Wohin steuert die Jugendhilfe?

■ Die gesellschaftlichen Megatrends sorgen dafür: Kinder- und Jugendhilfe bleibt ein Wachstumsfeld. Zumindest im Prinzip. Die Nachfrage nach Jugendhilfe-Leistungen bleibt, und in Teilbereichen wird das Wachstumspotenzial noch zunehmen. Offensichtlich ist dies schon heute beispielsweise bei der strukturellen Überforderung vieler Familien vor dem Hintergrund der steigenden Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen der sich verändernden Arbeitswelt.
Nimmt man den gleichzeitig anschwellenden Diskurs über Familienpolitik und demographische Entwicklung hinzu, dann ergeben sich (eigentlich) expansive Tendenzen im Bereich der Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche. Und ebenso betrifft das – immer noch weitgehend „gemieden“ – die Erziehungsfunktionalität der Kinderund Jugendhilfe.

Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass die Entwicklungsperspektive der Kinder- und Jugendhilfe aus (finanzierungs- und steuerungs-)strukturellen Gründen eher mit mehreren Fragezeichen zu versehen ist. Und dass – noch dramatischer – durchaus gut begründbar ein Rückbau des Systems erwartet werden kann. Dies liegt mit Blick auf das Gesamtsystem Kinder- und Jugendhilfe an einer doppelten Problematik: Unterfinanzierung UND Fehlfinanzierung. Besonders extrem zeigt sich das Problem in der Kindertagesbetreuung. Aber auch die „klassische“ Jugendhilfe steht derzeit strukturell in einem schwierigen Spannungsfeld. Dabei bremsen zum einen eine ganze Reihe an (noch) vorhandenen individuellen Rechtsansprüchen den Zu- bzw. Durchgriff auf die Leistungen seitens der Kostenträger. Zum anderen befördert aber gerade die Inanspruchnahme von Rechtsanspruchsleistungen mit den entsprechenden Auswirkungen auf die kommunalen Haushalte eine Entwicklung, über Veränderungen der Finanzierungssysteme und der Auftragsvergabe zu versuchen, gleichsam „indirekt“ kontraktive Wirkungen herzustellen. Aber auch hier muss wieder die Besonderheit der Kinder- und Jugendhilfe im Vergleich zu anderen Handlungsfeldern hervorgehoben werden, die sich beispielsweise ganz konkret an der Zweigliedrigkeit des Jugendamtes und der Rolle der Jugendhilfeausschüsse aufzeigen lässt.

Eine große Schwierigkeit hinsichtlich der Bestandsaufnahme der derzeitigen und erwartbaren Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe ergibt sich aus der Tatsache, dass an sich notwendige und richtige fachliche Diskussionen und Infragestellungen von Fachpraxis – man denke hier nur an die Debatte über Spezialisierung versus Entspezialisierung in den erzieherischen Hilfen – sofort instrumentalisiert werden. Mit dem Ziel: steuerungs- und finanzierungsseitige „Effizienzsteigerungen“ zu realisieren. Aufzeigen kann man dies beispielsweise an der sich ausbreitenden Diskussion über „Wirkungsorientierung“, die sofort verknüpft wird mit der Frage einer „wirkungsorientierten Finanzierung“ der Leistungsanbieter. Der Verlauf dieser erst am Anfang stehenden Debatte erinnert sehr stark an den Ablauf der Diskussion und Rezeption von „Sozialraumorientierung“ und die Verknüpfung mit „Sozialraumbudgets“.

Natürlich bewegt sich die Kinder- und Jugendhilfe nicht im luftleeren Raum, sie ist nur noch partiell „auf einer Insel“ (z.B. hinsichtlich des Umfangs der individuellen Rechtsansprüche im SGB VIII im Vergleich zu anderen sozialpolitischen Handlungsfeldern). Und wenn man die Entwicklungen in anderen sozialpolitischen Handlungsfeldern vergleichend betrachtet und bewertet, dann sind gemeinsame Entwicklungslinien dort erkennbar, die entweder direkt Auswirkungen haben auf die Kinder- und Jugendhilfe oder aber diesen Bereich auch selbst nicht verschonen werden. Nur beispielhaft seien genannt: Der Umbau der sozialen Sicherungssysteme in Richtung Grundsicherungsmodelle, die flächendeckende Pauschalierung von Leistungen, die zunehmende Auflösung bzw. Auflockerung des sozialrechtlichen Dreiecksverhältnisses durch eine Umwandlung der Finanzierung von Sach- und Dienstleistungen in Geldpauschalen.

Das geht nicht spurlos an der Kinder- und Jugendhilfe vorbei, und zunehmend wird dieser Bereich in die Mitte der Aufmerksamkeit rücken – dies weniger, weil die Ausgaben für diesen Bereich in der Gesamtschau von großer Bedeutung sind (das sind sie nicht), sondern weil Kinder und Jugendliche zum einen immer weniger werden (und wenn etwas knapper wird, dann steigt im allgemeinen der „Preis“, hier die öffentliche Aufmerksamkeit) und zum anderen steigt der Erwartungsdruck auf die Kinder- und Jugendhilfe in dem Sinne enorm an, dass sie die zunehmenden Bildungs- und Betreuungsfunktionalitäten effizienter und effektiver zu „bedienen“ habe.

In dieser komplizierten Gefechtslage bewegt sich der von Seiten der Wissenschaft wie auch der „Lebenspraxis“ absolut richtige Diskurs über ein „Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung“. Und dies skizziert in Ansätezn die Bedingungen der sozialpolitischen Debatte, wie wir sie führen wollen und werden. Die Partnerschaft der öffentlichen und freien Jugendhilfe, die sich über die Jahre bewährt hat und im SGB VIII verankert ist, muss neu definiert und formuliert werden. Dies muss in regionalen und überregionalen Dialogen geschehen. Dabei spielen die Veränderungen des Rahmenvertrages, zum Beispiel eine intensivere Berücksichtigung von Eltern- und Familienarbeit ebenso eine Rolle wie strukturelle Veränderungen in Folge der Föderalismusreform, z.B. ob Jugendhilfeausschüsse als regionales Gestaltungselement von Jugendhilfe erhalten bleiben. Wir haben eine Verantwortung für Kinder, Jugendliche und ihre Familien – und deshalb wollen wir diskutieren und uns gegenseitig anregen, die Zukunft der Jugendhilfe zu gestalten.

Von Prof. Dr. Stefan Sell

Anlässlich seines 50-jährigen Bestehens veranstaltete das Martinshaus am 9. November 2006 den Fachtag „Jugendhilfe in einem sich wandelnden Sozialstaat“. Hauptredner ist der in der Jugendhilfe-Szene und darüber hinaus bekannte Experte Prof. Dr. Stefan Sell. Sell ist Vizepräsident der FH Koblenz und lehrt dort Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften. Gemeinsam mit anderen Experten wird er an diesem Tag auch an einem Hearing zum Thema „Konsequenzen für die Gestaltung der Jugendhilfe in der Region Oberschwaben“ teilnehmen. Hier einige Auszüge seines Vortrags (redaktionell bearbeitet).