Michael putzt einen Kohlkopf an seinem Arbeitsplatz in der Gemüseveredelung der Bioland Rotach-Gärtnerei. In einer halben Stunde wird er den dabei entstandenen Abfall seinen beiden Hasen-Damen in der Heimsonderschule Haslachmühle füttern. Der 27-Jährige ist erklärter Hasenliebhaber. Vor 15 Jahren kam er in die Haslachmühle, zwei Jahre später brachte er die erste Häsin von zu Hause mit und fing an, in der Haslachmühle eine kleine Zucht aufzubauen. »Als Michael zu uns kam, konnte er nicht gebärden – das war für ihn, der nicht sprechen kann und geistig behindert ist, sehr schwierig«, sagt Direktor Bernd Eisenhardt. »Über sein Lieblingsthema Tiere hat er sich jedoch die Gebärdensprache schnell aneignen können.«
In Hausmeister Erhard Scher, 63, hat er einen unterstützenden Stellvertreter fürs Füttern und Misten gefunden. Gebärdend erklärt Michael, dass seine Hasen-Damen im Frühjahr für einen Tag mit zum künftigen Hasen-Papa in Bernd Eisenhardts Stall dürfen. Vier Wochen später bringen die Hasen-Damen dann süße Häschen auf die Welt, die sich nach ein paar Tagen aus dem Stall ins Freigehege trauen und sämtliche Bewohner der Haslachmühle bei ihren Spaziergängen erfreuen. Denn viele Bewohner sind motorisch schwer behindert und begeistert, wenn sie den Häschen Grashalme zum Knabbern durchs Gitter stecken können. »Etwa drei Monate später untersuchen Michael und ich nach dem Vier-Augen-Prinzip den gesamten Nachwuchs und trennen Männlein und Weiblein voneinander, um den Hasen-Bestand nicht weiter explodieren zu lassen«, sagt Eisenhardt. Im Herbst klopft Michael erneut an Eisenhardts Bürofenster und gibt ihm zu verstehen, dass es nun an der Zeit ist, die inzwischen ausgewachsenen Hasen an Interessenten für Kaninchengerichte zu vermitteln. »Das erscheint auf den ersten Blick hart, aber es gehört dazu, solange wir Menschen Fleisch essen«, sagt Eisenhardt, »das ist der Kreislauf des Lebens und Tiere sind in der Haslachmühle wichtig, weil sie den Alltag unserer Bewohner bereichern.«

Einen tierischen Kreislauf erleben auch die Mitarbeitenden in und rund um das Haus Salem in Wilhelmsdorf, welches unter anderem die Vorstandsetagen der Zieglerschen beherbergt. Hoch auf dem Dachfirst thront dort jedes Jahr ein Storchenpaar und bereitet das Nest für den Nachwuchs vor. Anne Beck, Referentin für Projekte, hat von ihrem Arbeitsplatz aus direkten Blick auf die Einflugschneise. »Ich sehe beim Landeanflug der Störche genau, ob sie einen Frosch oder einen Stecken im Schnabel haben«, sagt sie. Außerdem sind die Störche ein markantes Zeichen: »Allen Besuchern wird der Weg zu uns mittels ›Haus mit Störchen auf dem Dach‹ beschrieben«. Im Laufe der Monate findet dadurch auch ein totaler Beziehungsaufbau statt, so Beck. »Die Störche strukturieren das Jahr«, sagt sie. Im Frühjahr ein Kommen, im Spätsommer ein Gehen.

