Kunst in den Zieglerschen

■ Lässig schüttelt Sandra die Spraydose hin und her. Die Kugel im Inneren der Dose schlägt in klackendem Stakkato an die Blechwand und wirbelt dabei tausende von Farbpigmenten durch das Lösungsmittel. Dann endlich ist die Shake Well-Prozedur vorbei: Den Zeigefinger auf das Cap gedrückt sprüht Sandra rosa Farbe auf die im Freien stehende Stützmauer und vollendet ihr Piece.
Wer in die Graffiti-Welt eintauchen möchte, sollte sich zunächst ein Wörterbuch besorgen. Für die Jugendhilfe der Zieglerschen hingegen übernimmt Daniel Schweizer, freier Künstler und Leiter von Graffiti-Workshops das Übersetzen inklusive. Seit dreieinhalb Jahren zieht er mit Jugendlichen des Martinshauses Kleintobel über das Wohnund Schulgelände. Gemeinsam besprühen sie Mauern, Freizeiträume, ganze Stockwerke und Stützwände. Wo vorher tristes Grau entgegenblickte, zieren hinterher bunte Schriftzüge, Bilder und Gesichter die Oberfläche. Ein ähnliches Projekt steht derzeit auch im Ev. Kinder- und Jugenddorf Siloah an.

»Graffiti ist das Sprungbrett, um etwas auszudrücken, um eigene Ästhetik zu zeigen und um uns selbst zu sensibilisieren «, sagt Daniel Schweizer, der neben Sandra, deren Namen für diesen Beitrag geändert wurde, vor der Stützmauer steht. »Die Jugendlichen können dadurch eine individuelle Ausdrucksform, ihren ›Style‹ entwickeln. Es geht dabei um Identität und ein Stück weit um Selbstdarstellung.« Manche der jungen Menschen können mit Graffiti zudem etwas  ausdrücken, was ihnen selbst vielleicht gar nicht bewusst ist. »Wem das liegt, den kann dieses meditative Arbeiten beruhigen «, sagt Schweizer und unterstreicht den therapeutischen Charakter dieser Kunstform, die vor 40 Jahren als eine der vier Säulen des Hip-Hop in New Yorker Slums entstanden ist. Viel Arbeit steckt hinter den unterschiedlichen Schriftzügen, den sogenannten Pieces. »Wir beginnen die Workshops stets mit dem Zeichnen von Skizzen«, sagt Schweizer. »In dieser Phase kann sich jede/r einen Künstlernamen aussuchen und herausfinden, was der eigene Stil ist.« Dabei schaut Schweizer genau hin, wer was macht und bei wem welche Stärken herauszuholen sind. Möglichst schnell geht es dann an die Wand zum Sprühen. Bis die Technik mit der Spraydose, die Schweizer als »etwas Rebellisches, Illegales und Aufregendes« bezeichnet, richtig sitzt, kann es einige Monate dauern. Doch die Belohnung für die Mühe und Ausdauer blitzt an allen Ecken des Martinshauses hervor – und bald auch in Siloah.

Sie sind überrascht, wie hilfreich die Kunstform Graffiti für unsere Jugendlichen der Jugendhilfe sein kann? Wir finden es auch phänomenal. Uns gefällt auch, dass Graffiti heutzutage nicht mehr illegal angewandt werden muss, sondern mittlerweile den passenden Platz in der Gesellschaft gefunden hat. Aber lassen Sie uns nun doch durch die rechte Türe im Erdgeschoss treten. Dahinter verbirgt sich der sogenannte »Möglichkeitsraum«, gespickt mit Trophäen von Bundes-Kunstpreisen aus den Jahren 1995, 1997, 1999, 2001, 2003, 2005, 2007, 2009, 2011. Ferner werden Sie eine lange Liste mit regionalen und überregionalen Einzel- sowie Gemeinschaftsausstellungen in Sparkassen, Kliniken, Galerien und Kunstwochen in Deutschland, Frankreich und Italien entdecken. Ah, hier wartet schon Silke Leopold auf uns. Darf ich Sie miteinander bekanntmachen? Die 45jährige ausgebildete interdisziplinäre Kunsttherapeutin, Kreativpädagogin und freie Künstlerin leitet seit 16 Jahren die Malwerkstatt der Behindertenhilfe. Was ist eigentlich Kunst, Frau Leopold? Und was bedeutet sie für Menschen mit Behinderungen?

