Schule auf neuen Wegen

■ »Seelisch behindert« – so lautet für circa 66 Prozent der stationär begleiteten jungen Menschen im Martinshaus die Diagnose. 73 Prozent der neu aufgenommenen Schüler im Jahr 2007 verfügten über psychiatrische Vorerfahrungen. Ambulante oder stationäre Jugendhilfemaßnahmen haben 93 Prozent der neuen Schüler im vergangenen Jahr schon vor ihrer Ankunft im Martinshaus in Anspruch genommen. Tendenz: steigend.
Schüler des Martinshauses sind oft hochintelligent, tragen enorme psychische Belastungen und haben mit ihren Problemen in den zunehmend überfüllten Regelschulen keinen Platz zum Bleiben gefunden. Martinshaus-Schüler haben mitunter schon drei bis sieben Schulen hinter sich. Tendenz: steigend.

Und da ist die spürbar zunehmende Konflikt- und Beziehungsunfähigkeit von Jugendlichen. Sich mit anderen, ob Gleichaltrigen oder Erwachsenen auseinanderzusetzen, ist für die Schüler, die ins Martinshaus kommen, immer schwieriger. Aufgabe der Schule ist es, Orientierungspunkte zu vermitteln, Grenzen aufzuzeigen und Beziehungen herzustellen.

„Die Probleme unserer Schüler sind so groß, dass die Bildungsinhalte nach der Aufnahme in die Schule erst mal hinten anstehen“, sagt Geschäftsführer Christian Glage. In der durchschnittlichen Verweildauer eines Schülers von zweieinhalb Jahren stehen somit nicht nur Noten als oberste Zielvorgabe. Durchschnittlich 95 Prozent der Realschulabsolventen erlangen die Mittlere Reife. Um diese erfolgreiche Zahl zu halten, kann das Martinshaus als Privatschule eigene Wege einschlagen und versucht, mit einem Schulentwicklungsprozess einen Spagat zwischen Realschulprofil und der notwendigen Sonderpädagogik zu machen: Die jungen Menschen sollen dort abgeholt werden, wo sie stehen.

Als Hauptschlüssel, um einem Martinshaus-Schüler die Tür zum Realschulabschluss zu öffnen, setzt die Schule auf soziales Lernen.

Durch erlebnispädagogische Angebote wie Training im Hochseilgarten können sich die Schüler im geschützten Rahmen austesten, ihre Grenzen, die sie bislang nicht kannten, suchen und sich spüren lernen. Mit Kunstprojekten, Theater- und Sportangeboten werden die Ressourcen der einzelnen Jugendlichen entdeckt, geweckt und gefördert. Die Schüler lernen dabei, dass sie etwas können und werden dadurch in ihrem Selbstvertrauen gestärkt. „Wert und Begabung eines Schülers zu wecken, ist Ausdruck der Diakonie“, sagt Christian Glage und setzt fort: „Die Schüler haben Ebenen in sich, die sie nicht vermuten.“ Weitere wichtige Aspekte bieten Sonderprojekte wie „paradise“ , bei welchem ein Kunstlehrer gemeinsam mit 17 Jugendlichen über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg Betonreliefs gestaltete, die nun den neuen Pausenhof zieren: Arbeiten im Team, Arbeiten unter Zeitdruck, Verantwortung für sich selber und andere übernehmen, Krisen überstehen und aushalten und Lösungen finden. Die sonderpädagogische Palette im Martinshaus kennt keine Grenzen: Pausenkunst ermöglicht den Schülern in der großen Pause kurz zu malen, zu kneten, Ytong-Steine zu bearbeiten oder sich auf andere Weise künstlerisch zu betätigen. Ein paar Minuten spielen zu Schulstundenbeginn oder Schulstundenschluss fördert Vertrauen, Spannungsabbau und Konzentrationsfähigkeit.

Diese und viele andere bunte Gelegenheiten ermöglichen den Schülern, dass sie das, was sie bisher vom Lernen abhält, in Kunst, Worten oder anderen Formen ausdrücken. Dadurch werden die Schüler auf ihre Weise wieder sprachfähig und können folglich am gesellschaftlichen Leben besser teilnehmen. Christian Glage sieht diesen Weg als Voraussetzung, um den Zugang der Schüler zu Bildungsinhalten des Realschulprofils freizuschaufeln und eine Aufnahme der Lerninhalte zu ermöglichen. „Nur wenn wir Schüler durch ein soziales Training fähig machen, bringen wir sie zum Realschulabschluss und zu dem, was danach kommt.“

Der Ausbau individueller Zusatzleistungen über den Unterricht in der Schule und das Wohnen auf der Wohngruppe hinaus, ist ein weiterer Weg des Martinshauses. Ein Beispiel dazu ist die Begleitung von bildungsmüden und -unwilligen Schülern, um diese wieder in die Klassengemeinschaft zu holen. Zusätzlich zum Lehrer nimmt eine pädagogische Fachkraft als vermittelnde Instanz am Unterricht teil, um die Schüler emotional und sozial zu unterstützen: Nicht wenige Schüler müssen ganz neu lernen, länger als fünf Minuten sitzen zu bleiben, nicht gleich bei jeder Gelegenheit auszurasten, oder einfach mal einen Wunsch in ganz normalen Worten auszudrücken. Trotz kleiner Klassen mit maximal zwölf Schülern, sind Einzelbegleitungen mit beispielsweise 15 Stunden in der Woche keine Seltenheit. Erleichtert wird dieses Modell durch Gruppenräume, die jeweils einem Klassenraum zugeordnet sind und die Rückzugsmöglichkeiten für solche unterstützenden Maßnahmen bieten.

Der eingeschlagene Weg des Martinshauses bringt einen lange währenden Wandel des Schulbildes mit sich, bei dem Lehrer wie Schüler gefordert sind.

„Wir müssen lernen, das Gefälle vom Lehrer zum Schüler aufzubrechen“, sagt Daniel Murr, stellvertretender Schulleiter. Viele Schüler, denen in einer Reihe von Schulversuchen das Martinshaus als letzte Chance zum Schulabschluss offen stehe, hätten die vorigen Schulen als fremdbestimmt erlebt. Fähigkeiten und Ressourcen seien nur beschränkt beachtet worden. „Vom Alleinunterhalter zum Lernbegleiter“, bezeichnet Daniel Murr das Aufbrechen dieses Systems und die sich somit verändernde Rolle des Lehrers. Er erzählt, wie er zusammen mit seinen Schülern Seifenkisten baute: „In diesem Projekt war sehr viel Mathe drin. Wenn ich den Maßstab in Projekten, wie den Bau einer Seifenkiste verpacke, dann machen meine Schüler Mathe, ohne dass sie es merken.“

Wenn Betroffene zu Beteiligten werden, kann das außerdem in vielen Fällen verantwortungsvolles Handeln hervorrufen. Martinshaus-Schüler dürfen die noch leeren Wände im Treppenhaus eines der neuen Schulgebäude mit ihrer Kunst füllen und somit an der Gestaltung teilhaben: Die Schule wird eine Schule der Schüler. Die Beton-Reliefs im Pausenhof bestätigen die Idee, die dahinter steht: In einer nächtlichen und nicht erlaubten Graffiti-Sprühaktion von Schülern wurden die Reliefs fein säuberlich ausgespart.

Von Katharina Stohr