100 Kilometer weiter wartet Hund Spikey sehnsüchtig auf Donnerstag. Donnerstag ist Feiertag für ihn. Dann fahren abwechselnd er oder zwei seiner Hunde-Kollegen mit Frauchen Agnes Graf ins Gemeindepflegehaus Kusterdingen. Die 63-jährige Ehrenamtliche aus Tübingen hat jedoch weitaus mehr Tiere im Gepäck, wenn sie die dementen Bewohner besucht: »Alle warten immer schon ganz gespannt darauf, wen ich heute wieder dabei habe.« Denn sie wählt jedes Mal neu zwischen ihren 30 bis 40 Tieren aus: »Hühner, Enten, Katzen, Hasen und zurzeit habe ich auch ein Reh«, zählt sie auf. Mit ins Heim dürfen aber nur charakterlich einwandfreie Tiere. »Demente Menschen greifen oft sehr fest zu, das muss ein Tier aushalten können.«

Viele Tiere der Tierschützerin sind gehandicapt. Bei Katze Finchen etwa, die schon eineinhalb Jahre alt ist und nie größer wurde als ein kleines Kätzchen, springen regelrechte Muttergefühle vieler Bewohnerinnen an. »Ob sie wohl Schmerzen hat?« hört sie dann. Ihr Ziel ist, dass die Tiere Kontakt zwischen den Bewohnern herstellen, der aufgrund der Demenz sonst nicht so da ist. »Viele ziehen sich zurück – wenn dagegen Ente Lieselotte im Stuhlkreis umher watschelt und vor einem Bewohner stehenbleibt, dann sehe ich plötzlich strahlende Augen oder es huscht ein Lächeln über‘s Gesicht, wo zuvor keines zu sehen war.« Tiere sind Türöffner und Brückenbauer, findet Graf – sie bringen Nähe und Freude und für die Ehrenamtliche ist es schön, den Bewohnern etwas mitgeben zu dürfen. Selbige haben bei ihren Besuchen natürlich auch eine Aufgabe. Sie streicheln, bürsten oder füttern beispielsweise Hund Spikey mit Leckerlis, die er ausnahmsweise nur im Pflegeheim bekommt. Er bekommt sie auch dann, wenn er Agnes Graf am Freitag begleiten darf. Denn da hat sie ihren festen Tier-Besuchstag im Martinshaus Kirchentellinsfurt.

Feste Besuchstage haben auch die drei Therapie-Pferde des Sprachheilzentrums Ravensburg. Jedes Schulkindergartenkind darf ein halbes Jahr lang wöchentlich eine Stunde in den Pferdestall zum Heilpädagogischen Reiten. Der vierjährige Noah hat es sich gerade bäuchlings auf Lukas‘ Rücken bequem gemacht. Verträumt kuschelt er sich in das Fell des Norweger-Wallachs und blickt dabei in die scheinbar verkehrte Richtung – nämlich zum Pferde-Schweif. »Das Pferd soll Ruhe ins Leben der Kinder bringen«, sagt Reitpädagogin und Grund- und Hauptschullehrerin Hildegard Duhm-Ugrik, 61. Heute verbrachte Noah seine zweite Stunde auf dem Pferderücken.

Mutig hat er sich am Ende auf die motivierenden Worte seiner Lehrerin hin mit beiden Füßen auf Felix‘ Rücken gestellt und stolz in die Runde geblickt. »Beziehungsanbahnung «, sagt Duhm-Ugrik zu dieser Übung, und: »Heilpädagogisches Reiten spricht das ganze Kind an. Es nimmt Ängste, gibt Vertrauen und Sicherheit und vermittelt das Gefühl des Getragen-Werdens.« Egal ob Putzen, Führen, Reiten: Jeder Schritt mit dem Pferd wird von Sprach-Ritualen begleitet. So ist beim Hufe auskratzen etwa »Lukas, heb den Fuß« zu hören. Oder: »Lukas, lauf jetzt los«, wenn Noahs Freund den Wallach am Strick führt. »Heilpädagogisches Reiten ist ein guter Unterbau, um in ungezwungener Umgebung zu sprechen«, sagt Duhm-Ugrik. Ein Modell übrigens, das das Sprachheilzentrum schon seit den 70er Jahren anbietet.

