Bei uns gab's Kerzen, nicht das »elektrische Zeug«

Wie war das, als der rot-weiße Coca-Cola-Weihnachtsmann in Deutschland noch unbekannt war? Wie war Weihnachten vor 60, 70 oder 80 Jahren? Senioren aus dem Martin-Luther-Haus in Denkendorf erinnern sich.
■ »Wir saßen an Weihnachten immer alle zusammen. Vierzehn Leute um den Tisch, beim Großvater auf dem Hof.« Rudolf Preissing kommt »von der Alb ra« und wohnt im Seniorenzentrum Martin-Luther-Haus in Denkendorf. Er ist der einzige Mann in der siebenköpfigen »Bunten Runde«, die sich jeden Mittwoch trifft und von Ina Bös, Fachfrau für Betreuung und Soziales, geleitet wird. 76 Jahre ist die Jüngste der Gruppe, 92 die Älteste. Heute geht es um Weihnachten. Wie das früher war – vor 60, 70 oder 80 Jahren? Was gab es zum Essen, an welche Geschenke können die Senioren sich erinnern, haben Lieder eine Rolle gespielt? »Die Weihnachtslieder waren für mich das höchste«, sagt Ella Kramer, aufgewachsen in Stuttgart Sillenbuch, »und die Zimtsterne, das ist gutes Gebäck. Mein Bruder hat nie mitgebacken, aber dann kräftig zugesprochen.«

Liesbeth Hamacher, der man ihre Herkunft von Rostock her anhört, kann viele Texte von Weihnachtsliedern aufsagen. Stille Nacht, Ihr Kinderlein kommet, Vom Himmel hoch. »Das Alte sitzt im Hirn, aber fragen Sie mich nicht, was es gestern zu Essen gegeben hat«, sagt sie lachend. Die Geschenke damals waren meist Gebrauchsgegenstände. »Meine Mutter hat zu Weihnachten immer neue Kleider für mich und meine Schwester genäht. An ein grünes Kleid mit weißem Karo kann ich mich erinnern. Oh, was war ich stolz«, sagt Hamacher.

»Ja, fein gemacht haben wir uns zu Weihnachten«, bekräftigt Maria Reiner aus Ostfildern. Und auch Regina Gayer, die in Jugoslawien aufgewachsen ist, erinnert sich an das Aussuchen der Kleider zu Weihnachten. Eine nicht so erfreuliche Erinnerung verknüpft Lisa Hemminger aus Esslingen mit diesem Thema: »Ich musste immer die Kleider von meiner älteren Schwester auftragen«. Da nickt die ganze Runde, kaum einer, der dieses Problem nicht von früher kennt.

»Einmal gab es aber etwas ganz Besonderes für mich. Das will ich erzählen«. Gertrud Kalus, sie kommt aus dem Harz, richtet sich im Sessel auf und berichtet von einem ganz besonderen Geschenk, einem Füllfederhalter, ihr glühendster Wunsch damals. »Die Geschenke lagen bei uns immer unter dem Baum. Wie war ich enttäuscht, als ich den Füller dort nicht entdeckt habe. Da lächelte mein Vater mich an und sagte: Schau, wie schön der Baum geschmückt ist. Ich guckte nach oben und siehe da, da war er. Sie hatten ihn an den Baum gehängt«.

Geschmückt waren die Bäume sehr unterschiedlich: mit Lametta, mit Engelshaar, mit Gebäck und Süßigkeiten. Oder mit Wunderkerzen. »Da sprühte alles, wenn man die anzündete« sagt Maria Reiner mit leuchtenden Augen. Und Rudolf Preissing erinnert sich: »Wir hatten zwei Weihnachtsbäume. Einer stand im ersten Stock, der war ganz bunt für die Kinder hergerichtet. Der zweite stand unten, mit roten Kerzen und silbernen Kugeln. Beide haben wir bei Schnee und Eis aus dem Wald geholt. Und die dufteten so herrlich. Und wir hatten echte Kerzen darauf, nicht dieses elektrische Zeug«. Und wie war das mit alkoholischen Getränken? An Grog, Most und Cognac erinnern sich die Senioren. »An Weihnachten durften wir das trinken«, sagt Regina Gayer, »das war etwas ganz Besonderes«.

Von Nicola Philipp