Pizza, Panik, Plastikhelm

Daheim in der Haslachmühle, woanders "nicht mehr betreubar" - Stippvisite in der so genannten intensivpädagogischen Gruppe 6, in der Bewohner mit schwersten Auffälligkeiten individuell leben
■ Am Fenster stehen keine Blumen. Im Badezimmer liegt kein Läufer, die Finger stecken in abschließbaren, unzerreißbaren Handschuhen. Ein Armbändchen würde sofort zerfetzt werden. Manche der Bewohner von Gruppe 6, Haus Buchacker, Haslachmühle, ertragen Veränderungen nur sehr schwer. Veränderungen in der gewohnten Ordnung. Kleinste Veränderungen. Wenn der Lieblingspulli an der falschen Stelle im Schrank liegt, zum Beispiel. Er hat eine feste Position. Linke Schrankhälfte, zweites Fach von oben, drittes Kleidungsstück von unten. Der Pulli an der falschen Stelle kann das Fass zum Überlaufen bringen. Dann müssen Bernhard Muck und seine Kolleginnen und Kollegen schnell sein. Was greifbar ist, wird durch den Raum geworfen. Nicht so kleine Sachen. Sondern Stühle und Tische. Der Kampf geht gegen sich selbst und gegen die Mitarbeiter. Dann ist es wieder vorbei. Möglicherweise folgt dann eine mehrere Tage dauernde Phase schwerster Niedergeschlagenheit. „Dann kann unser  Betreuungsziel eben auch mal sein, ihn beschützt vor seinen Autoaggressionen, verletzungsfrei durch diese Phase zu begleiten“, sagt Bernhard Muck, Gruppenleiter.

Jetzt, beim Abendessen, während Bernhard Muck, Viktor Mellmann und Stephanie Seiderer vom Alltag auf Gruppe 6 erzählen, geht es eigentlich nur um die Pizza. Ralf mag keine Pilze und sortiert sie vorsichtig aus. Margot stibitzt zum dritten Mal seine Cola-Flasche. Ralf ruckt ärgerlich an seinem blauen Plastikhelm, den er wegen seiner Epilepsie immer tragen muss. Sven schneidet liebevoll kleinste Stückchen ab und genießt. Jürgen möchte gerne ein fünftes Stück. Michael isst lieber ein bisschen später, er hat noch am Computer zu tun. Einfach ganz normal geht es da zu, wie zu hause, wenn Papa vier Quattro stagioni vom Italiener um die Ecke mitgebracht hat. Vielleicht mit dem Unterschied, dass keiner „bitte“ sagt. Dafür gibt es die Gebärde für „Pizza“. Die Bewohner von Gruppe 6 haben nicht nur eine geistige und eine psychische Behinderung, die meisten von ihnen hören und sprechen auch nicht.

Normalität, Teilhabe, Alltag sind auf Gruppe 6 trotz schwerster Auffälligkeiten der Bewohner keine Leerformeln. So gut wie alle haben eine lange Reise durch Deutschland hinter sich. Wenn sie an einem Ort als „nicht mehr betreubar“ galten, wurden sie weitergereicht. In der Haslachmühle haben sie Heimat gefunden. Denn hier „können wir höchst individuelle Lebensentwürfe ermöglichen“; sagt Bernhard Muck. Die Mitarbeiter der „intensivpädagogischen“ Gruppe sind nicht wenig stolz auf das, was sie gemeinsam mit ihren Bewohnern erreicht haben: „Wir haben die Medikamente reduziert, die Freiheitsgrade erhöht, und trotzdem gibt es weniger Sachbeschädigungen“. Das ist nur möglich dank eines überdurchschnittlichen Personalschlüssels – und dank pfiffiger Ideen. Da gibt es zum Beispiel einen in die Wand geschraubten Holzkasten, der so konstruiert ist, dass man nur noch mit einem Finger durch ein enges Loch die Klospülung betätigen kann. Seither hält sie. Vorher wurde sie immer aus der Wand gerissen.

Die Gruppe 6 fährt übrigens regelmäßig gemeinsam in Urlaub. Mit Schwimmweste in den Lago Maggiore – kein Problem. Intensivpädagogik in der Haslachmühle, das heißt eben nicht „Satt-sauber-ruhig-Pflege“. Sondern: „Freiheitsgrade zulassen, die anderswo nicht vertretbar wären.“

Von Christof Schrade