»Für Kunst gibt es keine eindeutig befriedigende Definition, eher Anhaltspunkte und Richtlinien, die immer auch eine subjektive Dimension enthalten. Für mich hat Kunst ganz viel mit Ausdrücken, Berührt werden, Authentizität, Zweckfreiheit zu tun. Kunst – das sind nicht in erster Linie schöne Bilder oder Abbildungen, sondern schöpferische Kompositionen, die in uns etwas auslösen. Manchmal enthält sie auch eine geistige oder gar visionäre Komponente. Es ist wie eine Art Mundart, Aussage aus einer tiefen Schicht unseres Seins ins Sichtbare. Etwas Verbindendes, etwas, was uns allen eigen ist, Möglichkeitsraum zu gestalten.

Für Menschen mit Behinderung ist Kunst oft ein Angebot, sich gestalterisch zu äußern, mitzuteilen, eine Sprache jenseits der gewöhnlichen Worte, im Zwiegespräch mit sich selbst. Der sich ereignende Prozess steht im Mittelpunkt, für die Mehrzahl ist das Danach unwesentlich, eine andere Geschichte, die Einzelne zunehmend als wertschätzende Resonanz aufgreifen. Daraus hat sich eine interne Kunstszene entwickelt. Es gibt Liebhaber einzelner Künstler. Beim Malen und Gestalten verschwimmen die Grenzen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Lediglich bei der Handhabung von Ausgangsmaterialien und  Präsentationen beziehungsweise Ausstellungen benötigt ein Mensch mit Behinderung manchmal einen anderen zeitlichen Rahmen oder Hilfestellung. Ansonsten können Betrachter die Kunst von Menschen mit und ohne Behinderung in der Regel nicht unterscheiden. Natürlich gibt es auch bei Menschen mit Behinderung verschiedene Begabungen und Motivationen. Manchmal können Laien mit den Bildern nicht umgehen, können nicht erfassen, was geschaffen wurde.

Und: Natürlich gibt es auch in der Behindertenhilfe einen Bereich, in dem Kunsttherapie wegen Verhaltensproblemen oder zur Begleitung in Lebenskrisen von Menschen mit Behinderungen als Ausdrucks- oder Verarbeitungsmittel angeboten wird – das ist in der Malwerkstatt jedoch ein minimaler Anteil und ein gesundender Nebeneffekt im Umgang mit Gestaltungsmitteln.«

Vielen Dank für das ausführliche Statement, Frau Leopold! Ich sehe einige Besucher unseres Kunsthauses, bei welchen Sie mit Ihrem letzten Satz auch verstärktes Interesse an Frau Kunst in ihrer Funktion als Therapeutin geweckt haben. Wenn Sie mir daher nun also alle über die Wendeltreppe in das Obergeschoss folgen wollen. Vorsicht bitte, die 42 Stufen sind sehr steil – Frau Kunst liebt extravagante Architektur, so ist sie halt, da kann man nichts machen. Sie sind alle oben angekommen? Wunderbar! Hier links finden Sie einen ganz speziellen Bereich des Hauses, er nennt sich »Raum der Begegnung mit sich selbst«. Sehen Sie das Schild, welches über dem Türrahmen thront? »Man muss etwas Neues machen, um etwas Neues zu sehen«, steht da. Ein Zitat von Johann Christoph Lichtenberg. Eine alte Weisheit, hochaktuell. Nach diesem Motto wird auf dem Ringgenhof der Suchthilfe gearbeitet. Doch lesen Sie selbst in dem aufgeschlagenen Buch, welches hier auf dem Tisch in der Zimmermitte liegt:


Peter Deuss lebt mit und für die Kunst. Als ausgebildeter Kunst- und Gestaltungstherapeut in der Fachklinik Ringgenhof in Wilhelmsdorf begleitet er jährlich bis zu 200 abhängigkeitserkrankte Männer, in Gruppen oder in Einzelsitzungen. Die Materialien, die Peter Deuß in seiner Arbeit verwendet, sind vielseitig: Ton, Holz, Naturmaterialien und unterschiedlichste Farbvariationen. »Wer was nimmt, hängt von der Tagesform der Patienten ab«, sagt er.

