Mittagessen mit Gott oder: »Das hat mir gutgetan«

Die Arbeit des Referates Theologie und Seelsorge der Zieglerschen ist mehr, als in traditionellen Texten zu versinken. Es geht um gemeinsames Feiern, Singen, Lachen und das Gefühl: Das hat mir gutgetan.
■ Es war einmal ein kleiner Junge, der unbedingt Gott treffen wollte. Also packte er sich einen Rucksack voll mit einigen Coladosen und mehreren Schokoladenriegeln und machte sich auf die Reise. Er lief eine ganze Weile und kam in einen kleinen Park. Dort sah er eine alte Frau, die auf einer Bank saß und den Tauben zuschaute, die vor ihr nach Futter auf dem Boden suchten.

Der kleine Junge setzte sich zu der Frau auf die Bank und öffnete seinen Rucksack. Er wollte sich gerade eine Cola herausholen, als er den hungrigen Blick der alten Frau sah. Also griff er zu einem Schokoriegel und reichte ihn der Frau. Dankbar nahm sie die Süßigkeit und lächelte ihn an. Und es war ein wundervolles Lächeln! Der kleine Junge wollte dieses Lächeln noch einmal sehen und bot ihr auch eine Cola an. Und sie nahm die Cola und lächelte wieder – noch strahlender als zuvor.

Der kleine Junge war selig. Die beiden saßen den ganzen Nachmittag lang auf der Bank im Park, aßen Schokoriegel und tranken Cola – aber sprachen kein Wort. Als es dunkel wurde, spürte der Junge, wie müde er war und er beschloss, zurück nach Hause zu gehen. Nach einigen Schritten hielt er inne und drehte sich um. Er ging zurück zu der Frau und umarmte sie. Die alte Frau schenkte ihm dafür ihr allerschönstes Lächeln. Zu Hause sah seine Mutter die Freude auf seinem Gesicht und fragte: »Was hast du denn heute Schönes gemacht, dass du so fröhlich aussiehst?« Und der kleine Junge antwortete: »Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen – und sie hat ein wundervolles Lächeln!« Auch die alte Frau war nach Hause gegangen, wo ihr Sohn schon auf sie wartete. Auch er fragte sie, warum sie so fröhlich aussah. Und sie antwortete: »Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen – und er ist viel jünger, als ich gedacht habe.«

Das wäre klasse, wenn Sie von den Angeboten, die das Referat Theologie und Seelsorge durchgeführt hat, nach Hause kämen und erzählen könnten: »Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen!« Dann wäre es zu wertvollen Begegnungen gekommen. Dann hätte es einen unvergesslichen Impuls für unsere inneren Bilder und Meinungen gegeben. Dann hätte etwas schlicht und einfach sehr, sehr gutgetan.

»Das hat mir gutgetan, kann ich noch mal mit?« Das hören wir immer wieder von Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die zum Beispiel im Schwarzwald auf einer Atempause dabei waren. Die Atempause sind drei Tage mit einem »Medical-Wellness-Programm«, bei denen es um Stressbewältigung, Ruhezeiten, Krafttanken geht. Aber auch in kurzen spirituellen Impulsen um einen inneren »Auf-Blick«. Denen, die dabei waren, fällt die Arbeit danach wieder ein Stück leichter.

Nicht selten haben wir auch schon von Teilnehmenden gehört: »Als ich sagte, dass ich da hingehe, hieß es: ›Na, du musst ja viel Zeit haben.‹ Oder: ›Ach, was. Und wir sollen jetzt etwa Deine Arbeit machen?‹ Oder: ›Dir muss es ja schlecht gehen.‹« Nein, solche Art und Weise des Miteinanders möchten wir nicht mit den Angeboten hervorrufen. Aber wir möchten einstehen dafür: Wer sich in der Diakonie Tag und Nacht für andere interessiert, sich für sie pausenlos einsetzt – der muss sich auch für sich selbst interessieren, der muss auch ein Ohr haben für seine eigenen Bedürfnisse! Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. (Und Liebe meint im biblischen Sinne in der Tat die Wertschätzung,das Interesse, die Annahme.)

Deshalb gibt es nicht weniger Atempausen, sondern zunehmend mehr dieser Angebote, etwa auch die Stillen Tage im Kloster Hegne am Bodensee. Ein Teilnehmer sagte uns: »Diese 18 Stunden im Kloster sind für mich wie 7 Tage Urlaub!« Eine Teilnehmerin sagte: »Das Mittagessen im Schweigen war für mich eine der spannendsten Erfahrungen der letzen Zeit!« Wobei wir wieder beim Mittagessen wären, beim Mittagessen mit Gott. Auch in den vielen verschiedenen Z.AGOs, den Zieglerschen Abend-Gottesdiensten für Mitarbeitende und Freunde, die in der Zwischenzeit an fast allen Standorten des Nordens und pro Monat zweimal im Süden, sprich in Wilhelmsdorf stattfinden, und ab 2011 wohl auch in Bad Saulgau, wollen wir mit Gott Mittagessen, sprich: unvergessliche Begegnungsmöglichkeiten schaffen.

Und wir entdecken: Miteinander Gottesdienst feiern ist viel mehr, als nur in traditionellen Texten und Formen zu versinken. Es ist eine Zeit, wo man miteinander feiert, singt, lacht, überrascht wird und das Gefühl nicht los wird: Das hat mir gutgetan. Und ehrlich gesagt: Wenn es nach dem Gottesdienst noch ein vorzügliches kaltes Buffet gibt oder die Verantwortlichen kurzerhand zum Italiener einladen oder eine Grillfete organisieren… dann ist es tatsächlich ein Mittagessen mit Gott!

Im Augenblick gibt es vom Referat Theologie und Seelsorge nur wenig Angebote im Sinne einer Fortbildung. Weil wir spüren: Diakonische Kultur, Geist, Atmosphäre hat nicht nur etwas mit Bildung zu tun, sondern vor allem auch mit gemeinsam Feiern. Gemeinsam genießen. Gemeinsam Reden und Schweigen. Im Geist der Wertschätzung, der Annahme, der Ermutigung. In diesem Sinne: Mahlzeit!

Ihr Pfarrer Heiko Bräuning