und Erle­di­gun­gen in diese Tage, an denen der pfle­ge­bedürftige Angehörige betreut ist. Sel­ten tun sie sich selbst etwas Gutes, obwohl das doch so wich­tig wäre. »Immer­hin von einer Angehörigen weiß ich, dass sie in den Sport geht, wenn ihr Mann hier ist. Das könnte sie sonst nicht«, erzählt Schock.

Dies bestätigt auch Nicole Findeiß, Ein­rich­tungs­lei­te­rin des Senio­ren­zen­trums Men­gen bei Sig­ma­rin­gen mit inte­grier­ter Tagespflege. Viele Fami­lien berich­ten, wie wert­voll es für sie ist, ihre pfle­ge­bedürfti­gen Eltern oder Part­ner an ein­zel­nen Tagen oder auch die ganze Woche über gut betreut zu wis­sen. »Für viele ist es eine unheim­li­che Erleich­te­rung, weil sie an die­sen Tagen wirk­lich ein­mal etwas in Ruhe erle­di­gen können – sei es ein eige­ner Arzt­ter­min, der Arbeit­sall­tag oder ein­fach ein Moment zum Durch­at­men«, erklärt Nicole Findeiß. In Men­gen wird die Tagespflege fle­xi­bel von mon­tags bis frei­tags ange­bo­ten und ergänzt häufig auch die häusli­che Ver­sor­gung durch Pfle­gekräfte. Damit auch diese ein­mal frei haben oder ent­las­tet wer­den, über­neh­men die Mit­ar­bei­ten­den des Senio­ren­zen­trums an bestimm­ten Tagen die Betreu­ung der Tagespfle­gegäste. »Viele blühen in der Tagespflege regel­recht auf«, weiß Nicole Findeiß. Ein wei­te­rer Vor­teil für die Tagespfle­gegäste sei, dass sie bei der Ver­gabe von Kurz­zeit- oder sta­tionären Pfle­geplätzen im Senio­ren­zen­trum bevor­zugt berücksich­tigt wer­den. »Das schafft zusätzli­che Pla­nungs­si­cher­heit.«

Noch ein­mal zurück zu Bar­bara Schock in Heu­bach. Die Fach­kraft arbei­tet gerne in der Tagespflege, genießt vor allem die gere­gelte, fami­li­en­freund­li­che Arbeits­zeit. »Und was ich auch toll finde, ist der große Gestal­tungs­spiel­raum. Ich kann spon­tan draußen spa­zie­ren gehen, wenn das Wet­ter passt und der Tagespfle­ge­gast moti­viert ist. Oder sin­gen. Oder bas­teln. Ich ver­su­che, die Men­schen so indi­vi­du­ell abzu­ho­len, wie sie sind.« Dazu hat sie ein großes Reper­toire an Ideen, setzt sich aber abends oder mor­gens kurz hin, schaut, wer an die­sem Tag zu Gast ist, und über­legt sich etwas. »Zur Fußball-WM habe ich natürlich was zum Fußball gemacht, ein Tagespfle­ge­gast hat selbst aktiv Fußball gespielt, ein ande­rer war Schieds­rich­ter. Die bei­den sind kom­plett in dem Thema auf­ge­gan­gen und ich habe jede Menge dazu­ge­lernt. « Natürlich gäbe es auch Her­aus­for­de­run­gen am Tag, denn die Men­schen kom­men mit unter­schied­li­chen Erwar­tun­gen und Kom­pe­ten­zen. Die einen wol­len kogni­tiv anstren­gende Auf­ga­ben, die ande­ren sagen, sie sind hier nicht in der Schule. Ein paar bewe­gen sich gerne, man­che mögen das gar nicht. »Alle unter einen Hut zu brin­gen – das ist schon manch­mal ein großer Spa­gat.«

Auch die Sorge um das see­li­sche Wohl werde nicht ver­nachlässigt, erzählt Bar­bara Schock. So wird das Thema Ster­ben sowohl in der Gruppe als auch im Ein­zel­ge­spräch immer wie­der bespro­chen. Ebenso wich­tig sei den Tagespfle­gegästen die geist­li­che Beglei­tung. »Das sieht man daran, dass der wöchent­li­che Got­tes­dienst im Senio­ren­zen­trum Heu­bach von den meis­ten besucht wird. Die Leute freuen sich dar­auf – und danach wird oft darüber gespro­chen.«

Was der 60-Jähri­gen manch­mal schwerfällt, sei die ständige Akquise, denn der Besuch der Tagespflege ist ja immer nur auf Zeit. Trotz vie­ler Wech­sel sind ihr zahl­rei­che Gäste in Erin­ne­rung geblie­ben. »Ich erin­nere mich an eine Geschichte, die wir so oder ähnlich immer wie­der erle­ben. Die Frau ist dement, der Ehe­mann pflegt sie zu Hause. Die Toch­ter lebt in Paris und bemerkt bei einem Besuch, wie schwer das für den Vater ist. Sie regt an, die Mut­ter in die Tagespflege zu brin­gen. Erst kann der Vater kaum los­las­sen, doch dann sagt seine Frau auch am Woche­n­ende: ›Ich muss los, ich muss in die Tagespflege.‹ Wenn Angehörige mer­ken, jetzt ist es nor­mal, dann ent­span­nen sich alle.«

Die­ser Mann besucht die Tagespflege in Heu­bach übri­gens heute noch ab und zu. Er freut sich und »lobt uns, obwohl seine Frau schon seit über einem Jahr ver­stor­ben ist«, erzählt Bar­bara Schock. Und lachend fügt sie hinzu: »Wer weiß, viel­leicht wird er auch mal unser Tagespfle­ge­gast.«

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