In der Kunst- und Gestaltungstherapie geht es viel um Selbstwahrnehmung, ebenso spiele in manchen Fällen die Diagnostik eine Rolle. Nicht jeder geht automatisch in die Kunsttherapie. Da es sich um ein indikatives Angebot handelt, wird eine Vereinbarung zwischen Patient und Behandlungsteam getroffen. In einem Vorgespräch werden dann Ziele vereinbart. »Durch das Gestalten werden innere Prozesse nach Außen getragen«, berichtet Peter Deuß, »in der anschließenden Nachbetrachtung können dann Rückschlüsse auf die aktuelle Lebenssituation gezogen werden.«

Viele Patienten haben Schwierigkeiten, ihre Befindlichkeiten auszusprechen oder finden einfach nicht die richtigen Worte. »Mit dem künstlerischen Gestalten geben wir dem scheinbar Unaussprechlichen eine Stimme«, sagt Peter Deuß. Durch die Sucht sei Vieles eingeschränkt. Mit Hilfe der Kunstund Gestaltungstherapie soll der Blick geweitet werden. Peter Deuß arbeitet ressourcenorientiert. So findet jeder Patient ein geeignetes Medium, um sich angemessen auszudrücken. Immer wieder macht er dabei interessante wie verblüffende Erfahrungen mit den Patienten. »Über die Kunst kommen häufig plötzlich auftretende Emotionen zum Vorschein, von denen die Patienten dann überrascht sind«, sagt er.

Ein schönes Kapitel dieses Buches, nicht wahr? Natürlich finden auch in der Kunst- und Gestaltungstherapie der Suchthilfe »Begegnungen im Miteinander« statt. So, wie im gleichbenannten, gegenüberliegenden Raum der Altenhilfe, wo Kunst im Alltag eine große Rolle spielt. Lassen Sie sich alles Weitere durch einen Radiobeitrag erklären:

»Alle 20 Pflegeheime der Altenhilfe stellen ihre Räumlichkeiten für lokale Künstler zur Verfügung. Ständig finden Vernissagen statt. Die Kunstwerke schaffen immer wieder neue Möglichkeiten für Begegnung. Menschen, die das Seniorenzentrum noch nicht besucht haben, kommen herein, um sich die Ausstellungen anzusehen. Bewohner, Mitarbeitende, Gäste und Ehrenamtliche kommen miteinander ins Gespräch. Die wechselnden Ausstellungen bringen Impulse ins Haus, sorgen für eine abwechslungsreiche Gestaltung, ziehen unterschiedliche Gäste an.

›Viele Freundeskreise engagieren sich gezielt in diesem Bereich und einige Häuser wurden oder werden von ihren Freundeskreisen mit Bildern ausgestattet. Dabei spielen immer lokale Bezüge eine wichtige Rolle‹, erzählt Eva-Maria Armbruster, Fachliche Geschäftsführerin der Altenhilfe. ›Die letzte Ausstellung haben wir mit einem Theaterstück eröffnet. Insbesondere die Bewohner haben so viel Kultur sichtlich genossen‹, schwärmt Regionalleiter Steffen Bucher.

Neben den genannten lokalen Bezügen bietet Kunst auch die Möglichkeit, sich thematisch mit dem Alter und dem Prozess des Alterns auseinanderzusetzen und über verschiedene Altersbilder zu reflektieren. Und die können so individuell sein, wie die Leute selbst. Erhält sich eine Person ihre Neugierde und profitiert von den Erzählungen von Mitarbeitern, die nicht in Deutschland geboren wurden oder jammert sie darüber, ›von Ausländern‹ gepflegt zu werden. Dazu Steffen Bucher: ›Seine Individualität nimmt man natürlich mit ins Alter. Die Zieglerschen setzen sich damit auseinander. In Zusammenarbeit mit der Gotthilf-Vöhringer-Schule haben wir in diesem Jahr versucht, die unterschiedlichen Sichtweisen aufs Alter zu berücksichtigen. Außerdem versuchen wir, unsere Betriebsabläufe hinter die Individualität zu stellen. Immer wieder die Person in den Vordergrund zu rücken, das ist uns wichtig.‹

