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Porträt: »Hier kann ich endlich ich selbst sein.«

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Er ist eines der »Models«, die ihr Gesicht für die neue Kampagne der Zieglerschen »Was ich tue, erfüllt mit Leben« gegeben haben. Er ist ein ganz besonderer Typ mit Ecken, Kanten und einem ungewöhnlichen Lebenslauf. Und er ist jemand, der nach langer Suche sein Zuhause – vorerst – in der Altenhilfe der Zieglerschen gefunden hat: Tobias Brüssel, 28, ADHSler, Schulabbrecher, Heimkind, Bauarbeiter und – heute Altenpfleger in den Zieglerschen. Das Porträt.

Es ist kurz vor 9 Uhr im Gemeindepflegehaus Härten in Kusterdingen. In der Cafeteria sitzen die Senioren gemütlich beim Frühstück. Ehrenamtliche und Pflegekräfte kümmern sich um Kaffee, helfen Brote schmieren, rücken Rollstühle zurecht. Eine Bewohnerin will ihre Tabletten nicht nehmen. Sie sitzt im Rollstuhl am Tisch und wischt sich mit dem Plastik der Taschentücherverpackung die Augen. Tobias Brüssel, Pflegefachkraft, holt sich einen Kaffee und setzt sich zu ihr. Ganz behutsam spricht er mit ihr. Sorgt zunächst dafür, dass sie die Verpackung gegen ein Taschentuch tauscht. Sie unterhalten sich, doch er kann sie nicht überzeugen, die Tabletten zu nehmen. Er wird sich später nochmals darum kümmern.

Die Arbeit mit den Senioren fällt ihm leicht. Er liebt die Atmosphäre im Haus, es ist schön, wenn es »gleich morgens nach Kaffee« riecht. Früher musste er sich von seinem cholerischen Chef anschreien lassen. Er arbeitete auf dem Bau, machte eine Ausbildung zum Stuckateur. »Seit ich in der Altenpflege arbeite, erfahre ich, wie es sich anfühlt, wenn andere Menschen einem ihr Vertrauen schenken«, erzählt er. Und seit er in der Pflege arbeitet, wüsste er viele Dinge viel mehr zu schätzen: »Farbenspiele der Natur, das Lachen mit Freunden, das Sammeln von Erinnerungen, ob gute oder schlechte.«

Schlechte Erinnerungen hat er eine Menge. Als ADHS-Kind eckte Tobias Brüssel überall an, flog von verschiedenen Schulen. Er war im Heim. Aber er machte dort den besten Hauptschulabschluss seiner Klasse. Er bezeichnet sich selbst als »Phasenmensch«. Wenn er etwas gut findet, kann er seine ganze Kreativität und Leidenschaft darauf projizieren und erzielt sehr schnell große Erfolge. »Ich finde es prima, dass ich in meinem Job als Altenpfleger ›Ich‹ sein darf. ›Ich sein‹ heißt, auch unkonventionell sein zu dürfen. Das erfrischt unsere Bewohner und auch Angehörige schätzen meine Art.« Auch seine Chefin Gabriele Henger schätzt ihn. Als er seine Altenpfleger-Ausbildung machte, legte ihm ein Lehrer die Zieglerschen ans Herz. »Es gibt da eine Hausleitung, ich glaube mit der würden Sie sich gut verstehen, Herr Brüssel. Sie sucht ›Anwälte‹ für ihre Bewohner.« Gemeint war Gabriele Henger. Das Bewerbungsgespräch hat ihn sofort überzeugt.

Nun hat ihm Gabriele Henger angeboten, ihn bei einer Weiterbildung zur Pflegedienstleitung zu unterstützen. Tobias hat abgelehnt, »nach langem Ringen mit mir selbst«. Denn dann müsste er Gesetze und Bestimmungen gegenüber den Mitarbeitern durchsetzen, die er selbst hinderlich findet.

Als Beispiel nennt er das Essen. Wenn eine Bewohnerin nicht oder schlecht isst, muss er das dokumentieren. »Viele Pflegehelfer neigen dazu, den Leuten das Essen mit einem Großaufgebot an Mühe und Schmeichelei einzugeben, denn sie fühlen sich als Versager, wenn sie mir übergeben, dass Herr XY nur drei Bissen gegessen hat.« Dabei wäre das doch gar nicht nötig. Es gibt fünf Mahlzeiten am Tag, viele Bewohner bewegen sich tagsüber kaum, kein Wunder, wenn sie mal keinen Hunger haben. »Im Pflegeheim wird oft der Bezug verloren zum natürlichen Prozess des Alterns.«

Tobias erzählt dies, während er quer auf dem Stuhl sitzt, das eine Bein hat er über die Lehne gelegt und lässt es baumeln. Er reibt sich seinen Bart, streckt den Arm nach oben, fährt sich durch die Haare. Zudem würde er als Wohnbereichs- oder Pflegedienstleitung viel zu viel Zeit im Büro verbringen. Das ist einfach nichts für ihn. Er liebt die Arbeit mit Menschen, nah am Menschen.

Seine neueste Leidenschaft ist das Massieren. »Seit circa einem Jahr habe ich großes Interesse an der Körperarbeit, also Massieren und die Verbesserung der Körperhaltung durch spezielles Training.« Er würde das auch gerne in seinen Beruf einbringen. Darüber ist er nun mit Gabriele Henger im Gespräch, die findet, dass diese Zukunftsvision tatsächlich viel passender für ihn ist. Damit könnte er seine persönlichen Fähigkeiten einbringen und einen Weg beschreiten, der auf Wohlfühlen und Natürlichkeit setzt: eine Kombination aus Pflegefachkraft und Masseur. »Ob das funktioniert, weiß ich nicht, aber ich hoffe es.«

Zum weiterlesen: www.zieglersche.de/tobias-bruessel

Text: Nicola Philipp

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