fachtag gewalt: 15. - 16. februar 2018

Der Fachtag

Donnerstag
15. Februar 18

09.00 Uhr
Begrüßung der Tagungsgäste mit Kaffee und kleinem Frühstück

09.30 Uhr
Eröffnung der Tagung
Prälat Michael H. F. Brock (Vorstand Stiftung Liebenau)

10.00 Uhr
Fachvortrag Prof. Dr. Erik Weber „Gewalt ist der verborgene Kern von Behinderung“ (Jantzen) – Herausforderungen und Perspektiven für die unterstützte Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen im Spannungsfeld von Inklusionsbemühungen und Exklusion

11.00 Uhr Kaffeepause

11.30 Uhr
Fachvortrag Dr. Marc Allroggen: Gewalt – eine entwicklungspsychologische Perspektive

12.30 Uhr Mittagessen und Pause

13.30 Uhr Workshop Phase 1

15.00 Uhr Kaffeepause

15.30 Uhr Workshop Phase 2

17.00 Uhr Tagesabschluss im Workshop

Freitag
16. Februar 18

09.00 Uhr
Morgenimpuls von Pfarrer Gottfried Heinzmann (Vorstand der Zieglerschen)

9.30 Uhr
Eine andere Perspektive: Klienten im Interview, Eltern und Mitarbeitende im Gespräch
Moderiert von Gottfried Heinzmann und Stefan Meir

10.45 Uhr Pause

11.15 Uhr Impulsreferate zu Kernthemen

  1. Hubert Gärtner / Stephan Becker:
    Was brauchen Mitarbeiter als Schutz und Unterstützung in ihrem Arbeitsfeld?
  2. Stefan Meir:
    SEO – Der Blick auf die emotionale Entwicklung als Hilfe zum Verständnis aggressiven Verhaltens
  3. Marc Seeger:
    Herausforderung selbstverletzendes Verhalten
  4. Ulrich Dobler:
    Das neue BTHG – Chancen und Risiken im Spannungsfeld zwischen Betreuung und Autonomie

12.30 Uhr Mittagessen und Pause

13.30 Uhr
Fachvortrag Dr. Jan Glasenapp: Gewalt im Spannungsfeld von Sicherheit und Freiheit

15.00 Uhr Tagungsende

Workshops

  1. Dr. Bernhard Preusche:
    Ethische Fallbesprechung – ein Weg der Problemlösung bei FEM
  2. Ruth Hofmann / Jasmin Wölfelschneider:
    Sexuelle Gewalt in Institutionen der Behindertenhilfe
  3. Hubert Gärtner / Stephan Becker:
    Raus aus dem Schatten – kontinuierliche Teamberatung im Umgang mit Gewalt im pädagogischen Alltag
  4. Dorothea Wehle-Kocheise:
    Traumapädagogik – ein Zugang zu mehr Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Konflikten und Gewalt im Alltag
  5. Detlef Leopold:
    Einführung in Ki-Pro – das mehrdimensionale Kriseninterventionsprogramm
  6. Marc Seeger / Sophie Meissner:
    Selbstverletzende Verhaltensweisen – Erscheinungsformen und Interventionsmöglichkeiten
  7. Prof. Dr. Erik Weber:
    De-Institutionalisierung! Kontinuitäten, Herausforderungen und Perspektiven eines Reformkonzeptes.
  8. Dr. Jan Glasenapp:
    Arbeit in Spannungsfeldern
  9. Stefan Meir:
    SEO und Gewalt – auffälliges Verhalten und Erregungszustände in Zusammenhang mit der emotionalen Entwicklung
  10. Birgit Mayer:
    Der Bündner Standard: Professioneller Umgang mit grenzverletzendem Verhalten im institutionellen Kontext

Kurzvitae der Referenten

Dr. med. Marc Allroggen
Studium der Humanmedizin in Bonn, Perugia und Verona. Weiterbildungen zum Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie zum tiefenpsychologischen Psychotherapeuten und in analytischer Psychotherapie. Seit 2008 tätig an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie / Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Oberarzt, komm. Sektionsleitung der Institutsambulanz, Leiter des Bereichs Forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Forschungsschwerpunkte: Aggressives Verhalten, Sexualisierte Gewalt, Forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie, Störungen der Persönlichkeitsentwicklung.

Dr. Jan Glasenapp
Studium der Psychologie in Bielefeld, Schwerpunkt Klinische Psychologie. Weiterbildung zum Psychotherapeuten mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Promotion als Dr. phil. an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg mit dem Dissertationsthema: „Deinstitutionalisieren im Spannungsfeld von Sicherheit und Freiheit. Eine explorative Untersuchung zu den differenzierten Auswirkungen eines Deinstitutionalisierungsprozesses in der Behindertenhilfe auf die Menschen, die in der Institution leben und arbeiten“.

