"Nur Theorie war mir zu trocken"

Möglichkeit 7: Praxisteil eines BA-Studiums - Martina Heidinger studierte Sozialwirtschaft und lernte die Praxis in der Behindertenhilfe
■ Martina Heidinger erging es nach dem Abitur auf dem Wirtschaftsgymnasium wie vielen anderen jungen Menschen auch. Viele Interessen und kreative Hobbys, zum Beispiel die Schauspielerei, genügend Ideen, um die Zukunft zu planen und den Alltag damit auszufüllen. Und dann die Frage: „Was soll denn nun wirklich werden mit mir?“ Die war nicht so einfach zu beantworten. Entscheidend für Martina Heidinger war der Wunsch, sich etwas Praktisches aufzubauen. Denn „nur Studieren“ das schien ihr zu trocken, das wollte sie nie. Sie wollte „den Bezug zu ganz praktischen Lernfeldern finden.“

Beim Stöbern im Internet stößt sie eines Tages auf die Seite der Berufsakademie (BA) in Villingen-Schwenningen – Sozialwirtschaft weckt ihr Interesse. Hier wird eine Verbindung geschaffen zwischen Wirtschaft, Sozialpädagogik, Recht und den Menschen. Etwas sehr entgegenkommendes und vielfältiges. Ein Studiengang, den es erst seit 1997 gibt. Spannend wird die Suche nach einem Ausbildungsplatz. Das gehört zum System der Berufsakademie. Erst, wenn man die feste Zusage eines Unternehmens für den praktischen Teil der Ausbildung in der Tasche hat, kann man sich an der Berufsakademie einschreiben. Das dreijährige Studium teilt sich in Theorie- und Praxisblöcke, während derer man eine tarifliche Ausbildungsvergütung erhält.

Ab dem dritten Semester absolviert Martina Heidinger den Praxisteil ihres Studiums in der Geschäftsführung der Behindertenhilfe. Wenn sie heute auf die ersten Tage zurückblickt, erinnert sie sich noch gut, wie viel Verantwortung man ihr gleich zugewiesen hat. „Ich war nicht nur die Studentin, sondern eine richtige Kollegin“, sagt sie. Mit ihren Fragen konnte sie sich vertrauensvoll an Kollegen und Vorgesetzte wenden und hat dabei viel gelernt – fürs Studium und für sich persönlich.

Das Thema ihrer Diplomarbeit war leicht festgelegt und die Aufgabenbereiche während ihrer Ausbildung haben sich darüber definiert. Besonders interessant war für sie das Thema Qualitätsmanagement, die „Einführung eines Instrumentes zur Qualitätssicherung in der Tagesbetreuung für geistig behinderte Menschen (...)“. Auf der Basis ihrer Diplomarbeit verknüpfen sich die Interessen der Einrichtung mit denen der BA-Absolventin und münden in einem direkt umsetzbaren Projekt. „Das hat viel Arbeit gemacht, aber auch viel Spaß“, meint sie heute.

Die Motivation für Theorieblöcke holt Martina Heidinger aus der Praxis. Die Begegnungen mit den behinderten Menschen sind für sie völlig neu – und bereichernd. Freude lässt sich übertragen. Inzwischen unterstützt sie ehrenamtlich die Senioren im Rotachheim, beispielsweise beim jährlichen Weihnachtsmarkt.

Der Wechsel vom Studium in eine Stelle ist heutzutage nicht selbstverständlich. Trotz Sparzeiten ließ sich das in der Behindertenhilfe aber ermöglichen. Seit Oktober 2005 arbeitet Martina Heidinger nun als Assistentin der Geschäftsführung der Behindertenhilfe. Ihre Aufgaben erstrecken sich vor allem auf Projektarbeit und Öffentlichkeitsarbeit. Schon heute, ein halbes Jahr nach dem Ende ihres Studiums, ist sie selbst Ausbilderin und Ansprechpartnerin für die BA Villingen-Schwenningen.

Martina Heidinger hat erkannt, dass „Dranbleiben“, Ausdauer und vor allem die innere Einstellung dazu beiträgt, die Ziele zu erreichen, die sie sich für ihr Leben gesetzt hat. „Eine kleine Portion Glück“, gibt sie zu, „braucht es aber auch.“

Von Bettina Rahn