Klassischer Unterricht? »Ab und zu, eher selten«

Das neue, innovative Schulkonzept der Leopoldschule Altshausen nimmt Stück für Stück Gestalt an – genau wie das Gebäude, in dem es bald umgesetzt wird.  Bericht über eine Schule im Wandel.
■ »Schwups«, seufzt das Radieschen erleichtert, als es gerade noch rechtzeitig von der Kante des Silbertabletts zurück zum benachbarten Salatblatt in der Mitte rollen kann. Beinahe wäre das mit Zacken gekrönte Vitamin-Kunstwerk auf den Filz-Boden des Cafè Kollegiale gepurzelt. Nicht dran zu denken, wenn es dabei von den zig umher huschenden Schülerfüßen zertreten worden wäre. Füße, deren Besitzer haufenweise belegte Platten in jenes Zimmer tragen, das normalerweise als Textiler Werkraum dient, statt ein Gaumen-Fest voller Köstlichkeiten zu beherbergen. Noch immer lächelt das Radieschen ob seiner Rettung in sich hinein: So gerne lässt es sich nachher von einem der 52 Lehrerinnen und Lehrer des Hör-Sprachzentrums Altshausen genüsslich vernaschen.

Die Lehrer unterrichten um diese Uhrzeit gerade noch 300 hörsprachgeschädigte Schülerinnen und Schüler der Grund‑, Werkreal- und Realschule. Auf vier Schulgebäude verteilt, und: äußerst flexibel und im System so bunt und knackig wie der Inhalt der kalten Platten, die sich mittlerweile im Textilen Werkraum auftürmen. »Neues Schulkonzept«, heißt die kurze Zusammenfassung des Modells, das an jeder Ecke des weitläufigen Schulgeländes zu spüren ist und welches seine Vollendung im schmucken Neubau, der im neuen Schuljahr fertiggestellt sein soll, finden wird. Dann nämlich wird das gesamte Hör-Sprachzentrum Altshausen in Leopoldschule umgetauft und die Schüler aller nachfolgenden Jahrgänge werden in verschiedene Gruppen gemischt und auf zwei Lernzonen verteilt.

Lernzone, wie bitte? Ja, aber langsam, das ist noch nicht alles: Input, Kompetenzplan, Wochenplan, Werkstatt, Studio, Planungshilfe, Auszeit, grüne Au und vieles mehr. Sie verstehen nicht mehr? Keine Bange, das wird sich legen! Anja Mayer-Pelzl sitzt hilfsbereit im Café Kollegiale im Unterstufenhaus und gibt gerne Auskunft: »Idee des neuen Schulkonzepts im Neubau ist, Klassenstufen und Altersgruppen gemischt zu unterrichten«, sagt die Lehrerin und erläutert, dass ein zwölfköpfiges Lehrerteam des Hör-Sprachzentrums Altshausen dieses Konzept seit eineinhalb Jahren mit den Klassenstufen 5 und 6 der Werkreal- und Realschule erprobt und ständig weiterentwickelt. »Unsere Schüler sollen dabei lernen, eigenverantwortlich und selbstorganisiert in ihrem eigenen Rhythmus zu arbeiten, sich selbst zu kontrollieren und zu reflektieren und sich wenn nötig Beratung bei den Lehrern zu holen.« Dabei bedarf es verschiedenster Neuerungen, sowohl für Lehrer, Schüler als auch Eltern. »Wir befinden uns derzeit in der Vorstufe zu den Kompetenzplänen«, sagt Anja Mayer-Pelzl.

