War früher alles besser?

■ Im Jahr 2005 fing es an, mit dem großen Jubiläumsjahr zum 100. Geburtstag der Suchtkrankenhilfe. Dann folgten „175 Jahre Diakonie in Wilhelmsdorf“ und jetzt die Feiern zum 100. Todestag von Johannes Ziegler. Die Zieglerschen Anstalten feiern sich und ihre Historie in dichter Folge – ein bisschen zu viel? Wenden wir uns der Vergangenheit zu, weil früher alles besser war? Blicken wir zurück, weil der Alltag und das Heute so viel schwieriger sind?
Keineswegs. Und doch ist es wichtig, sich zu vergewissern, woher man kommt, wo die Wurzeln sind, in Zeiten wachsender Unübersichtlichkeit wichtiger denn je. Von Benjamin Franklin ist der Satz überliefert: „Tradition heißt das Feuer hüten und nicht die Asche aufbewahren.“ Und genau darum geht es den Zieglerschen: das Feuer nicht nur hüten, die Tradition nicht bloß auf kleiner Flamme weiterkochen, sondern neu anfachen. Rückbesinnung auf die Wurzeln, auf diejenigen, die das Feuer diakonischen Engagements in Wilhelmsdorf und anderswo entfacht haben.

Dass wir damit nicht falsch liegen, dass die Beschäftigung mit der Geschichte der Wilhelmsdorfer Diakonie kein Hobby von Wenigen ist, zeigt auch eine ganz einfache Tatsache: das Interesse bei vielen Menschen überall im Land – und vor allem auch in der eigenen Mitarbeiterschaft – ist riesengroß. Die Zieglerschen sind gewachsen, in den letzten zehn Jahren um mehr als das Doppelte. Neue Hilfearten sind dazugekommen, neue Standorte, neue Aufgaben – und viele neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie wollen wissen: Woher kommen die Zieglerschen, welche Wurzeln haben sie? Gerade in einer Phase eines nie dagewesenen Wachstums ist Rückbesinnung wichtig, um zu wissen, wohin die Reise gehen soll. Die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte ist ein deutliches Signal nach innen und außen: Wir wissen, woher wir kommen, die Fragen, Antworten und Motive der Gründerväter sind noch heute für uns entscheidend.

Die Neuen wollen wissen, woher die Zieglerschen kommen. Und die Alten wollen sehen, wohin die Zieglerschen gehen. So war es kein Zufall, dass zur Gedenkstunde anlässlich des 100. Todestages von Johannes Ziegler zahlreiche Abkömmlinge der Ziegler-Dynastie nach Wilhelmsdorf gekommen waren. Ziegler selbst war kinderlos geblieben, nicht aber seine Brüder, die er nach und nach auf verantwortliche Positionen nach Wilhelmsdorf holte. Von diesen Brüdern stammt die weit verzweigte Sippe ab – und für sie war es selbstverständlich, ins entfernte Wilhelmsdorf zu kommen. Dazu eingeladen hatten übrigens nicht nur die Zieglerschen Anstalten, sondern auch die Evangelische Brüdergemeinde und die politische Gemeinde Wilhelmsdorf. Denn auch das ist hier gute Tradition: ein Miteinander von Gemeinde, kirchlicher Gemeinde und Unternehmen.

Hans-Peter Züfle, Vorstandsvorsitzender der Zieglerschen Anstalten, beschreibt das Traditionsverständnis des von ihm geführten Unternehmens so: „Die Zieglerschen Anstalten tragen den Namen Johannes Zieglers ganz bewusst und mit Stolz. Wir verbinden Gottvertrauen mit seinem Namen und deshalb stehen wir dazu.“ Das Erbe Zieglers und der Zieglerschen Anstalten lebt also weiter – und Wilhelmsdorf ist nach wie vor ein ganz besonderer Ort, um Visionen zu entwickeln und möglich zu machen. Noch einmal Hans-Peter Züfle: „Zieglers praktische, weltzugewandte, diakonische Tatkraft ist heute noch vorbildhaft.“ Und: „Der Name ‚Zieglersche Anstalten’ stand und steht für ein klares Bekenntnis: zu Jesus Christus als dem Herrn der Diakonie. Zu ihm und zu unserem Auftrag.“

Von Christof Schrade und Petra Hennicke