Prof. Dr. Erik Weber
Studium der Heilpädagogik in Köln und Bologna. Promotion im Jahr 2004 mit dem Titel „De-Institutionalisieren: Konzeptionen, Umsetzungsmöglichkeiten und Perspektiven zwischen fachwissenschaftlichem Anspruch und institutioneller Wirklichkeit“. Seit Oktober 2011 Professor für „Integrative Heilpädagogik/ Inclusive Education“ an der Ev. Hochschule Darmstadt; dort Studiengangsleitung des gleichnamigen Bachelor-Studiengangs. Schwerpunktthemen und Forschungsbereiche: Teilhabeforschung, Integration/Inklusion, Deinstitutionalisierung, Enthospitalisierung, Rehistorisierung, Assistenz, Individuelle Hilfe- bzw. Teilhabeplanung, Beratung im Kontext Teilhabeplanung, Professionalisierung von HeilpädagogInnen.

Stephan Becker
Heilpädagoge, Systemischer Kinder- und Jugendlichentherapeut, Stiftung Liebenau

Ulrich Dobler
Stabsstelle Politik & Internationales, Stiftung Liebenau

Hubert Gärtner
Diplompsychologe, Kinder - und Jugendlichenpsychotherapeut, Stiftung Liebenau

Ruth Hofmann
Diplompädagogin, Supervisorin (DGSv), Stiftung Liebenau

Detlef Leopold
Heilpädagoge, Multiplikatorenfortbildung für Ki-Pro, Einrichtungsleitung LibW (Langfristig intensiv betreutes Wohnen), Die Zieglerschen

Birgit Mayer
Diplompsychologin und Leitung Wohnheim Tilia, CH-Rheinau

Stefan Meir
Diplompsychologe, psychologischer Psychotherapeut, Stiftung Liebenau

Sophie Meissner
Heilpädagogin, Fachdienst Langfristig intensivpädagogische Betreuung (LipB), Die Zieglerschen

Dr. Bernhard Preusche
Stabsstelle Ethik Stiftung Liebenau

Marc Seeger
Diplompädagoge, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Leitung LipB, Psychologischer Fachdienst SBBZ Haslachmühle, Die Zieglerschen

Dorothea Wehle-Kocheise
Heilpädagogin, Traumapädagogin und Traumazentrierte Fachberatung (DEGPT/ BAG-TP), Stiftung Liebenau

Jasmin Wölfelschneider
Diplompädagogin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Psychologischer Fachdienst, Die Zieglerschen

Nachbericht

„Hilfe – Gewalt“: Fachtag sucht nach Ursachen und Lösungen

Gewalt in der Begleitung von Menschen mit Behinderung oder psychischen Einschränkungen stellt für viele Klienten, Angehörige und Mitarbeitende eine tägliche Herausforderung dar – oftmals bis an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Mit der Stiftung Liebenau und den Zieglerschen haben sich zwei große Träger aus dem Bodenseeraum ihrer ethischen Verantwortung gestellt und gemeinsam bei der Fachtagung „Hilfe – Gewalt“ nach aktuellen fachlichen Antworten gesucht.

Gewalt hat viele Facetten
Gewalt hat auch hier viele Formen:  Zum einen erfahren Menschen mit Behinderung Gewalt – sei es durch ihr persönliches Umfeld oder struktureller Art. Zum anderen werden aber auch die Betreuer im Berufsalltag Opfer von Aggressionen. Wie hoch der Informations- und Gesprächsbedarf ist, das zeigte allein schon das große Interesse an der zweitägigen Fachveranstaltung, zu der 250 Teilnehmer in das Berufsbildungswerk Adolf Aich nach Ravensburg kamen. Dabei widmeten sich die zahlreichen Vorträge, Impulsreferate, Diskussionen und Workshops einem Thema, „das ja nicht gerade mit Leichtigkeit verbunden ist“, so Christine Beck, Geschäftsleitung Liebenau Teilhabe.

Sich der Verantwortung stellen
Umso wichtiger sei es, sich mit möglichen Ursachen auseinanderzusetzen, sich dabei Tätern und Opfern zugleich zu widmen, wirksame Präventionsstrategien zu entwickeln und eine „Kultur der Kommunikation“ zu etablieren. „Die Träger sind gefordert“, sagte Beck und freute sich, dass sich mit der Stiftung Liebenau und den Zieglerschen zwei bedeutende Akteure mit dieser Problematik aktiv gemeinsam auseinandersetzen – und zu ihrem Fachtag namhafte Experten eingeladen hatten.

