Sucht ist nicht gleich Sucht - und Therapie nicht gleich Therapie

Drei, vier oder zwölf Monate, ambulant und zuhause oder stationär und möglichst weit weg - individuelle Therapieformen sind in der Suchtkrankenhilfe längst schon Realität
■ Wenn früher ein Betroffener „in Kur“ ging, suchte er in der Regel ein Fachkrankenhaus weit weg von Zuhause auf. Die Therapie dauerte meist ein halbes Jahr, weit entfernt von den Widrigkeiten des Alltags. Die Zeiten haben sich geändert. Heute orientiert man sich an der persönlichen Situation der Betroffenen und wählt aus einem differenzierten Bündel verschiedener Maßnahmen das, was am besten passt. Möglich sind zum Beispiel folgende Varianten:

Möglichkeit 1: eine sechs bis zwölfmonatige ambulante Therapie in der Suchtberatungsstelle vor Ort. Zusammen mit einer Therapiegruppe treffen sich die Betroffenen ein Mal wöchentlich, in regelmäßigen Abständen finden Wochenendblocks statt.

Möglichkeit 2: eine dreimonatige ganztägig ambulante Therapie in einer örtlichen Tagesrehabilitation. An sechs Tagen durchlaufen die betroffenen Frauen oder Männer das dortige Therapieprogramm, den Abend und den Sonntag verbringen sie zuhause.

Möglichkeit 3: eine stationäre Therapie von durchschnittlich 16 Wochen in einer der Fachkliniken mit entsprechender Ausstattung.

Doch wie findet man die passende Therapieform? In der Regel wird gemeinsam mit dem jeweiligen Suchtberater ein Vorschlag entwickelt. Der Beratende unterstützt die Hilfesuchenden in der Vorbereitungsphase – die endgültige Entscheidung trifft schließlich der zuständige Leistungsträger.

Der Trend der letzten Jahre ist die so genannte Kombinationstherapie. Hier werden unterschiedliche Therapiebausteine miteinander verbunden und ergeben einen „bunten“ Behandlungsplan. Auf dem Bruggenhof bietet die Suchtkrankenhilfe der Zieglerschen Anstalten schon seit vielen Jahren eine stationäre Phase der Kombitherapie an – zumeist als Initialphase zur Entwicklung einer stabileren Krankheitseinsicht, zur Festigung des Abstinenzwillens und zur Erarbeitung der persönlichen Hintergründe der Suchtentwicklung. Vorteil dieser Phase: die Patienten können fernab von zu Hause erkennen, was die suchtbegünstigenden Faktoren ihres Alltagslebens sind. Nach sechs bis acht Wochen erfolgt dann der Wechsel in eine dreibis zwölfmonatige ambulante oder ganztägig ambulante Therapie vor Ort. Im sozialen Umfeld werden die Themen jetzt zeitnah in die Therapie einbezogen und die Ziele aus der stationären Behandlung auf die Umsetzbarkeit hin überprüft und gegebenenfalls angeglichen. Wie so oft im Leben ist es also auch in der Suchttherapie: zwischen zwei Extremen liegt die goldene Mitte.

Von Martin Kunze