»Das ist eine Art Stoffplan«, fährt sie fort, »er gibt dem Schüler eine Übersicht über alle Kompetenzen, die in den jeweiligen Fächern erreicht werden sollen und können«. Aha – und was geschieht damit? »Der sogenannte Wochenplan enthält die dafür notwendigen Übungen und Arbeitsschritte, die vom Lehrer für den Schüler aufbereitet werden«. Laura* aus der sechsten Klasse Werkrealschule, die einen Stock höher sitzt, bringt weiteres Licht ins Dunkel: »Das ist ganz einfach«, sagt sie, hängt ihre orangefarbene DINA4-Planungshilfe von der Wand ab und zeigt auf das darauf abgebildete Wochenraster. »In allen Feldern, in denen WP für Wochenplan steht, kann ich selbst entscheiden, was ich wie mit wem lerne«. Jede Woche erhält sie dazu von ihrer Lehrerin einen Wochenplan, auf welchem frei einteilbare Aufgaben für verschiedene Fächer stehen. »Wenn ich mich in der WP-Einheit montags um 9:30 Uhr zum Beispiel nicht auf die Wochenplan-Aufgabe in Mathe konzentrieren kann, arbeite ich einfach an der Sagen-Werkstatt in Deutsch weiter oder frage meine Schulkolleginnen, ob sie mit mir zusammen Mathe lernen. Ich kann aber auch zu meiner Lehrerin gehen und fragen, ob sie mir hilft oder etwas nochmals erklärt.« Dann fährt ihr Finger auf der Planungshilfe zur Spalte Dienstag in der Zeile 10.45 Uhr, auf welcher Englisch steht. »Diese Fächer sind fix und finden in jeder Woche zur selben Zeit statt.« Laura gefällt diese Art von Unterricht.

Das findet auch Marie*, die in derselben Lernzone sitzt. Ruhig sollte es hier sein, weswegen überall entsprechende Plakate hängen. Die »Flüsterkultur« bedürfe noch der Übung, sagt Anja Mayer-Pelzl, die den Weg zu Maries Raum weist. Die schwerhörige Schülerin mit Cochlea-Implantat hinterm linken Ohr war zuvor an einer Regelschule. »Mir gefällt es hier viel besser als an der anderen Schule«, antwortet Marie und strahlt, nachdem sie die Frage über den Funkwellen-Sender ihrer Lehrerin empfangen hat.

Soeben hat Marie eine »Projektwoche Steinzeit« der Stufe 5 von Werkreal- und Realschule hinter sich. Gleich mehrere Schulfächer konnten mit der Projektwoche  bedient werden, lässt ihre Lehrerin Anja Fluhr wissen: Projektstart in Englisch mit der Filmvorführung von »Die Höhle von Lascaux«, im Fach Deutsch wurde das Lesetagebuch »Mit Jeans in die Steinzeit« durchgenommen, Pappmaché-Sandbilder mit Höhlentieren entstanden im Fach Bildende Kunst, in Technik wurden Schalen und Krüge aus der Steinzeit hergestellt und im Fach Welt-Zeit-Gesellschaft waren Arbeitsblätter mit Fragen zur Steinzeit zu bearbeiten.

Als Ausklang zur Projektwoche erstellt Maries Klasse derzeit ein Steinzeitbüchlein, in welchem alle Arbeitsblätter gesammelt werden und für welches ein Deckblatt entstehen soll. Manche Kinder bemalen mit Buntstiften ihr Deckblatt, andere sitzen zusammen über einem Buch und reden leise, andere schreiben und Tom* ist schon fertig mit der Aufgabe und freut sich riesig, als sein selbst gemaltes Deckblatt fotografiert wird. »Wir orientieren uns hier am Maßstab der Regelschulen und am erforderlichen Abschluss«, sagt Lehrerin Rebecca Kern und blickt auf ihre arbeitende Klasse. Mit dem neuen Schulkonzept können sie und ihre Kollegen jedoch auf individuellste Weise auf ihre hör-/sprachgeschädigten Schützlinge eingehen und stärkere und schwächere Schüler entsprechend fördern. Dies sei wichtig, sagt sie, und betont, dass oft auch gerade das Selbstbewusstsein für Schüler, die von Regelschulen ins Hör-Sprachzentrum kommen, gestärkt werden müsse. »Unsere Schüler erleben sich hier als Jemand, der was kann.« Als Hauptmerkmal des neuen Schulkonzepts sieht sie die individuelle Förderung der Kinder und deren positive Bestärkung.

