Komasaufen, Flatrate-Parties... ist Sucht in?

Wie verändert sich Sucht und welche Tendenzen zeigen sich in der Praxis? Gespräch mit dem Experten Prof. Dr. Harald Rau, fachlicher Geschäftsführer der Suchtkrankenhilfe der Zieglerschen Anstalten.
■ Prof. Rau, die aktuelle Medienberichterstattung legt die Vermutung nahe, dass Sucht insgesamt jünger und aggressiver wird. Können Sie das aus der Praxis bestätigen?

Tatsächlich beobachten wir in den letzten Jahren eine stetige Zunahme an jungen Jugendlichen, die betrunken in Krankenhäuser eingewiesen werden. Doch dieser Trend ist offenbar „gefühlt“, denn die offiziellen Zahlen der Welt-Gesundheits-Organisation WHO sprechen eine andere Sprache. Während das durchschnittliche Einstiegsalter in den ersten Alkoholkonsum im Jahr 2002 noch 12,8 Jahre betrug, lag es vier Jahre später, im Jahr 2006, bei 13,2 Jahren. Auch das Alter der ersten Rauscherfahrung hat sich von 2003 bis 2006 nicht wirklich verändert und liegt konstant bei 13,9 Jahren. Unterm Strich haben wir also in der Masse keinen Trend zu immer jüngerem Einstiegsalter, jedoch hat sich der Geschlechterunterschied, der 2002 noch bestand, verringert und aufgelöst. Mädchen trinken inzwischen fast genau so früh und viel wie Jungen. Zur Aggressivität: Richtig ist, dass die Mehrzahl der Gewalttätigkeiten im Zusammenhang mit Alkohol- und Drogenkonsum stattfinden. Aber auch das ist kein neuer Trend, das war schon immer so.

Wenn Sucht weder jünger noch aggressiver wird: Welche Tendenzen nehmen Sie statt dessen wahr? Was hat sich verändert?

Die so genannte Polytoxikomanie nimmt zu: Immer mehr Betroffene konsumieren ganz unterschiedliche Substanzen, so dass der typische Heroin- oder Cannabisgebrauch immer seltener wird. Eine dramatische Zunahme beobachten wir bei den Verhaltenssüchten (siehe S. 6/7). In unseren Kliniken registrieren wir außerdem, dass der Anteil gesellschaftlich gut integrierter Patientinnen und Patienten kontinuierlich abnimmt und umgekehrt der Anteil von arbeitslosen, alleine lebenden und körperlich kranken Patientinnen und Patienten stets größer wird. Das hängt sicherlich auch mit einer immer verbesserten Versorgung in Wohnortnähe zusammen: Die ambulante Rehabilitation und die ambulante suchtmedizinische Behandlung werden immer besser, so dass die „leichteren“ Fälle gar nicht mehr zu uns in die Kliniken kommen.

Wie reagieren Sie auf diese neuen Herausforderungen?

Auf die zunehmende Bedeutung der Arbeitslosigkeit, der körperlichen Erkrankungen sowie der immer geringer werdenden sozialen Integration antworten wir mit entsprechenden Konzepten. So nehmen zum Beispiel die berufsbezogenen Anteile der medizinischen Rehabilitation zu: Wir führen immer häufiger Bewerbungstrainings und Betriebspraktika durch und trainieren mit unseren Patienten systematisch grundsätzliche Lebensfertigkeiten. In allen unseren Kliniken gibt es ein „soziales Kompetenztraining“, in dem schrittweise Grundfähigkeiten im zwischenmenschlichen Umgang eingeübt werden. Auf die nicht stoffgebundenen Abhängigkeiten haben wir uns bisher noch nicht speziell eingestellt. Das wird eine Aufgabe für die unmittelbare Zukunft.

Wird sich die Therapie durch die neuen Formen verändern?

In Details sicherlich schon, der grobe Rahmen wird aber gleichbleiben. Ein wesentlicher Aspekt aller Abhängigkeitserkrankungen, auch der Verhaltenssüchte ist ja, dass die Betroffenen durch die Abhängigkeit im Alltag und in zwischenmenschlichen Begegnungen immer mehr eingeschränkt werden und einen regelrechten Trainingsmangel im normalen Umgang erleiden. Medizinische Rehabilitation hat deshalb immer wesentlich mit der Verbesserung der gesellschaftlichen Teilhabe zu tun, also der Teilhabe am Arbeitsleben, an Freizeitmöglichkeiten und überhaupt an den Errungenschaften unserer Gesellschaft. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, weshalb und durch welches konkrete Suchtmittel diese Teilhabe gefährdet ist. In unseren Therapien spielen grundsätzliche Themen eine große Rolle: Stärkung des Selbstwertgefühls, der Kritikfähigkeit, der zwischenmenschlichen Fähigkeiten, des Durchhaltevermögens, der Selbst- und Fremdwahrnehmung und der Regulation von Nähe und Distanz.

Hat sich die Art des Suchthilfenetzwerkes verändert?

Die wohnortnahe Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen wird immer wichtiger, die Angebote in den einzelnen Landkreisen werden immer differenzierter. Dort entstehen zurzeit kommunale Suchthilfenetze, in denen zukünftig die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen im Einzelfall wie auch im Allgemeinen geplant wird. Wir selbst sind durch unsere Einrichtungen, insbesondere unsere Tagesrehabilitationen, in einige kommunale Suchthilfenetze eng einbezogen. Weitere Schritte haben wir unternommen, um unsere Arbeit in die wohnortnahen Angebote zu integrieren. So haben wir mit einigen Beratungsstellen konkrete Verträge geschlossen. In diesen Verträgen ist geregelt, dass unsere Patientinnen und Patienten bereits während der Behandlung bei uns Kontakt zur Beratungsstelle aufnehmen, so dass die Nachbetreuung so gut wie möglich in die Wege geleitet wird. Eine andere wichtige Verzahnung ist unsere immer enger werdende Zusammenarbeit mit den Südwürttembergischen Zentren für Psychiatrie. Auf diese Weise sind wir immer enger mit der stationären und teilstationären Entgiftung sowie mit der ambulanten Behandlung durch die Psychiatrischen Institutsambulanzen vernetzt.

Wie lässt sich eigentlich der Erfolg Ihrer Maßnahmen messen?

Ganz wichtig ist uns, dass die Patientinnen und Patienten die Behandlungsziele erreichen, die wir gemeinsam vereinbaren. An erster Stelle steht weiterhin die Abstinenz – bei möglichst hoher Lebensqualität. Außerdem ist uns wichtig, dass viele Patienten ihren Arbeitsplatz erhalten oder neue Arbeit finden und in ihrer Partnerschaft möglichst große Zufriedenheit erfahren. Diese Ziele sind alle mehr oder weniger gut messbar. Einen Teil dieser Messungen erhebt die Deutsche Rentenversicherung, einen anderen Teil erheben wir selber: wir schicken allen Patientinnen und Patienten ein Jahr nach der Entlassung einen Fragebogen, den uns zwischen 40 und 65 Prozent der Befragten beantwortet zurückschicken. Von diesen wiederum berichten ungefähr 60 Prozent, dauerhafte Abstinenz erreicht zu haben. Im Vergleich der Kliniken befinden wir uns damit in der oberen Hälfte, so dass wir mit dem Erreichten ganz zufrieden sind. Aber natürlich gibt es auch Fälle, in denen wir scheitern. Deshalb arbeiten wir immer weiter daran, unsere Behandlungsinhalte noch hilfreicher zu gestalten.

Die Fragen stellte Reinhard Siebert