Liebe in den Zieglerschen

Das ist so eine Geschichte – die mit der Liebe. Seit ewigen Zeiten wird sie besungen, bedichtet und beschworen. »Wenn sie euch ruft, dann folgt ihr«, würde Khalil Gibran dazu sagen. »Es ist was es ist«, meint Erich Fried. Und Paulus: »Sie ist die Größte, unter Glaube und Hoffnung«. Während frisch Verliebte oft glückselig durch die Welt schweben, heulen sich andere nächtelang den Liebeskummer von der Seele. In anderen Fällen sorgt die Liebe für immerwährende Treue, für Verzeihen, Frieden, Geborgenheit und Zusammenhalt. Doch allgemeingültig definieren lassen will sie sich nicht, die Liebe.  Wir waren wieder einmal in den Zieglerschen unterwegs und wollten genau wissen, wie das bei uns so ist. Und weil dieses  Thema ein so besonderes ist, finden Sie unsere Recherchen eingebettet in das Hohelied des König Salomo.
Horch! Mein Geliebter!
Sieh da, er kommt.
Er springt über die Berge, hüpft über die Hügel.
Der Gazelle gleicht mein Geliebter, dem jungen Hirsch.
Ja, draußen steht er
an der Wand unseres Hauses;
er blickt durch die Fenster, späht durch die Gitter.
Der Geliebte spricht zu mir:
Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch!


Es ist neun Uhr Morgens, Romeo (Name geändert) betritt ein Pflegeheim der Altenhilfe und geht zielstrebig auf seine Julia (Name geändert) zu, die ihn bereits erwartet. Sie sitzt auf dem Sofa in einer der Sitzecken des Seniorenzentrums. Er setzt sich zu ihr und nimmt sie in den Arm, so bleiben sie erstmal sitzen. »Oh Julia, wenn ich dich nicht hätte, was wär dann mit mir«, flüstert Romeo ihr ins Ohr. Romeo wird bis nachmittags um fünf Uhr bei seiner Julia sein, obwohl er eigentlich in einem anderen Seniorenzentrum im Ort lebt.

    
Bilderstrecke: Nachgefragt: Liebe in den Zieglerschen (3 Bilder).

Altenpfleger Fabian (Name geändert) hat in 14 Jahren in diesem Beruf zwei Liebespaare erlebt, die sich erst im Pflegeheim gebildet haben. Einige Pärchen mehr gibt es, die sich von früher kennen, sich bei Kaffee-Nachmittagen oder Ausflügen kennengelernt haben und sich gegenseitig besuchen. Dabei ist Sex nach wie vor zwar eher ein Tabu-Thema, kommt aber durchaus vor. »Wenn ich morgens ins Zimmer komme und jemand hat Sex, mit sich selbst oder mit einem Partner, dann geh ich einfach leise wieder raus«, erzählt Fabian. Oft gehen die Bewohnerinnen und Bewohner selbst viel offener mit dem Thema Sexualität um, als deren Söhne oder Töchter. »So mancher Bewohner ist bei den Themen Sexualität und Homosexualität viel lockerer drauf, als man dieser Generation ›bis zum Hals und nicht weiter‹ zutrauen würde«, so Fabian.

Viel schwieriger sei der Umgang mit Bewohnern, die ihre sexuellen Wünsche auf die Pflegekräfte projizieren. »Egal ob Bewohner oder Bewohnerin, es gibt welche, die die oft engen Pflegesituationen ausnützen  und grapschen.« Und es gibt welche, die sagen, sie hätten sich verliebt. Sogar ein Heiratsangebot hat Fabian schon bekommen.

Aber es kommt natürlich auch im Alter zu Streit zwischen Liebespaaren. Bei Romeo und Julia fliegen manchmal die Fetzen. »Er brüllt schon mal durchs Haus, dass er sie verlassen wird«, erzählt Fabian. Darum ist auch die Tochter von Julia nicht ganz glücklich über die neue Beziehung ihrer Mutter. Doch wenig später sitzen die beiden Senioren wieder friedlich auf dem Sofa, halten sich im Arm, streicheln sich und Julia flüstert Romeo ins Ohr: »Was wär nur mit mir, wenn ich dich nicht hätte.«

Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn,
den meine Seele liebt.
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.


Aminas letzte große Liebe endete mit einer schweren Alkoholvergiftung in einem Krankenhaus. Die 16-Jährige verliebt sich ihrem Alter entsprechend schnell und sucht ihr Glück in einer stabilen Beziehung zu einem jungen Mann. »Jede Trennung birgt eine schwere Enttäuschung für Amina«, sagt Gertrud Hämmerle, Sozialpädagogin im Martinshaus Kleintobel, »und mit jeder Trennung geht es ihr psychisch schlecht.«

Amina legt sehr viel Wert auf ihr Äußeres. Schwarzes, krauses Haar fällt anmutig über ihre Schultern und dunkle Augen strahlen aus einem hübschen Gesicht, wenn sie mit äußerst gewählten Worten spricht. Im Herbst 2010 ist Amina in die Jugendhilfe der Zieglerschen gekommen. Zuvor war sie auf die schiefe Bahn geraten. Fehlender familiärer Halt und negativer Einfluss ihres damaligen Freundeskreises hatten dazu geführt.

»Amina kann ihre weiblichen Reize zur Geltung bringen und versucht wie viele Mädchen in ihrem Alter, den Jungs zu gefallen«, sagt Gertrud Hämmerle. Die Sozialpädagogin trainiert mit Jugendlichen des Martinshauses auf vielfältige Weise, um diese wieder fit fürs Alltags-Leben zu machen. Unter anderem geht’s dabei um soziales Verhalten und soziales Lernen. Was ihre Arbeit als pädagogischer Fachdienst des Martinshauses und somit auch Amina betrifft, kann sie auf langjährige Erfahrung zurückgreifen: »Wahrscheinlich begründet sich das ausgeprägte Bedürfnis nach Anerkennung und Wahrgenommenwerden von Amina in einem geringen Selbstwertgefühl und dem fehlenden Vertrauen in die eigenen Stärken.« In dieser Konsequenz sucht die Jugendliche wahrscheinlich nach Liebe in neuen Beziehungen.

