Wie jung ist die Diakonie?

■ Die Zahl ist beeindruckend: rund 250 Menschen, fast zehn Prozent aller Mitarbeiter/innen in den Zieglerschen, sind jung! Sind FSJler, Zivis oder Praktikanten. Auch diese Zahl ist beeindruckend: rund 500 Jugendliche aus ganz Württemberg kamen in diesem Jahr zum 3.  Jugenddiakoniefestival! Vor zwei Jahren waren es noch 100, 2008 wird mit 1.000 gerechnet.
Wie organisiert man einen solchen Erfolg? Wie bringt man so viele Jugendliche dazu, ihre Camping-Ausrüstung, ihren Glauben und jede Menge gute Laune einzupacken und das Wochenende oder ein ganzes Jahr in einem doch eher abgeschiedenen 4.000-Seelen-Ort bei Ravensburg zu verbringen? Bettina Rahn, Referentin für Freiwilligendienste und Öffentlichkeitsarbeit sagt es so: „Wir geben uns ziemlich viel Mühe, junge Menschen für unsere Arbeit zu begeistern, weil wir wissen: Wir haben etwas zu bieten, das Weichen für das ganze spätere Leben stellen kann“. Und Heiko Bräuning, Pfarrer, Musiker, Referent für Diakonie und Seelsorge der Zieglerschen Anstalten und Initiator des Jugenddiakoniefestivals, beschreibt es so: „Wir gucken einfach ganz genau, was Jugendliche heute wollen und nehmen das ernst. Luther hat gesagt: Man muss dem Volk aufs Maul gucken, um zu verstehen, welche Sprache sie und um zu wissen, wie ich die frohe Botschaft verständlich machen kann. Und das machen wir. Und so stellen wir fest: Aha, Jugendliche wollen Musik, wollen Begegnung in der Gruppe und wollen sich engagieren. Und das bieten wir ihnen. Da  muss man natürlich auch mal mutig sein, größer denken und auch mal Charts-Künstler holen, die die Leute sonst nur aus dem Radio kennen. So funktioniert‘s.“

Beim Jugenddiakoniefestival hat es genau so funktioniert. Neben Stars wie Patrick Nuo, Jimmy Kelly und Judy Bailey wurden vor allem rund 30 Workshops geboten, in denen junge Leute Diakonie live erleben konnten. Jugendhilfe, Altenhilfe, Behindertenhilfe, Suchtkrankenhilfe, Hilfen für Hör- und Sprachbehinderte: in Wilhelmsdorf gab es ganz praktisch zu lernen, wie diakonisches Engagement wirkt. Da wurden hingebungsvoll Gebärden der Menschen mit geistiger Behinderung und zusätzlicher Hör-Sprachbehinderung geübt, um im Festgottesdienst beim Jugenddiakoniefestival die Botschaft von der Liebe Gottes in ausdrucksvollen Gebärden und Worten rüberzubringen. Da trafen sich Menschen mit und ohne Behinderung auf einem Segelschiff auf dem Bodensee oder bei einem Volleyballturnier gegen veritable Special-Olympics-Weltmeister.

Ein Rezept, das aufging. Konfirmandengruppen und ihre Pfarrerinnen und Pfarrer waren und sind von der Festivalidee schlichtweg begeistert. „Gemeinsam zelten, Gottesdienste feiern, ein tolles Open-Air-Konzert erleben, und Diakonie in jugendgerechten Workshops hautnah vermittelt zu bekommen: das war der ideale Auftakt für den Konfirmandenunterricht“, brachte es einer auf dem Punkt. Und seine Kolleginnen und Kollegen, die von überallher aus der Landeskirche gekommen waren, stimmten zu und sagten voraus: „Das Jugenddiakoniefestival wird weiter wachsen.“

Doch woran liegt es nun, dass Hans-Peter Züfle, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen, resümieren kann: „Das Festival ist auf dem richtigen Weg: Unser Ziel, junge Menschen für die Diakonie zu begeistern, haben wir erreicht.“ Und dass die Organisatoren für 2008 gar mit 1.000 Anmeldungen rechnen? Noch einmal Bettina Rahn, die „Jugendbeauftragte“ der Zieglerschen und selbstverständlich im Organisationsteam des Festivals: „Bei uns liegt eben dem Vorstand sehr viel daran, junge Menschen für unsere Arbeit zu interessieren. Die Aufgabe ist direkt in der Unternehmensspitze angesiedelt – und das merkt man.“

Ist das also das Erfolgsrezept – einfach ein ernsthaftes, ehrliches Bemühen um junge Leute, die nicht „fertig ausgebildet“ kommen müssen, sondern in den Zieglerschen lernen, üben, wachsen dürfen? Wahrscheinlich. Ein Mann wie Aristoteles zumindest hätte in den Zieglerschen heute keine Chance: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes…“, seufzte er. „Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“ Das war allerdings rund 350 vor Christi Geburt. Und irgendwie merkt man auch, dass diese seltsame Meinung über „die Jugend“ nicht ganz zeitgemäß ist. Zumindest nicht in einem modernen Unternehmen wie den Zieglerschen.