31 Millionen Euro in den Sand gesetzt?

Ist Sprachförderung im Kindergarten reine Geldverschwendung? Das wird derzeit heftig diskutiert. Nein, sagen die Experten des zieglerschen Hör-Sprachzentrums: »Es kommt darauf an, wie man es macht«
■ Für hitzige Diskussionen sorgten die Ergebnisse eines Sprachförderprojektes für Vorschulkinder Ende April. Demnach soll das Projekt »sag mal was«, das von der Landesstiftung Baden-Württemberg mit 31 Millionen Euro finanziert wurde, nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt haben. Die geförderten Kinder sollen den Studien zufolge nicht besser Deutsch sprechen als nicht geförderte Kinder. Bringt Sprachförderung im Kindergartenalter tatsächlich nichts? Reicht es aus, wenn die Förderung in der Schule beginnt?

»Nein«, sagt Ursula Belli, fachliche Geschäftsführerin und Direktorin des Hör-Sprachzentrums der Zieglerschen. »Gerade in der Sprachförderung ist es wichtig, so früh zu beginnen wie nur möglich. « Mit Blick auf den Medienaufschrei, die Sprachförderung bringe doch gar nichts, wiederholt sie: »Je früher, desto besser« und setzt fort: »Kindern, die früh gefördert werden, bleibt etwas erspart. Denn wer sich nicht ausreichend verständigen kann, erlebt Misserfolge im Kontakt mit anderen Menschen. Das kann zu Problemen mit dem Selbstwertgefühl führen. Kinder nehmen ihre eingeschränkten sprachlichen Fähigkeiten teilweise schon sehr früh als Defizit wahr. Dies gilt es zu verhindern.« Außerdem seien wir Menschen Gemeinschaftswesen: »Sprache ist das Kommunikationsmittel in unserer Gesellschaft. Mangelnde Sprachkompetenz grenzt Kinder aus und schränkt ihr soziales Leben ein.«

Uschi Matt, Leiterin der mobilen Sprachberatung am Sprachheilzentrum Ravensburg, trägt seit dem Jahr 2003 das »Ravensburger Modell« in verschiedene Kindergärten nach außen. Das »Ravensburger Modell« ist eines von vielen Sprachförderangeboten im Lande und in seiner Art doch einzigartig. Wie fördere ich die Sprache bei Kindergartenkindern, damit sie in der Schule gut starten können? Wie können Kinder ihr Hören sensibilisieren? Wie fördere und stärke ich die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten von Kindern? – all diese Aspekte beinhaltet das spezielle Programm, um Erzieherinnen in der Sprachförderung fit zu machen. Das »Ravensburger Modell« will eine Grundlage für den schulischen Lernerfolg schaffen. Theorie und Praxis gehen dabei einher. Was zuvor theoretisch gelernt wurde, wird im Kindergarten umgesetzt, besprochen und  abermals erprobt. Update-Fortbildungen und Coaching von Erzieherinnen runden das Modell ab.

»Das Programm ist nur so gut wie die, die es umsetzen«, sagt Uschi Matt zu den umstrittenen Ergebnissen von »sag mal was«. Zudem sei unklar, ob die Kinder in den Untersuchungen aus den Jahren 2005 und 2006 tatsächlich zu der Zielgruppe gehörten, für die das Programm »sag mal was« zugeschnitten wurde. Schlüssel für eine erfolgreiche Sprachförderung sind für Uschi Matt individuelle Lösungen, die zur Region, zum Kindergarten und zur Situation passen müssen. Das Ravensburger Modell etwa entwickle sich stetig weiter. Und eine wichtige Zutat im Erfolgsrezept a la Matt lautet: »Dort, wo eine Erzieherin mit Liebe herangeht und das Kind mit Liebe anschaut, dort wird es gelingen.«

»Wir sehen die Fortschritte und erhalten entsprechende Rückmeldungen der Eltern«, sagt Ursula Belli auf die Frage nach dem Erfolg des »Ravensburger Modells« und betont noch einmal, wie wichtig die Sprachförderung ist: »Sprache macht uns als Menschen aus. Damit sich Kinder entfalten können, benötigen sie Sprache.«

Zwischen 60 bis 100 Fortbildungen mit dem »Ravensburger Modell« gibt Uschi Matt pro Jahr, durchschnittlich nehmen 20 Erzieherinnen an einer Fortbildung teil. Hat sie bislang in den umliegenden Landkreisen gefördert, liegen mittlerweile sogar Anfragen aus Köln und Bratislava vor. In einem Landkreis hat sich das »Ravensburger Modell« besonders gut eingelebt. Der Landkreis Biberach bietet für die Sprachförderung im Kindergarten ausschließlich das »Ravensburger Modell« an. Dr. Monika Spannenkrebs vom Kreisgesundheitsamt Biberach organisiert und begleitet das Projekt fachlich und ist Mitglied des Arbeitskreises Sprachförderung der Bruno-Frey-Stiftung. Die hat für das Jahr 2009/2010 bereits 300.000 Euro zur Sprachförderung im Landkreis Biberach bereitgestellt.

»Sprachförderung im Vorschulalter ist der wichtigste Baustein aller vorschulischen Förderangebote«, sagt Dr. Monika Spannenkrebs. Sprache entscheide am meisten über die schulische Laufbahn der Kinder. Die Zahlen aus dem Förderjahr 2007/2008 sprächen für sich – dabei erläutert sie die Ergebnisse eines Tests: Bei Kindern, die im letzten Kindergartenjahr sprachlich gefördert wurden, wurde unter anderem das »Nachsprechen von Sätzen« getestet. 66 Prozent der getesteten Kinder waren dabei sprachauffällig. Ein Jahr später waren es noch 11 Prozent. »Das ist eine dramatische Verbesserung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ohne Sprachförderung möglich gewesen wäre«. Weiter führt sie sogenannte Risikokinder an, die in mehreren Untertests sprachauffällig waren. Vor der Förderung lag der Anteil der Risikokinder bei 34,4 Prozent – nach der Förderung bei 2,6 Prozent. Nur diese 2,6 Prozent müssten nun eine Sprachtherapie beanspruchen. Zudem zeige die steigende Zahl der Fördergruppen im Landkreis Biberach, dass die Nachfrage nach Sprachförderung groß sei: Im Jahr 2006 waren es 58 Fördergruppen, im Jahr 2008 131 Fördergruppen mit jeweils sechs Kindern und insgesamt etwa 100 Erzieherinnen. »Wir ahnen jetzt schon, dass diese Zahlen im Förderjahr 2009/2010 überschritten werden.«

Besser sprechen können durch die Sprachförderung ist das eine – verbessertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen der Förderkinder das andere – das stellte die Arbeitsgruppe der Bruno-Frey-Stiftung fest. Und dann ist da ein weiterer Punkt, von dem Dr. Spannenkrebs berichtet und der ihr sehr zu denken gegeben habe: Bei der Fachtagung zu »sag mal was« habe ein ausländischer Fachteilnehmer geraten, beim Thema Migration und allen schon fachlich vorhandenen Bemühungen in der Sprachförderung das Herz nicht zu vergessen.

von Katharina Stohr