Auch in der Fachklinik Höchsten der Suchthilfe gehören Tiere schon seit vielen Jahren zum Therapiealltag. Wo ursprünglich ein reiner Arbeitstherapiebereich angelegt war, arbeitet Psychologin Elke Heymann-Szagun nun seit drei Jahren mit tiergestützter Therapie mit Hund, Pferden, Lamas, Alpakas und Ziegen. »Tiere sind ein wichtiges Mittel im Heilungsprozess suchtkranker Frauen«, sagt sie. »Immer wieder erlebe ich, wie schnell durch die Tiere ein Zugang möglich ist – gerade auch bei den therapiemüden Frauen.« Viele ihrer Patientinnen sind unsicher, ängstlich und haben Gewalt und Missbrauch erfahren. »Durch den Tierkontakt überwinden die Frauen ihr Misstrauen – Vertrauen wird möglich«. Außerdem gehen Schutzhaltung und Passivität in eine Form von Aktivität über. Einer der tierischen Helfer dabei ist die Golden Retriever-Hündin Feli. »Sie geht von sich aus auf die Patientinnen zu und nimmt Kontakt auf.« Ist eine Patientin eher zurückgezogen oder niedergeschlagen, stupst Feli sie an und holt sie ins »Hier und Jetzt«.

Als Spiegel für eigene Verhaltensweisen oder Gefühle eignen sich auch Pferde sehr gut, so die Therapeutin. »Menschen gehen zum Beispiel gerne direkt auf ein Pferd zu und berühren es am Kopf. Ein Pferd mag das jedoch nicht gleich und versucht sich zu entziehen. Diese Reaktion ist geeignet, um übergriffige Themen zu besprechen.« Meistens wollen die Patientinnen mit den Tieren in Kontakt treten. Will das Tier keinen Kontakt, ist die Bereitschaft der Patientinnen größer, diese Ablehnung zu verstehen. Für Heymann-Szagun ein hilfreicher Ansatz: »Die Motivation der Patientinnen ist höher, mein Feedback über die Verhaltensweise des Tieres anzunehmen, als wenn ich dies von mir aus als Therapeutin geben würde.«

Einen bedeutenden Beitrag leisten Tiere auch für die Wohngemeinschaft 4 im Hör-Sprachzentrum Wilhelmsdorf. Denn dort leben nicht nur zwölf Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 15 Jahren mit besonderen sprachlichen Problemen, sondern auch Therapiehund Benni, ein viereinhalb Jahre alter Golden Retriever. Darüber hinaus gibt es noch zwei großzügige Freigehege, in dem zehn zufriedene Kaninchen herumhoppeln und zehn Meerschweinchen um die Wette quieken. Für Ulrike Ahfeldt, 54, seit vielen Jahren Erzieherin in der WG 4, ist es das Natürlichste der Welt, dass in ihrer Wohngemeinschaft Kinder mit Tieren aufwachsen können. »Tiere machen keinen Unterschied zwischen Menschen, ihnen ist es egal, wenn ein Kind herumschreit – sie lassen sich davon nicht beirren«, sagt sie. Alle Tiere haben eine beruhigende Wirkung auf die WG-Mitbewohner, wobei Benni eine Sonderstellung hat. Er spürt sofort, wenn ein Kind gestresst ist.

»Wenn ich mit einem Kind rede, das ein Problem hat, legt sich Benni dazu oder legt seinen Kopf auf den Schoß des Kindes. Meistens beginnt das Kind im Gespräch dann den Hund zu streicheln und zu kraulen.« Dadurch kommt Ulrike Ahfeldt im Gespräch leichter an das Kind heran. Es kann auch schon Wunder bewirken, wenn Benni ein WG-Kind mit »Null-Bock-Haltung « vor Unterrichtsbeginn zur Klassenzimmertür begleitet und durch sein Dasein die vorhandene Anspannung abbauen hilft. Durch die ständige Anwesenheit der WG-Tiere erleben die Kinder automatisch, dass sie Verantwortung für ihre »Kuscheltiere« übertragen bekommen und bei jedem Wind und Wetter raus müssen, um die Tiere zu füttern oder abends in ihre Ställe zu sperren.

Autorenteam:
Katharina Stohr und Jens Walther