»...und kein bisschen leise!«

»Weißt du, ich schummel immer ein bisschen, wenn ich über die Entstehung der Haslachmühle erzähle«, gesteht Bernd Eisenhardt seinem ehemaligen Chef und Amtsvorgänger Ernst Blickle. »Ich behaupte immer, du seist damals mit deinen Schülern hierher gekommen, weil ihr euch in der Gehörlosenschule in Wilhelmsdorf nicht an das Gebärdenverbot gehalten habt.« Dass Bernd Eisenhardt, seit 2014 Direktor der Heimsonderschule (bzw. laut neuem Schulgesetz des »Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums «) Haslachmühle damit zwar nicht ganz recht hat, aber von der Wahrheit auch nicht allzu weit entfernt ist, stellt sich im Gespräch mit Ernst Blickle und Eisenhardts Stellvertreterin Sonja Fahrbach schnell heraus.
Blickle gehört zusammen mit der verstorbenen Heidi Ziegler zu den Pionieren der Schule in der Haslachmühle. Im Dezember 1966 zogen die beiden als Lehrer mit 12 gehörlosen Schülern mit geistiger Behinderung in die Haslachmühle ein. Bereits im Frühjahr desselben Jahres war eine Erwachsenen-Wohngruppe auf das Gelände gekommen, die in der angrenzenden Landwirtschaft arbeitete. Zu diesem Zeitpunkt waren die Gebäude in der Haslachmühle gerade frei geworden. Die »Trinkerheilanstalt«, die noch von Johannes Ziegler selbst im Jahr 1905/06 dort gegründet worden war, war kurz zuvor in den neu erbauten Ringgenhof nach Wilhelmsdorf umgezogen.

Der Gebäudeleerstand in der Haslachmühle sowie die 1965 in Baden-Württemberg eingeführte Schulpflicht für Kinder mit einer geistigen Behinderung waren dann auch die eigentlichen Gründe, warum die Schulklasse in die Haslachmühle einzog, berichtet der Gehörlosenlehrer Ernst Blickle. »Die Nachfrage nach Bildungsmöglichkeiten für geistig behinderte Kinder mit zusätzlicher Hör-Schädigung war groß«, erinnert er sich.

Und schon ist das Gespräch beim Thema Gebärden angekommen, für das die Haslachmühle deutschlandweit bekannt ist. Denn wie unterrichtet man Kinder, die gehörlos sind und zusätzlich eine geistige Behinderung haben? Das war für die damaligen Pädagogen eine Herausforderung. Ernst Blickle erzählt: »Ich hab ja in meinem gesamten Gehörlosenlehrer-Studium keinen Fatz für geistig Behinderte studiert!« Der aus heutiger Sicht naheliegende Ansatz, sich eben »mit Händen und Füßen« zu verständigen, war in der damaligen Gehörlosenpädagogik verpönt. Sonja Fahrbach, seit 2014 stellvertretende Direktorin der Haslachmühle und zuvor in der Beratungsstelle des Hör-Sprachzentrums der Zieglerschen tätig, berichtet von einer Kollegin, der man in der Ausbildung auch zwanzig Jahre später immer noch gesagt habe: »Behalten Sie Ihre Hände am besten auf dem Rücken, damit Sie gar nicht erst in die Versuchung kommen, etwas mit Gebärden zu erklären.« Gehörlose Kinder, so die verbreitete Fachmeinung, sollten möglichst die Lautsprache und das Lippenlesen lernen, um gesellschaftlich anschlussfähig zu sein. Dass dieser Anspruch für Gehörlose mit einer zusätzlichen geistigen Behinderung eine Überforderung war, stellten Ernst Blickle und seine Kollegen schnell fest. Gemeinsam mit Heidi Ziegler, dem 1969 eingesetzten Heimleiter Otto Georgi und anderen Kollegen besuchte Blickle Schweizer Schulen und ließ sich beraten. Auch von den insgesamt nur sechs Schulen in Deutschland, die auf diese spezielle Zielgruppe ausgerichtet waren, sowie vielen weiteren Einrichtungen verschaffte sich der engagierte Schulleiter einen persönlichen Eindruck: »Ich hab keine Schule gefunden, wo die Schüler auf dem Pausenhof nicht gebärdet hätten, obwohl sie nie darin unterwiesen worden waren.«

