Weihnachten in den Zieglerschen

■ In der Behindertenhilfe, zum Beispiel, bleiben viele Bewohnerinnen und Bewohner über Weihnachten in ihren Wohngruppen. Hier gibt es dann kleine Weihnachtsfeiern und eine ganz besondere Bewohner-Weihnachtsfeier steigt jedes Jahr in der Wohngruppe WD02 von Silke Ueberdiek. Zwei Tage vor Heiligabend feiern Mitarbeiter, Angehörige, Freunde und Bewohner gemeinsam, und die Bewohner führen dabei ein Krippenspiel auf. »Das ist für uns jedes Jahr eine ganz besondere und auch aufregende Sache, die auf so große und positive Resonanz stößt, dass wir zwischenzeitlich im Speisesaal feiern müssen, weil der Platz sonst nicht ausreicht«, berichtet Silke Ueberdiek. Durch diese Feier wird auch Bewohnern, die über die Weihnachtsfeiertage nicht nach Hause fahren können, ein gemeinsames Weihnachtsfest mit ihren Angehörigen und Freunden ermöglicht. Und die, die heimfahren, können mit ihren Freunden aus der Wohngruppe feiern, bevor sie sich auf den Weg machen. »Frust über die Weihnachtsfeiertage kennen wir bei unseren Bewohnern dadurch eigentlich kaum«, sagt Silke Ueberdiek.
Überhaupt spielen Weihnachten und Weihnachtslieder eine große Rolle in der Zieglerschen Behindertenhilfe. Sobald die Sommerferien vorbei sind und in den Supermärkten die ersten Schoko-Nikoläuse und Lebkuchen auftauchen, werden hier auch die ersten Weihnachtslieder angestimmt. »Wir haben irgendwann mal entschieden, mit dem Singen von Weihnachtsliedern erst nach den Sommerferien anzufangen. Und so halten wir das auch.« Ursula Rüstig, die Leiterin der Tagesstruktur im Seniorenbereich lacht, wenn sie von der Abmachung mit »ihren Senioren« erzählt, die am liebsten das ganze Jahr über Weihnachtslieder singen würden.


Aber wie feiern und singen eigentlich die Menschen, die nicht hören können? Gehörlose Menschen gibt es in den Zieglerschen bekanntlich viele. Claudia Herb, Schülerin an der Fachschule für Heilerziehungspflege für  Hörgeschädigte Menschen der Gotthilf-Vöhringer-Schule, erzählt von ihrem Weihnachtsfest. Sie ist gehörlos und gebärdet, um erzählen zu können. Eine Kollegin übersetzt. Auch Claudias Eltern sind gehörlos, ihre Großeltern können hören. An Weihnachten gibt es Kaffee und Kuchen, die Familie geht spazieren und packt Geschenke aus. Alle unterhalten sich lebhaft in Gebärdensprache. Es wird viel gelacht und man freut sich aneinander. Im Gottesdienst werden die Texte der gesungenen Weihnachtslieder gebärdet, so dass gehörlose Menschen die Texte verstehen können. In speziellen Gottesdiensten für Gehörlose gibt es manchmal auch einen Gebärdenchor. Solche Weihnachtsgottesdienste hat Claudia als Kind einige Male miterlebt.

Ansonsten spielt Musik an Weihnachten für sie keine große Rolle. Claudias Großvater hat manchmal eine CD mit Weihnachtsliedern eingelegt, aber das hat die gehörlosen Familienmitglieder wenig berührt, weil er die Lautstärke nicht hoch genug einstellte. Claudia spürt Musik nur, wenn sie laut ist. Sie selbst macht keine Musik und braucht sie auch nicht. Am meisten gefällt ihr, dass sie an Weihnachten mit ihrer Familie zusammen ist.


Doch nicht jeder kann Weihnachten mit der Familie verbringen. Und manchmal lässt sich Frust an Weihnachten nicht vermeiden. Die Jugendhilfe der Zieglerschen versucht, in diesen Fällen Abhilfe zu schaffen. Jugendliche des stationären Bereichs, die an Weihnachten nicht nach Hause fahren können, finden über die Weihnachtszeit Betreuung in einer Feriengruppe. Natürlich macht man da Heiligabend ein besonderes Essen und Programm. Im Einzelfall nehmen Mitarbeiter auch Jugendliche mit zu sich nach Hause.


Im betreuten Jugendwohnen leben circa 20 Jugendliche im Alter von 16 bis 20 Jahren selbständig in eigenen Wohnungen. Ein Weihnachtsfest im Schoße der Familie ist aufgrund des Alters oder oft zerrütteter Familienverhältnisse nicht immer möglich oder erwünscht. Zwei Beispiele: L. ist 18 Jahre und Punkerin. Ihre Eltern sind der Meinung »Eine Punkerin kommt mir nicht unter den Weihnachtsbaum« – und so wird sie dieses Jahr Weihnachten zum ersten Mal ohne Familie feiern müssen. Auch wenn sie dann privat mit guten Freunden zusammensitzt – die Wärme und Geborgenheit der Familie wird ihr fehlen. Traurig macht sie auch die soziale Kälte im Land und dass ungeachtet jeglicher Tradition nur der Konsum im Vordergrund steht.