Die Geschichte von Amina, deren Namen für diesen Beitrag geändert wurde, ist kein Einzelfall. »Generell leiden junge Menschen, die zu uns in die Jugendhilfe kommen, an massiven Minderwertigkeits- und Unfähigkeitsgefühlen«, sagt Gertrud Hämmerle. Auch bei den Mädchen geht es erst einmal um Anerkennung. Allzu oft bauen sie ihr Selbstwertgefühl auf wackligem Gerüst auf – Aussagen, wie die folgenden gehören dazu: »Mensch, ich will ja toll aussehen« und »Ich will wer sein und brauche dazu unbedingt einen Freund!«

Gertrud Hämmerle versucht mit ihrer Arbeit, den Blick der Jugendlichen zu weiten und ihnen dadurch andere Wege zu ermöglichen. »Amina ist ein intelligentes Mädchen mit vielen tollen Fähigkeiten. Den Kids soll bei uns bewusst werden, was sie machen und wo sie künftig hinwollen«, sagt sie. Um dieses Ziel zu erreichen, unterstützt und begleitet sie die jungen Menschen individuell, um deren mangelndes Selbstbewusstsein aufzubauen, denn »das, was Kids wie Amina nicht hatten, um gesund erwachsen zu werden, soll nicht weiter über falsche Spuren gesucht werden«, sagt sie.

Ich bin eine Blume auf den Wiesen des Scharon,
eine Lilie der Täler.
Eine Lilie unter Disteln ist meine Freundin unter den Mädchen.
Ein Apfelbaum unter Waldbäumen ist mein Geliebter unter
den Burschen.
In seinem Schatten begehre ich zu sitzen.
Wie süß schmeckt seine Frucht meinem Gaumen!


Am 22.05.2001 ist Helga ihrem Willi zum ersten Mal begegnet. Den Tag wird sie nie vergessen: »Wir haben uns die Hände gereicht. Ich habe ihn angeguckt. Er hat mich angeguckt. Dann haben wir beide gegrinst. Wir waren beide gleich fasziniert voneinander«, erinnert sie sich. Besonders schön fand sie damals seinen vollen Bart und auch die Ruhe, die er ausstrahlte. Bis sie ein Paar wurden, dauerte es nur ein paar Monate. Zwischenzeitlich sind sie nun schon zehn Jahre zusammen und bewohnen gemeinsam eine 2-Zimmer-Wohnung in Wilhelmsdorf. War eine Hochzeit schon mal ein Thema? »Nein. Warum sollte man etwas ändern, wenn’s so auch gut läuft?« fragt sie. Und was wünscht sie sich für die Zukunft? Eigentlich ganz einfach: »Dass es so bleibt, wie’s ist.«

Paare und auch feste Lebensgemeinschaften sind in der Behindertenhilfe keine Seltenheit mehr. Manche bleiben in ihrem Zimmer in der Wohngruppe wohnen, andere möchten zu zweit eine eigene Wohnung – mal mit und mal ohne Anschluss an eine Wohngruppe.

Seit einigen Jahren gibt es in der Behindertenhilfe auch einen Paarbegleitungskreis. Mitarbeiter, die ein Paar oder einen Paarteil begleiten, treffen sich hier zum gemeinsamen Austausch. Ziel ist es, Menschen mit Behinderung in dem zu begleiten, was sie sich wünschen. Die Themen sind vielfältig: Welche Möglichkeiten zum gemeinsamen Wohnen können wir bieten? Wie organisieren wir eine Hochzeit oder eine Segnung? Was sollten Paare im Zusammenhang mit Sexualität und Verhütung wissen? Oft geht es auch um Hilfestellungen für Bewohner etwa bei der Frage, wie es gelingt, sich in den anderen hineinzudenken, ihm zu zeigen, was man will oder nicht will.

»Auf manche Fragen haben auch wir keine Antworten parat. Dann sagen wir: Probier’s einfach aus.«, erklärt Diplom-Psychologin Ulla Krüger. »Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich oft sehr interessante Dinge entwickeln, wenn wir Freiräume zur Verfügung stellen«, ergänzt sie.

Aktuelles Thema im Paarbegleitungskreis ist die Planung einer Segnungsfeier und einer Hochzeitsreise für ein Paar, das sich im Sommer segnen lassen will. »Das Paar wird an einer Gruppenfreizeit teilnehmen. Wichtig ist, dass die romantische Seite nicht zu kurz kommt beim ›schönsten Tag im Leben‹ des Paares«, erklärt Ulla Krüger. »Vom Candle- Light-Dinner bis zur Kutschfahrt – wir haben uns schon vieles gemeinsam überlegt.«

Natürlich gibt es auch in der Behindertenhilfe sogenannte »Lebensabschnittspartner«, also Menschen, die sich über einen bestimmten Zeitraum hinweg sehr nahestehen und sich dann durch Entwicklungen und Gewohnheiten auseinanderleben. »Das ist aber eher die Ausnahme«, hat Ulla Krüger beobachtet. »Wenn sich Paare finden, sind die Beziehungen in der Regel sehr, sehr beständig – viele haben über Jahrzehnte Bestand.«

Autorenteam: Katharina Stohr, Nicola Philipp, Annette Scherer, Matthias Braitinger, Gertrud Hämmerle