Mit Heidi Ziegler, »Tante Heidi« genannt, hatte die Haslachmühle die richtige Frau im Team: Die Hilfsschullehrerin war in der damaligen »Taubstummenanstalt« der Zieglerschen in Wilhelmsdorf groß geworden. »Die hat vielleicht gebärden können«, sagt Ernst Blickle lachend. Die wissenschaftliche Arbeit eines jungen Lehrers bestätigte: Gehörlose Kinder mit geistiger Behinderung können Gebärden mit einiger Übung sehr gut erlernen, während nur die wenigsten von ihnen beim
Lippenlesen und in der Lautsprache überhaupt irgendwelche Erfolge erzielen. Mit eigenen Beschreibungen und selbst gezeichneten Skizzen beginnen sie also ihre Gebärdensammlung. 1971 bringt die Haslachmühle im Eigenverlag die erste Ausgabe von »Wenn man mit Händen und Füßen reden muß!« heraus. »Das haben uns andere Schulen aus den Händen gerissen«, erzählt Ernst Blickle.

Mit ihrer Pionierarbeit schaffen die Kollegen um Ernst Blickle aber nicht nur eine neue Kommunikationsmöglichkeit für Menschen mit geistiger Behinderung, sie werden auch zu Wegbereitern der Deutschen Gebärdensprache (DGS), die von »normalbegabten« Gehörlosen gesprochen wird. 1972 wird Ernst Blickle nach Hamburg eingeladen und wirkt als Experte an der Auswahl der Gebärden für die spätere DGS mit. Heute distanzieren sich Gehörlose teils sehr vehement von den einfachen Gebärden aus der Haslachmühle. Bernd Eisenhardt hat dafür Verständnis: »Die Gehörlosen wurden lange bevormundet und ihrer ›Muttersprache‹ beraubt. Nachdem die DGS endlich offiziell anerkannt war, wollten sie mit den Gebärden für Menschen mit geistiger Behinderung nicht in Verbindung gebracht werden.«

»Schau doch meine Hände an« – so lautet der Titel der Gebärdensammlung heute. Der Erfolg von »Wenn man mit Händen und Füßen reden muß!« führte nämlich dazu, dass in vielen anderen Schulen parallel eigene Gebärdensammlungen entwickelt wurden. Ende der Achtziger rief der Verband evangelischer Einrichtungen für geistig und seelisch Behinderte (heute: Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe) die Einrichtungen dann an einen Tisch, um eine deutschlandweite Vereinheitlichung der Gebärden in evangelischen Einrichtungen zu schaffen. Die so entstandene Sammlung wird seit 1991 unter dem Titel »Schau doch meine Hände an« vertrieben. Das Feld der Unterstützten Kommunikation reicht mittlerweile zudem weit über die Gebärden hinaus. In der Haslachmühle
wird auch mit Bildern, Symbolen und technischen Hilfsmitteln gearbeitet. Bernd Eisenhardt stellt fest: »Seit es Tablets wie das iPad gibt, ist der Markt für Unterstützte Kommunikation auf den Kopf gestellt. Alle benutzen nun elektronische Kommunikationsmittel.«

Überhaupt hat sich viel getan in diesen 50 Jahren. Auch die Klientel hat sich gewandelt, berichtet Bernd Eisenhardt. Während ursprünglich ausschließlich Gehörlose mit geistiger Behinderung in der Haslachmühle lebten, macht diese Gruppe heute nur noch etwa ein Viertel der Schüler aus. Auch leben heute nur noch etwa die Hälfte der Schüler auf dem Gelände, die anderen kommen aus der Region und werden teilstationär beschult. Bei den Diagnosen hat es ebenfalls klare Verschiebungen gegeben. »Das Thema Autismus zieht sich wie ein roter Faden in den letzten Jahren durch die Aufnahmeanfragen«, sagt Bernd Eisenhardt. Sonja Fahrbach ergänzt, dass gerade in jüngerer Vergangenheit viele Eltern von Kindern mit psychiatrischen Diagnosen anfragen würden. Ein Ergebnis der Inklusionspolitik? Bernd Eisenhardt nickt: »Man hat Strukturen zerschlagen, die für manche Menschen einfach notwendig waren. Die wenden sich jetzt an die letzten verbliebenen Einrichtungen, wo sie noch das Angebot finden, das sie brauchen.«

Inklusion, Dezentralisierung, Ambulantisierung – diese Entwicklungen beeinflussen die unmittelbare Zukunft der Haslachmühle. Das sagen auch Sandro Ferdani, Bereichsleiter Wohnen in der Haslachmühle seit 2012, und Christina Hörr, Gruppenmitarbeiterin und Projektleiterin für den künftigen dezentralen Standort Engen. Beide repräsentieren die junge Generation von Mitarbeitern, obwohl sie klar sagen, einen Generationenkampf gebe es in der Haslachmühle nicht. »Herausfordernd wird es vielmehr, wenn die ganzen älteren Kollegen in den kommenden Jahren in Ruhestand gehen«, sagt Ferdani. Qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen sei schwierig – auch aufgrund der ländlichen Umgebung und der schlechten Infrastruktur. Dass dies auch die Teilhabe für die Bewohner einschränkt, sehen beide ebenso.

