Schimpfen, Schweigen, Füßestampfen

Beobachtungen im Unterricht einer »Asperger«-Klasse in Ravensburg-Oberallewinden. Hier lernen insgesamt 14 grundverschiedene junge Menschen, die eines eint: Die Diagnose »Asperger-Syndrom«.
■ Große Pause in Oberallewinden an einem trüben November-Vormittag. Vor einem Wohnhaus, das als Schulgebäude für drei Asperger-Klassen dient, tummeln sich verschiedene Menschen. Während ein Schüler den letzten Bissen seiner Stulle in den Nutella-verschmierten Mund schiebt und  erumhüpft, schleicht sich ein anderer Schüler langsam an einen Lehrer und eine Besucherin heran. „Werden sie unsere Namen in ihrer Zeitschrift nennen?“, fragt der Schüler und blickt der Frau direkt in die Augen. „Nein“, antwortet der Lehrer. Sichtlich beruhigt läuft der Schüler wieder weg.

Wer kennt es nicht? Ein bisschen anders zu sein als die Anderen, kann zum Problem werden. Sowohl für die, die scheinbar anders sind als auch für die, die mit diesen Menschen zusammenleben. Wenn anders sein zum großen Problem wird, heißt das für eine Schule wie das Martinshaus Kleintobel, neue Wege zu beschreiten. Vor drei Jahren war ein Schüler mit dem Asperger-Syndrom von Mitschülern so stark gemobbt worden, dass er in eine tiefe Notlage geriet. Die Schule reagierte und bildete nach Rücksprache mit dem Schulamt eine eigene Asperger-Klasse. Mittlerweile werden 14 Asperger-Schüler an dem Außenstandort Oberallewinden unterrichtet, um Mobbing der „Aspis“ während der Schulstunden zu unterbinden.  Vom Kultusministerium wurde eine Klasse zwischenzeitlich offiziell als Modell-Klasse genehmigt. Das Seminar für Sonderpädagogik des Ministeriums begleitet diese Beschulung.

Das Asperger-Syndrom ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, gilt als leichte Form des Autismus und wird durch genetische Faktoren verursacht. Kommen noch bestimmte soziale und familiäre Bedingungen hinzu, kann sich die Symptomatik ungünstig verstärken.

Grundverschieden sind die Schüler in Oberallewinden. Der eine wirkt verschlossen und lässt seinen Kopf nach Unterrichtsbeginn noch zehn Minuten lang seitlich auf der Tischfläche liegen. Als er seinen Kopf hebt, vermeidet er Blickkontakt. Der andere beteiligt sich durchgehend am Unterricht, streckt bei jeder Frage des Lehrers, läuft eifrig zur Tafel, um Quadratzahlen aufzuzeichnen und spricht andauernd. Der nächste stampft mit den Füßen im Stakkato auf den Boden. Und platzt mit den Antworten einfach aus der Ecke heraus. Andere wiederum haben einen IQ von über 150, stützen den Kopf in die aufgestellte Hand und beklagen sich beim Lehrer, wenn sie Notizen machen sollen. Oft sind es viele einzelne Merkmale, die zusammenkommend die Diagnose Asperger-Syndrom ergeben. Dagegen ist die beeinträchtigte soziale Wahrnehmung und Kommunikation allen Schülern gemein. So ist es für einen Asperger-Schüler eine große Leistung, Mimik und Gestik zu lernen. Denn das – und andere non-verbale und zwischenmenschliche Signale – kann er nicht deuten und anwenden. Konflikte sind somit vorprogrammiert.

„Hör doch auf mit dem Scheiß – Ruhe, du Idiot!“ Ein Schüler, der gerade noch hochkonzentriert über einer Rechenaufgabe gesessen ist, herrscht einen Mitschüler an, der laut gähnend Geräusche von sich gegeben hat. Lärmempfindlichkeit und solche damit verbundenen Ausrufe sind täglich Brot in Oberallewinden. Mit solchen Konflikten umzugehen, gehört für die Lehrer der Asperger-Klassen genauso zum Berufsalltag wie der Aufbau von Strukturen und Beziehungen. Letztere sind unter anderem wichtig, um den Schülern die Angst zu nehmen. Die Angst vor Anderen und vor dem, was anders ist.

Von Katharina Stohr