Von der Krim nach Oberschwaben

Möglichkeit 6: FSJ für ausländische Studenten - sie kommen aus Kirgisien, Lettland und anderswo. Und sie sind beliebt in den Zieglerschen.
■ „Lieber Gott – was habe ich Schlimmes getan, dass Du mich hierher geschickt hast!“ – erste Gedanken beim Start ins Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) von Lena, 25. Das Besondere an Lena: Sie kommt aus Simveropol auf der Insel Krim in der Ukraine und wird im kommenden Sommer dort ihr Germanistikstudium abschließen. Dann ist sie Deutschlehrerin. Trotz ihres anfänglichen Entsetzens über die Situation, in die sie da in der Haslachmühle geraten war – in einer Einrichtung der Behindertenhilfe auf der grünen Wiese, weitab von der „großen Welt“ – das war schon eine echte Herausforderung. Doch jetzt fühlt sie sich gut und hat „ihre“ Jugendlichen mit geistiger Behinderung allesamt sehr ins Herz geschlossen. Auch zu sich selbst hat sie dadurch ein anderes Verhältnis bekommen, ist froh über ihre Gesundheit, darüber, dass sie sehen, hören und sich bewegen kann. „Das ist schon ein Geschenk von Gott und jetzt bin ich glücklich“ sagt sie. Das war sie in der Ukraine nicht, immer irgendwie unzufrieden mit ihrer Situation. Wenn sie wieder nach Hause kommt, kann sie sich vorstellen als Deutschlehrerin zu arbeiten oder aber auch mit Menschen die irgendwie behindert sind. Auch hier in Deutschland zu bleiben könnte sie sich vorstellen, wohl wissend dass dies im Moment sehr schwer wäre.

Wie kommt man auf die Idee, für ein Jahr nach Deutschland zu gehen? In einem fremden Land Freiwilligendienst zu absolvieren und dafür das Studium zu unterbrechen? Die Antwort ist für jede und jeden Einzelnen unterschiedlich, die Motivationen höchst verschieden. Rund sechs bis acht Personen pro Jahr werden in den Zieglerschen ausgebildet, sie kommen aus Kirgisien, Lettland, der Ukraine, aus Ungarn, der Slowakei, aus Russland und noch anderen Staaten. Und sie alle absolvieren ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Behindertenhilfe.

Eva Demeter (25) aus dem siebenbürgischen Schäßburg/Sighisoara in Rumänien kam zunächst als Au-Pair nach Stuttgart. In dieser Zeit hörte sie vom FSJ. Von ihrem ursprünglichen Ziel, deutsche Geschichte, Latein und Russisch zu studieren ist sie inzwischen abgekommen. Aber ein BAStudium
in der Fachrichtung „Soziales“ das wäre ein Traum. Da könnte sie sich selbst finanzieren und ihr Wissen später in Rumänien einsetzen.

Eine gemeinsame Erfahrung teilen alle jungen FSJ-ler aus dem Ausland hier in Oberschwaben: Sie fühlen sich absolut wohl und sind sehr beliebt. Warum beliebt? Hauptsächlich liegt’s wohl am Lebensalter, dem Bildungsgrad und der persönlichen Reife. Das sind Voraussetzungen, die in Haslachmühle, Rotachheim und anderswo geschätzt werden. Und noch etwas macht die Arbeit mit „den Ausländern“ so spannend: das Wissen, dass soziale Einrichtungen in unserem Land angesichts der demographischen Entwicklungen künftig mehr denn je auf diese jungen Leute aus dem Ausland angewiesen sein werden.

Von Bettina Rahn