Klischee oder Realität - führen Frauen anders?

Sind Frauen teamfähiger, kommunikativer, empathischer, kunden- und leistungsorientierter und haben besondere Führungskompetenzen? Wir haben die weiblichen Führungskräfte der Zieglerschen befragt.

Führen Frauen anders als Männer, Frau Armbruster?


Eva-Maria Armbruster,Fachliche Geschäftsführerin Altenhilfe:
»Die Frage, ob Frauen anders führen als Männer ist für mich nicht das eigentliche Thema, sondern die Tatsache, dass mehr Frauen in Führungspositionen müssen und die Frage, wie das geht. Wir können es uns nicht mehr leisten, die Hälfte der Gesellschaft draußen zu lassen. In den sozialen Berufen ist das Missverhältnis zwischen der Zahl der weiblichen Beschäftigten und ihren Anteilen in den Führungsetagen noch größer. Mir geht es prinzipiell darum, Frauen mehr teilhaben zu lassen und Führungspositionen ausgewogen zu besetzen. Es ist auch einfach für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen sinnvoll, weil wir nur so die Potenziale nutzen und Perspektiven für die Entscheidungsfindung erweitern. Wir müssen das wollen, Strategien dazu entwickeln, Ziele vereinbaren, umsetzen. Es gilt dabei Hemmnisse klug anzuschauen und abzubauen. Klassiker, wie Diskussionen um die besonderen Führungsqualitäten der Frau oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf haben uns in der Vergangenheit in die Sackgasse geführt. Es geht nicht nur Frauen so, dass Beruf und Privatleben mühsam zu vereinbaren sind. Führungspositionen müssen für Frauen und Männer lebenswert sein. Und Fakt ist: Frauen in Führungspositionen haben es zu 99,99 Prozent mit Themen zu tun, die auch Männer bewegen und umgekehrt. Wenn wir künftig Führungspositionen gut besetzen wollen, müssen wir diese lebbar und erreichbar gestalten. Meine Botschaft für uns Frauen in den Zieglerschen: Wir sollten einander einladen, Führungspositionen ausgewogen zu besetzen. Das heißt, einander ansprechen und ermutigen und inspirieren. Dazu gehört auch, dass wir Männer mit ins Boot nehmen. Wir brauchen Lust auf diese Strategien.«

»Mir geht es prinzipiell darum, Frauen mehr teilhaben zu lassen und  Führungspositionen ausgewogen zu besetzen. Es ist auch einfach für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen sinnvoll, weil wir nur so die Potenziale nutzen und Perspektiven für die Entscheidungsfindung erweitern.«
Eva-Maria Armbruster

  »Meiner Ansicht nach sind gerade in qualifizierten Berufen emanzipatorische Bemühungen nicht mehr erforderlich und eher nostalgisch, da es an Frauen selber liegt, ihr Leben zu gestalten – es hindert sie nichts und niemand mehr,
wie es vor 30 Jahren vielleicht noch gewesen ist.«
Dr. Ursula Fennen  »Egal ob Mann oder Frau, es sollte nach fachlicher und persönlicher Kompetenz
entschieden werden, wenn es um die Besetzung von Führungspositionen geht. Ich denke, dass Männer und Frauen Rollen unterschiedlich ausfüllen. Das ist gut so, denn wir können voneinander profitieren.«
Ursula Belli
Bilderstrecke: Frauen in Führungspositionen in den Zieglerschen (4 Bilder).

Frauenthemen, ein Thema für Sie, Frau Dr. Fennen?

Dr. Ursula Fennen, Fachliche Geschäftsführerin Suchthilfe:
»Ich selber mag ›Frauenthemen‹ nicht besonders, da ich meine Arbeit mache und meinen Weg gehe, weil ich bin wie ich bin. Ich denke, dass die Diskussion um Mehrfachbelastung, Gleichstellung usw. Frauen eher diskriminiert, als dass es sie stärkt, da der Anschein erweckt wird, Frauen bräuchten besondere Unterstützung, um beruflichen Anforderungen gewachsen zu sein, denen Männer seit Jahrhunderten nachkommen. Meiner Ansicht nach sind gerade in qualifizierten Berufen emanzipatorische Bemühungen nicht mehr erforderlich und eher nostalgisch, da es an Frauen selber liegt, ihr Leben zu gestalten – es hindert sie nichts und niemand mehr, wie es vor 30 Jahren vielleicht noch gewesen ist. Gleichwohl ist das sicherlich den Frauen zu verdanken, die damals laut und offensiv die Gleichberechtigung eingefordert haben. Heute sind wir Frauen bildungsmäßig nicht benachteiligt, so dass eine Frau genauso wie ein Mann wählen kann, wie sie leben will und wie nicht. Sie kann wählen, ob sie nach einer Schwangerschaft zu Hause bleiben oder arbeiten gehen möchte. Sie kann wählen, ob sie Karriere machen möchte oder nicht. Ich selber habe mein erstes Kind als stellvertretende Ärztliche Direktorin, mein zweites Kind als Chefärztin bekommen und in beiden Fällen, etwas weniger als sonst, aber bis eine Woche vor der Entbindung gearbeitet. Nach den Geburten war ich sechs bzw. vier Monate zu Hause und habe dann jeweils in Teilzeit meine Tätigkeiten wieder aufgenommen. Solche Entscheidungen haben mit der familiären Situation zu tun, mit persönlichen Möglichkeiten und dem Bewusstsein, in einer Führungsposition nicht nur meinem Kind gegenüber, sondern auch meinem Arbeitgeber und meinen Mitarbeitern in einer Verantwortung zu sein. Die Herausforderung ist es, den Mittelweg zu finden und die Prioritäten stets so zu setzen, dass die Kinder an oberster Stelle stehen.«


Welche Mischung macht‘s, Frau Belli?

Ursula Belli, Fachliche Geschäftsführerin Hör-Sprachzentrum:
»Egal ob Mann oder Frau, es sollte nach fachlicher und persönlicher Kompetenz entschieden werden, wenn es um die Besetzung von Führungspositionen geht. Ich denke, dass Männer und Frauen Rollen unterschiedlich ausfüllen. Das ist gut so, denn wir können voneinander profitieren. Ob in Leitungspositionen oder in der Mitarbeiterschaft – eine Durchmischung ist gut. Klar fällt auf, dass im Vergleich weniger Frauen Führungspositionen besetzen, mit Ausnahme des schulischen Bereiches. Gerade in der Schule sind günstige Voraussetzungen durch Ferien oder Stundenplan gegeben, die sich mit denen der Kinder decken. Deshalb ist für mich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer noch ein zentrales Thema. Jede voll berufstätige Mutter kennt wohl das Gefühl, Rabenmutter zu sein, wenn Sitzungen nicht pünktlich beendet werden und die Kinder zu Hause warten. Die Bedingungen, um beides unter einen Hut zu bringen, sollten noch verbessert werden. In dieser Sichtweise sehe ich mich durch Gespräche mit meinen ostdeutschen Kolleginnen bestätigt, die eine ganz andere berufliche Sozialisation erfahren haben. Generell bin ich mir nicht sicher, ob Frauen Führung wirklich übernehmen wollen. Ich habe oft das Gefühl, dass sie sich diese Aufgabe nicht zutrauen. An dieser Stelle kann ich nur ermutigen: Ich habe in meiner Leitungsfunktion viel lernen und mich persönlich weiterentwickeln können. Allerdings habe ich die Unterstützung bekommen und konnte in die Arbeit hineinwachsen.«

Nachgefragt von: Katharina Stohr