175 Jahre Hör-Sprachzentrum

»Schlaglichter aus 175 Jahren Taubstummenarbeit in den Zieglerschen«. Mit diesem Vortrag eröffnete die Historikerin Inga Bing-von Häfen im April im Kornhaussaal Ravensburg die ganz unterschiedlich bestückte Veranstaltungsreihe des Hör-Sprachzentrums, mit der das große Jubiläum 2012 auf besondere Art gefeiert wird.
■ Inga Bing-von Häfen entführte die Zuhörer der gut besuchten Veranstaltung in die Geschichte des heutigen Hör-Sprachzentrums. Dabei sparte die Historikerin nicht mit Anekdötchen und denkwürdigen Passagen. So erzählte sie vom jungen Lehrer August Friedrich Oßwald, der 1830 nach Wilhelmsdorf kam und zuvor eine Ausbildung zum Taubstummenlehrer durchlaufen hatte: »Nun klingt diese Aussage für uns heute völlig normal: Er hat eine Ausbildung zum Taubstummenlehrer durchlaufen. Für die damalige Zeit war die Existenz eines eigenen Ausbildungsberufs für die Beschulung taubstummer Menschen jedoch alles andere als normal. Die Zeiten, in denen Mediziner ›Schwefelbäder, Schwitzen und Diät sowie das Behängen der Ohren mit heißgebackenen Kümmelbrötchen‹ als Rezept gegen Taubheit empfahlen, waren nicht allzu lange vergangen. Ernstzunehmende Versuche, taubstumme Menschen schulisch zu betreuen, gab es vor dem beginnenden 19. Jahrhundert nur in exklusiven Einzelfällen. Taubstumme galten ebenso wie überhaupt Menschen mit Behinderungen gemeinhin als bildungsunfähig, sie hatten kaum Aussicht auf ein eigenständiges berufliches Auskommen und fristeten ein Dasein am Rande der Gesellschaft.«

Beinahe zwei Jahrhunderte sind seither vergangen. Das Leben hörgeschädigter Menschen hat sich nicht zuletzt durch den verwandelten Fokus im Bildungsbereich geändert. Dies macht das im Jahr 2011 entstandene Filmprojekt »Der rote Schal« des Hör-Sprachzentrums Wilhelmsdorf deutlich: Die hörende Vera und der gehörlose Richard lernen sich über einen Chat kennen. Sie verabreden sich in der Bücherei, wo es zu Missverständnissen kommt. Denn Vera weiß nicht, dass Richard gehörlos ist und sich nur über Gebärden verständigen und nicht laut sprechen kann. Die junge Frau taucht im weiteren Verlauf des Films in die gehörlose Welt von Richard ein und lernt, ihn zu verstehen. 25 hörgeschädigte Schüler und 12 Lehrer aus Grund- und Hauptschule des Wilhelmsdorfer Hör-Sprachzentrums, eine Filmidee und sehr viel Ausdauer und Kreativität machten wieder einmal möglich, dass das Hör-Sprachzentrum einen ersten Bundespreis und einen weiteren regionalen Filmpreis abräumte.

Doch stand für die Filmemacher ein ganz anderes Anliegen im Vordergrund: Die Zuschauer sollten in die Welt der Gehörlosen schauen und diese verstehen. »Ich lebe in zwei Welten«, sagt die schwerhörige Linda, »eine gehörlose und eine schwerhörige Welt und die andere, die hörende Welt«. Schon oft hat die 15-Jährige erfahren, wie anstrengend es ist, wenn sie ihre hörenden Mitmenschen nicht versteht und dass diese genervt reagieren können, wenn sie in einer Unterhaltung nochmals nachfragt.

Dass die Handlung im Film plötzlich auf Stummfilm umschwenkt zeigte Wirkung: »Damit kann man sich vorstellen, wie es ist, wenn man nicht hören kann«, meinte
eine junge Regelschülerin bei einer Sondervorführung im Kinozentrum Linse im anschließenden Austausch mit den Filmemachern, der von einer  Gebärdendolmetscherin unterstützt wurde. Ziel erreicht? Ja! Hörend traf Gehörlos. Oder um es in den Worten von Anke Trostel, der Projektassistentin des Films auf den Punkt zu bringen: »Alle Menschen sind gleich! Egal ob hörend oder taub!«

Nochmaliger Rückblick: Im Jahr 1837 entstand die seinerzeit revolutionäre Taubstummenanstalt in Wilhelmsdorf – am 7. Januar 1838 zog »der erste Zögling in den Oßwaldbau ein«, so Inga Bing-von Häfen in ihrem Vortrag. Heute unterrichtet das Hör-Sprachzentrum 1.323 Schülerinnen und Schüler in einem Schulverbund mit 11 Standorten in vier Landkreisen, drei Internaten und 102 Internatsplätzen. Weitere 1.000 Kinder finden darüber hinaus in ambulanten Angeboten Hilfe. Der Anteil der hörgeschädigten jungen Menschen liegt insgesamt bei etwa zehn Prozent.

Den weit gröSSeren Teil der täglichen Aufgaben der insgesamt 394 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nimmt die Sprachheilpädagogik ein. Kinder und Jugendliche mit Problemen beim Sprechen finden auf vielfältigste Art und Weise Unterstützung, die direkt auf sie abgestimmt ist: sei es durch Beratungen, in Schulkindergärten, Förderschulabteilungen, Grund-, Haupt- und Realschulstufen und Internaten.

Bei alldem gehört im Hör-Sprachzentrum das gesellschaftliche Thema Inklusion seit zwei Jahren wie selbstverständlich dazu. Beispielweise begleiten mehr als 50 Kooperationslehrer/innen des Hör-Sprachzentrums 120 Schüler/innen mit Hörschädigung an 87 Regelschulen und 471 Schüler/innen mit Sprachbehinderung an 92 Regelschulen vor Ort. Andererseits unterrichtet das Hör-Sprachzentrum 36 Schüler/innen an zehn Schulstandorten inklusiv, indem diese Schüler an einer  Regelgrundschule gemeinsam von einer Grundschullehrerin und einer Sprachheillehrerin unterrichtet werden – mit positiver Resonanz von allen Seiten.

Was mit »Inklusiver Beschulung« als ein Beispiel von vielen genannt wird, soll die stetige Entwicklung des Hör-Sprachzentrums verdeutlichen, die sich auch im » Zeitstrahl auf den Seiten dieses Titelthemas widerspiegelt. Wenn es um fachliche Innovationen geht, mischt das Hör-Sprachzentrum immer ganz vorne mit, um auf dem aktuellsten Stand zu sein. So auch das Hör-Sprachzentrum Altshausen, welches seit zweieinhalb Jahren ein Schulkonzept entwickelt – total neu, frisch und revolutionär. Genauso typisch, wie der Taubstummenlehrer August Friedrich Oßwald vor mehr als 175 Jahren.

Autorenteam Titelthema und » Zeitstrahl: Katharina Stohr, Sabine Auch-Schwarz, Ursula Belli-Schillinger