Zusammen mit Kollegin Anja Fluhr betreut sie seit dem Schuljahr 2011/2012 die 5. Klasse der Werkrealschule nach dem neuen Schulkonzept. »Für uns war das relativ normal, weil wir mit der Klasse von Anfang an so gearbeitet hatten. Die Schüler arbeiten motiviert und ich habe noch nie von einem Schüler gehört, dass etwas doof ist oder dass etwas nicht geht«, sagt Anja Fluhr. Im Unterschied zu Lauras Klasse erstellen die beiden Lehrerinnen täglich gemeinsam mit ihren Schülern einen neuen Stundenplan, der feste Fächer genauso berücksichtigt wie die Einsatzmöglichkeit von weiteren Lehrerkollegen. Manchmal ist das knifflig: »Unser Wochenplan steht und fällt mit dem Personal«, sagt Anja Fluhr. Und dennoch klappt es bislang immer. »Wir haben das große Glück, in einem sehr gut funktionierenden Lehrerteam zu arbeiten«, sagt sie.

Doch wie ist das nun mit klassischem Schulunterricht? »Ab und zu, eher selten«, sagt Anja Mayer-Pelzl und fährt fort: »Manchmal ist es sinnvoller, Frontalunterricht an der Tafel zu machen und Lehrinhalte vor der Gruppe zu erklären – ›Input‹ nennt sich das. Wenn die Schüler alle Infos haben, gehen sie raus und arbeiten dann an ihrem ›Arbeitsplatz‹ ruhig vor sich hin.« Und um die Palette möglicher Arbeitsformen des Wochenplans zu komplettieren, fährt sie fort: »Außerdem gibt es noch die ›Werkstätten‹, in welchen die Kinder Unterlagen bekommen, die sie selbstständig in Gruppen oder einzeln erarbeiten können.«

Auch für diese individuellen Anlässe wird das neue Schulgebäude entsprechende Räumlichkeiten aufweisen, erklärt Schulleiter Joachim Sindermann, als er sich im benachbarten Rohbau einen Weg zwischen Gipssäcken und Handwerkern bahnt. Neben den großflächig angelegten und hellen Lernzonen auf zwei Etagen schmiegt sich beispielsweise jeweils ein Studio an, in welchem Schüler und Lehrer später ruhige Auszeiten nehmen können. Noch bedarf es ein bisschen Fantasie, sich das fertiggestellte Objekt vorzustellen. Zu glauben, dass es bis ins Detail durchdacht und dem Schulkonzept angepasst ist, fällt jedoch jetzt schon leicht. »In diesem Gebäude ist nichts zufällig konzipiert«, sagt Joachim Sindermann als er in der zukünftigen Schulaula, der »Grünen Au« steht, deren Name auf Psalm 23 verweist.

Vorhandene Strukturen aufzubrechen, zu verwandeln und zu ändern, Neues zu entwickeln und Prozesse zu durchleben braucht Zeit. Dass vereinzelt Skepsis im Lehrerkollegium oder bei Eltern zu finden war, gehöre dazu, sagt Joachim Sindermann. »Wir haben mit den Eltern besprochen, dass in der Anfangszeit Geduld notwendig ist.« Lehrerin Melanie Sonntag hat ebenso erlebt, dass Eltern ihrer Schüler bei Einführung des Schulkonzeptes skeptisch waren und immer wieder fragten: »Wie soll das alles nur funktionieren?« Heute hört sie oft solche Sätze von Eltern: »Unsere Kinder sind relaxter und entspannter.« Das liege beispielsweise daran, dass es keine zusätzlichen Hausaufgaben mehr gibt oder weil viel mehr Zufriedenheit wegen des individuellen Unterrichts aufkommt.

Zurück im Unterstufenhaus, dem Schulgebäude von Laura und Marie. Es klingelt laut zur großen Pause – Hauptansturmzeit im Cafè Kollegiale. Anja Mayer-Pelzl bedient mittlerweile ihre Kollegen. Die Lehrerteams jedes Schulhauses verwöhnen einmal im Jahr alle Mitarbeitenden des Hör-Sprachzentrums Altshausen mit Frühstücks-Leckereien. Eine schöne Gelegenheit, um miteinander ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen und über den aktuellen Stand des Schulkonzeptes zu sprechen.

Von Katharina Stohr