Spannungsfeld: Sicherheit und Freiheit
Etwa Dr. Jan Glasenapp, Psychologischer Psychotherapeut aus Schwäbisch Gmünd. Gewalt sei eine Interaktionsform, um die eigenen Ziele zu erreichen, unter Inkaufnahme physischer oder psychischer Verletzungen anderer – wobei der strukturelle Rahmen gewaltfördernd oder -mindernd wirke. „Es gibt keine Gewaltfreiheit an sich“, so Glasenapp, sondern eine „Praxis der Gewaltfreiheit“ und deren Einübung. Gewalt sei nicht selten ein Mittel, Aufmerksamkeit zu erreichen, Kontrolle und Selbstbestimmung durchzusetzen und den Selbstwert zu erhöhen. So hätten es Bewohner einer Wohngruppe relativ schwer, sich von anderen abzuheben. Gewalt könne eine Reaktion sein, sich mächtiger oder größer zu fühlen.

„Reflektieren, reflektieren, reflektieren“
Um Gewalt entgegenzutreten, müsse man sie verstehen – in Bezug auf die Geschichte ebenso wie auf die Beziehungen und die Grundbedürfnisse Sicherheit und Freiheit. Auch der Kontext müsse berücksichtigt werden: Gesetze, Ausstattung, Arbeitsbedingungen, Öffentlichkeit sowie Leitung, Team und Angehörige. „Reflektieren, reflektieren, reflektieren“, lautet der Rat des Experten an Mitarbeiter und Leitungen von Einrichtungen.

Viele Faktoren für Aggression
Dr. Marc Allroggen vom Universitätsklinikum Ulm näherte sich dem Thema aus entwicklungspsychologischer Perspektive. So sei Aggression „ein komplexes Zusammenspiel von individuellen, situativen und gesellschaftlichen Faktoren“. Und ja: Es gebe einen Zusammenhang zwischen eigenen Gewalterfahrungen und eigenem aggressivem Verhalten. Zudem könne Gewalt auch „als Ausdruck eines Entwicklungsprozesses verstanden werden“. Das zeige sich dann zum Beispiel in Situationen, in denen man sich beleidigt fühle. „Auf gut Deutsch: Wie leicht bin ich reizbar?“ Stichwort: Impulskontrolle. „Individuelle Gewalt wird immer auch bedingt durch strukturelle Gewalt und Gegebenheiten“, wie Allroggen ebenfalls betonte und deshalb forderte: „Die Prävention muss auch auf gesellschaftlicher und institutioneller Ebene ansetzen.“

„Das habe ich fast nicht ausgehalten“
Ideen für mögliche Techniken, Strategien und Methoden im konkreten Umgang mit Gewalt gaben mehrere Workshops und Impulsreferate den Fachtag-Teilnehmenden an die Hand. Denn dass das Erleben von Gewalt und Aggressionen in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen zum Alltag gehört, das zeigte sich in einem Gespräch mit Mitarbeitern. Diese berichteten von massiven Selbstverletzungen bei Bewohnern („Das habe ich fast nicht ausgehalten“) und auch Angriffen auf die eigene Person („Ich wurde auch schon ins Gesicht geschlagen“). Wut, Ohnmacht und Angst lösen solche Situationen bei den Fachkräften aus. Wie damit umgehen? Reden – mit den Freunden, der Familie, vor allem aber mit den Kollegen. Und es helfe natürlich herauszufinden, „warum der Mensch so handelt“.

Interviews mit Bewohnern
Warum – das hatte Diplompsychologe Stephan Meir von der Stiftung Liebenau die betreuten Menschen vor der Kamera selbst gefragt und aufgezeichnet. Wann wirst du gewalttätig? „Wenn man mich wütend macht.“ Oder: „Wenn ich Alkohol getrunken habe.“ Was kann dir helfen? „Mit mir reden“, hieß es da. „Umarmungen und Zuwendung“, lautete eine andere Antwort. Oder auch einfach: „Mich in Ruhe lassen.“

„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“
Prof. Dr. Erik Weber von der Evangelischen Hochschule Darmstadt warf in seinem Vortrag zunächst einen Blick auf das soziale Klima im Land und sprach dabei von einer „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, die auch Menschen mit Behinderung betreffe. Und das „Exklusionsrisiko Behinderung“, das trotz aller gut gemeinter Inklusionsbemühungen vorhanden sei, werfe die provokante Frage auf: „Ist Gewalt der verborgene Kern von Behinderung?“ Deshalb sei es wichtig, die Diskussion in die Einrichtungen und Dienste zu tragen. Und – so war sich Weber sicher: „Wir werden auch in 20 Jahren noch über dieses Thema reden.“

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