Wie ist die voranschreitende Dezentralisierung zu bewerten? Bei einer Podiumsdiskussion in der Haslachmühle im vergangenen Herbst meldeten sich gleich mehrere besorgte Eltern zu Wort, die beklagten, für ihre Kinder gebe es im Anschluss an die Schule keinen Wohnplatz mehr. Eine Entwicklung, die Schuldirektor Bernd Eisenhardt bestätigt: »Dieses Schuljahr werden wir erstmals nicht allen Schulabgängern, die das wollen, einen Wohnplatz im Erwachsenenbereich anbieten können.«

Christina Hörr kann die Ängste nachvollziehen: »Für viele Eltern ist es schon mit so vielen Sorgen und Vorgeschichten verbunden, bis sie ihr Kind hierher in die Schule geben. Dann merken sie: Hier läuft’s. Und wenn sie dann wieder den Schritt nach draußen gehen sollen, fangen die Ängste von vorne an.« Und natürlich gebe es auch viele ältere Bewohner, die nicht weg wollten, weil sie hier ihre Heimat gefunden hätten. »Andere wiederum sitzen quasi auf gepackten Koffern«, berichtet die Heilerziehungspflegerin, die schon ihre Ausbildung »in der Mühle« gemacht hat.

Eine Zukunft ohne die Haslachmühle kann sich trotz aller Debatten keiner der fünf vorstellen: Insbesondere der einzigartige Sprachraum, der sich in kleinen dezentralen Einheiten nie kopieren ließe, macht die Haslachmühle für nicht sprechende Menschen mit geistiger Behinderung zu einem wertvollen Lebensraum. Aber auch die Verkehrsberuhigung ermögliche den Menschen hier sogar mehr Selbstständigkeit als in einem städtischen Umfeld, sagt Christina Hörr: »In Engen müsste ich manchen Bewohnern, die nicht verkehrssicher sind, die Tür vor der Nase zusperren und sagen: ›Nur in Begleitung!‹ Hier können sie sich frei bewegen.« Sandro Ferdani betont, dass sich die Einrichtung aber auf jeden Fall weiterentwickeln müsse. »Wir wollen mehr Begegnungspunkte mit der Bevölkerung schaffen. Andererseits muss uns klar sein, dass immer mehr Menschen mit starken Verhaltensauffälligkeiten und psychiatrischen Problemlagen zu uns kommen werden. Für diese Menschen ein Angebot zu machen, das sie woanders nicht mehr finden, ist eine Aufgabe für uns. Da haben wir einen Auftrag und auch die Kompetenz dazu.« Für die Weiterentwicklung wünscht Sandro Ferdani sich vor allem den Schulterschluss mit der Gemeinde Horgenzell: das zurzeit geschlossene, sanierungsbedürftige Schwimmbad, ein Mittagstisch für Senioren oder ein gemeinsamer Kindergarten – die Möglichkeiten, die Haslachmühle für die Bevölkerung der Umgebung zu öffnen, seien vielfältig. Sowohl der Gemeinderat als auch der Bürgermeister von Horgenzell hätten bereits mehrfach Interesse an einem engeren Zusammenwachsen bekundet. Die Zeichen stehen also gut.

Und die Zukunftswünsche für die Haslachmühle? Ernst Blickle formuliert es so: »Ich wünsche mir, dass die Haslachmühle sich positiv weiterentwickelt und den Bedürfnissen der Zeit gerecht wird.« Bernd Eisenhardt wird konkreter: »Ich wünsche mir, dass jeder, der in die Haslachmühle kommen möchte, hier auch einen Platz bekommt, also ein echtes Wunsch- und Wahlrecht hat. Dazu werden wir auch in die entsprechende Ausstattung investieren müssen.« Sein Kollege Sandro Ferdani ergänzt: »Wenn wir uns zur Haslachmühle bekennen, dann muss sie eine offene Einrichtung mit vielen Kontaktmöglichkeiten sein. Da haben wir noch einen Weg vor uns.«

Autorin: Sarah Benkißer mit Hilfe vieler aktueller und ehemaliger Kolleginnen und Kollegen der Haslachmühle.