Nicht schubsen, nicht schlagen...

...Spaß haben - ein Tag im Seilgarten im Martinshaus Kleintobel
■ Heute ist eine 5. Klasse der Grund-, Haupt- und Werkrealschule Baindt an der Reihe, 13 Mädchen und Jungen in Begleitung der Klassenlehrerin und Schulsozialarbeiterin. Kurz nach Mittag hat es schon 35 Grad im Schatten. Da kann man nicht mehr von luftiger Höhe reden, auch wenn manche Elemente des Hochseilgartens 12 Meter in den Himmel ragen. Entsprechend verschwitzt trifft die Schulklasse im Martinshaus ein.

Das Martinshaus Kleintobel hat im vergangenen Jahr einen eigenen Seilgarten eröffnet. Die in den alten Baumbestand harmonisch integrierte Anlage liegt landschaftlich sehr reizvoll direkt am Tobelrand und wirkt wie ein eigenes Biotop. Tim und Daniel, Lehrkräfte und geprüfte Seilgarten-Trainer im Martinshaus, empfangen die Gruppe. Zunächst wird gemeinsam ein schriftlicher Vertrag erarbeitet, der für die Zeit im Seilgarten gilt und von allen unterschrieben wird: „Spaß haben“, „keine Ausdrücke“, „nicht schubsen“, „nicht schlagen“, „niemand auslachen“ – das ist den Schülern aus Baindt wichtig.

Beim Aufwärmtraining ist Schatten rar. Während der Schweiß rinnt, lernen die Mädchen und Jungen, wie man sich ohne Sprache verständigt und trotzdem auf EIN Kommando hören kann. In den „Niedrigen Elementen“ lernt die Gruppe über Versuch und Irrtum, dass es ohne gegenseitige Hilfe einfach nicht geht. Die Anweisungen von Daniel und Tim sind präzise und direkt und die Erfahrung aus der Arbeit mit schwierigen Jugendlichen schwingt immer mit. Angenehm. Nicht immer muss interveniert werden, die Schulklasse findet schnell heraus, dass die eigenen Anweisungen nicht verstanden werden, wenn alle laut sind.

Bevor es in den Hochseilgarten geht, werden alle sorgfältig mit Gurten, Bändern und Helmen ausgestattet. Der Endcheck erfolgt nach dem Vier-Augen-Prinzip: jeder Teilnehmer wird von jedem Trainer kontrolliert. Sicherheit hat höchste Priorität. Pflicht sind deshalb mindestens zwei ausgebildete Trainer pro Gruppe, immer Doppelcheck, immer Fremdsicherung über das Seil, Drogen- und Alkoholverbot. Natürlich ist die Anlage TÜV-geprüft.

Dann ist es soweit. Mit weichen Knien geht es zur Hohen Halteseilbrücke, eine Partnerübung auf etwa 8 Metern Höhe. Neue Horizonte entdecken? „Die Aussicht ist tödlich“, meint ein kräftiger Junge, nachdem er statt des schwingenden Drahtseiles wieder festen Boden unter den Füßen hat. Die meisten räumen Schwierigkeiten mit der Balance ein. Und auch die Angst, die schon beim Hochklettern in die Knochen fährt. Aber auch das Hochgefühl, verlässlich gesichert und gehalten zu sein. Interessant ist, dass die Mädchen die ersten Aufstiege wagen.

Das Martinshaus stellt inzwischen 16 ausgebildete TrainerInnen aus den eigenen Reihen. Jeder von ihnen ist gleichzeitig erziehende oder lehrende Fachkraft mit entsprechender Erfahrung. Die Sicherheitsausbildung wird jährlich aufgefrischt. Zwar wird der Seilgarten intern viel genutzt, er ist aber auch offen für Schulen, Jugendgruppen, Vereine, Verbände oder Firmen. Geöffnet ist er ganzjährig, außer bei Sturm, Gewitter oder Starkregen.

Tim und Daniel dirigieren die Schulklasse zur Schlussrunde. Sie haben die Gruppe exzellent geleitet. Man ist zusammengewachsen. Die Gesichter sind müde und verschwitzt. Aber die Augen leuchten noch – direkt aus einer entflammten Seele heraus.

Von Markus Fritsche