Die Theatergruppe ›Dein Theater‹ formulierte diese Individualität in einem Stück so: ›Sie war immer schon ne einfache Frau und jetzt soll‘s an der Demenz liegen, dass sie keine hochliterarischen Bücher liest.‹«

Individualität wie in der Altenhilfe finden Sie auch im Dachgeschoss unseres Kunsthauses, das unsere letzte Station der Führung sein wird, liebe Besucher. Das Stockwerk des Hör-Sprachzentrums bietet unter anderem Platz für »Arbeit im Raum«. Junge Menschen haben hier im Kunstunterricht zudem freie Hand zum Experimentieren und können im Vergleich zu anderen Unterrichtsfächern wie Mathematik nichts falsch machen. Dadurch können sich gesunde Persönlichkeiten entwickeln. Wie das geht, zeigt Ihnen der Auszug aus der online-visAvie auf den Monitoren unter den Dachgeschoss-Fenstern. Bitte folgen Sie mir die letzten Treppenstufen hinauf.

»Am Anfang waren wir Kunstbanausen. Am Schluss haben wir die Kunst verstanden«. Mit diesen Worten haben sich Abschlussschüler bei ihrem Kunstlehrer Hans-Peter Lübke im Hör-Sprachzentrum Wilhelmsdorf verabschiedet. Da muss im Kunstunterricht wohl etwas passiert sein!

Für Lübke ist es »ein magischer Moment, der sich unscheinbar in der Schule ereignet und vor uns Außenstehenden verborgen ist«. Seine Schüler spüren, dass »da etwas ist«. Das Besondere bei dieser Selbsterfahrung ist, dass neben der Muse wichtige Tugenden wie Durchhaltevermögen, Geduld oder die Fähigkeit, in sich selbst zu ruhen, angesprochen werden. Bei ihrem Tun erschaffen die Künstler ein Medium, das zunächst keiner Versprachlichung bedarf. Das Medium spricht
für den Künstler. Die Bilder oder Plastiken sind später in den Schulhausfluren oder vor den Kunsträumen ausgestellt und regen jetzt zum Sprechen an. So haben Schüler einer fünften Klasse der Grundschule unter Anleitung von Dorothee Dick kleine Kästchen unte r dem Motto »Traumkästchen für Ali Mitgutsch« gestaltet, für das sie alle möglichen Dinge wie Weihnachtskugeln, Würfel oder Plastikpilze von zu Hause mitgebracht haben.

Das plastische Gestalten ist für Dorothee Dick und Hans-Peter Lübke ein wichtiger Bestandteil im Kunstunterricht, weil die Kinder ganz unterschiedliche Materialerfahrungen machen können, die in privaten Medien- oder Gameboy-Welten so nicht mehr möglich sind. Gerade das »Arbeiten im Raum«, das  dreidimensionale, räumliche Gestalten, ist für alle Schüler beruhigend und sie haben dabei die Möglichkeit, »konkret über sich selbst zu reflektieren«. Als Ergebnis ihres Tuns haben die jungen Künstler etwas Inneres veräußert und geben positive, aber auch negative Aspekte ihres Seelenlebens preis. Neben dieser Chance zur Selbstwahrnehmung haben speziell die Schüler in den Oberstufenklassen die Freiheit, ihre eigenen Themen zu entwickeln.

Haben Sie nun Lust bekommen, selbst den Pinsel, die Spraydose oder die Kreide in die Hand zu nehmen? Oder wollen Sie lieber Bildhauern oder Theater spielen?  Dann nichts wie los! Kunst kann jede Menge Freude machen! Sollten Sie Unterstützung benötigen, wenden Sie sich an Frau Kunst aus dem Kunsthaus der Zieglerschen. Die Kontaktdaten erhalten Sie von der Redaktion.

Autorenteam: Katharina Stohr, Annette Scherer, Harald Dubyk, Nicola Philipp, Jens Walter