Auch M. ist 18 und türkische Muslimin. Durch ihre deutschen Großeltern ist sie in die westliche Weihnachtstradition fest hineingewachsen. Sie liebt es, Plätzchen zu backen und den Weihnachtsbaum festlich zu schmücken. Auch ihr blüht wegen familiärer Schwierigkeiten das erste Weihnachten ohne Familie. Und auch wenn sie ihre Geschwister an Heiligabend einlädt, ein tolles Essen kocht und den ersten eigenen Weihnachtsbaum schmückt – ein Gefühl der Leere und Traurigkeit wird bleiben. Es nervt sie jetzt schon, dass im vorweihnachtlichen Konsumstress Vorfreude und Gelassenheit zumeist auf der Strecke bleiben. Weihnachten als Fest der Liebe hat für sie einen bitteren Beigeschmack.


Zwei Stunden Fahrtzeit von der Jugendhilfe entfernt, berichtet Sabine Serwo von Weihnachten in der Altenhilfe. Sie arbeitet als Pflegeassistentin im Seniorenzentrum »Im Dorf« in Bempflingen, welches einen geschützten Bereich für demenziell erkrankte Bewohner hat. In diesem Jahr wird sie über Weihnachten und die Feiertage auf der Demenzgruppe arbeiten. Das sei kein normaler Dienst wie immer, sondern etwas Besonderes. Es herrsche eine besondere Stimmung. »Ich habe mir gewünscht, dieses Jahr über Weihnachten und die Feiertage mit der Demenzgruppe feiern zu dürfen.« Da sie viel auf der Demenzgruppe arbeite, habe sie eine besondere Beziehung zu den Bewohnern.

Die Vorbereitungen für Weihnachten starten im Seniorenzentrum Bempflingen schon mit dem ersten Advent. Es wird gebastelt und gebacken. Die Ehrenamtlichen helfen viel dabei. »Wir können Gott auf Knien dafür danken, dass so tolle Ehrenamtliche haben«, sagt Sabine Serwo. Die beim Basteln angefertigten Handarbeiten werden im Haus aufgehängt. »So werden die Bewohner darauf aufmerksam, dass Weihnachten ist, und auch immer wieder daran erinnert.« Und natürlich werden oft Weihnachtslieder gesungen. »Die Texte können die meisten auswendig. Ich bin dann die, die ein Gesangsbuch braucht.«


Dieses Jahr gibt es im Seniorenzentrum »Im Dorf« am 16.Dezember eine Weihnachtsfeier mit allen Bewohnern und Angehörigen. »Wir wollen die demenziell Erkrankten auch in das allgemeine Leben im Pflegeheim mit einbeziehen, müssen aber darauf achten, dass es nicht zu viel für sie wird. Zu viele Feste bringen sehr viel Unruhe, das ist auch nicht gut«, sagt Sabine Serwo.

Die betreuten Menschen in Bempflingen verbringen Weihnachten weitgehend in vertrauter Umgebung, weil sie das ganze Jahr über im Heim wohnen. Etwas anders mutet der Aufenthalt in einer Klinik über Weihnachten an. Weihnachten in der Klinik? Auf den ersten Blick für viele kaum vorstellbar, ist das Weihnachtsfest doch ein besonderes Ereignis, das man am liebsten im Kreis der Familie oder guter Freunde verbringt.


Für viele Patientinnen und Patienten in den Fachkliniken der Suchthilfen ist das kommende Weihnachtsfest das erste außerhalb ihres gewohnten Umfeldes. Seit etwa zehn Jahren ist zu beobachten, dass immer mehr Patientinnen und Patienten eine geringere familiäre Bindung haben. Kamen früher zu Weihnachten noch häufig die Angehörigen in die Kliniken, sind heute immer mehr alleine.

Mit dem Bau der Kirche am Weg im Jahr 2005 hat sich im Fachkrankenhaus Ringgenhof in Wilhelmsdorf eine Weihnachtsfeier auf freiwilliger Basis etabliert. »Neben dem Angebot in der Kirche am Weg organisieren die Patienten  in Eigenverantwortung für den Heiligabend in der Cafeteria Spielangebote«, erzählt Bernd Linder, Bezugstherapeut und seit vielen Jahrzehnten erfahren in Sachen Weihnachtsfeiern auf dem Klinikgelände. Im Fernsehraum werde dann gerne der Film »Wie im Himmel« gezeigt, der das Thema Weihnachten und Alkoholkrankheit gut verbinde.

Während Weihnachten in der Klinik für viele was Trennendes habe, gebe es aber auch andere, bewegende Erlebnisse. Bernd Linder erinnert sich: »2008 haben wir die Weihnachtsfeier in der Kirche am Weg vorbereitet, auch einige Patienten wirkten mit. Von außerhalb reiste überraschend ein ehemaliger Patient an, sichtlich von seiner Krankheit gezeichnet. Er sagte, die Weihnachtsfeier am Ringgenhof während seiner Therapie habe ihn damals so angerührt, dass es sein Wunsch gewesen sei, sein letztes Weihnachtsfest am Heiligabend auf dem Ringgenhof zu beginnen.«

Autorenteam:
Harald Dubyk, Markus Fritsche, Nicola Philipp, Annette Scherer, Elke Schübert und Katharina Stohr