Sören allein zu Haus

Warum sich die Familie Böhler entschieden hat, ihren Sohn Sören "ins Heim" zu geben
■ Die Diskussion um das Für und Wider von Heimen macht es für Eltern sicher nicht einfacher, „ihr Kind ins Heim zu geben“, wie man so sagt. Familie Böhler von der schönen Insel Reichenau im Bodensee hat zusammen mit ihrem jüngsten Sohn Sören vor 11 Jahren diesen Schritt getan. Sören ist „im Heim“ glücklich und er ist zu Hause glücklich. Sören, seine Eltern und die Mitarbeiter der Haslachmühle haben für ihn gemeinsam die Betreuungs- und Wohnform gefunden, die für ihn genau die richtige ist. So stationär wie nötig, so ambulant wie möglich.

„Zu Hause“, sagt Karin Böhler, Sörens Mutter, „hätte er doch keine Freunde“. Die Gleichaltrigen, nicht behinderten 21jährigen haben alle den Führerschein und sind unterwegs. Sören kann nicht Auto fahren. Seine älteren Geschwister sind längst aus dem Haus. „Sören wäre hier ganz allein“. Als er 15 war, sei er bereit gewesen, sich von zu Hause zu lösen. „Man muss da auch auf den richtigen Zeitpunkt warten können“.

Ein Gast in Karin Böhlers Pension hat ihr vor vielen Jahren von der Haslachmühle erzählt und Prospekte gebracht. Sören und seine Eltern haben sich die „Mühle“ angeschaut und waren gleich angetan. Sören lebt seither in relativ großer Selbstständigkeit in einer „Außenliegenden Wohngruppe“ der Haslachmühle in Wilhelmsdorf, geht noch bis Sommer in die Haslachmühle zur Schule und wechselt dann in die Werkstatt. Jedes Wochenende fährt er nach Hause. Er freut sich auf zu Hause und zu Hause freut man sich auf ihn. „Er ist doch unser Jüngster“, sagt Karin Böhler, „wir wollen ihn doch auch bei uns haben“. Und dann freut er sich wieder auf Wilhelmsdorf. Sonntags, wenn seine Mutter sagt: „Sören, morgen ist wieder Montag“, ruft Sören: „Oh, sag’s nicht!“, weil es doch eigentlich so gern bei der Mama ist. Doch kaum steht der Bus vor der Tür, der ihn abholt, „hat er nur noch Wilhelmsdorf im Kopf“.

Karin Böhler ist stolz auf ihren Jüngsten: „Er ist so selbstständig geworden, so erwachsen. Das hätten wir zu Hause so nicht geschafft. Ich hätte doch nicht die Zeit gehabt, ihn so geduldig zur Selbstständigkeit anzuleiten. Ich hätte viele Sachen dann halt schnell selber gemacht“, sagt Karin Böhler.

Von Christof Schrade