Was macht eigentlich ... ein Arbeitserzieher?

Interview mit Rainer Talmon, Dozent an der Gotthilf-Vöhringer-Schule in Wilhelmsdorf. Dort leitet er die traditionsreiche und bundesweit bekannte Ausbildung zum/zur Arbeitserzieher/in.
■ Herr Talmon, Arbeitserzieher spielen in vielen Hilfearten, in denen die Zieglerschen tätig sind, eine wichtige Rolle. Was machen sie eigentlich konkret?

Vereinfacht gesagt: Arbeitserzieher helfen Menschen dabei, die für sie richtige Arbeit zu finden und sie auszuüben.

Und wie geht das?

Ein wichtiger Teil ist die berufliche Bildung. Mit behinderten Menschen erarbeiten Arbeitserzieher/-innen zum Beispiel gemeinsam Ziele für einen Bildungs- und Eingliederungsplan. Sie setzen bei deren Kompetenzen an, vermitteln Grundqualifikationen und ermöglichen weitergehende Förderung. Sozial benachteiligte und behinderte Jugendliche, die nicht in der Lage sind, eine normale Lehre zu machen, erhalten in Förderlehrgängen Hilfen für die Berufswahl und eine entsprechende Vorbereitung, etwa auf eine sogenannte Werkerausbildung. Ein weiterer wichtiger Punkt, den Arbeitserzieher mit den betroffenen Menschen erarbeiten, ist das Erreichen von Schlüsselqualifikationen wie Motivation, Leistungsbereitschaft, Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Diese Qualifikationen sind oft entscheidender für eine Eingliederung in Arbeit als fachliches Wissen und Können. Erst durch die professionellen Hilfen der Arbeitserzieher wird für viele Menschen ein Einstieg in die Arbeitswelt möglich.

Sie sagten, dass Arbeitserzieher auch konkret dabei helfen, eine Arbeit auszuüben. Wie funktioniert das?

Sie sorgen zum Beispiel dafür, dass die von ihnen betreuten Menschen die vorhandene Arbeit in der geforderten Qualität, aber auch termingerecht erledigen können. Sie müssen Arbeit deshalb so organisieren, dass der Druck der Auftraggeber nicht an die Klienten weitergegeben wird. Es ist also einerseits Aufgabe der Arbeitserzieher anzuleiten, auszubilden, Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, zu fördern und zum anderen zu beraten, zu begleiten und persönlichkeitsbildend zu wirken.

Wo werden Arbeitserzieher eingesetzt?

Sie haben ein sehr breit gefächertes Aufgabengebiet: in traditionellen Arbeitsgebieten wie Psychiatrie, Suchtkrankenhilfe und Werkstätten für behinderte Menschen, in der beruflichen und medizinischen Rehabilitation, in Integrationsprojekten und Justizvollzugsanstalten. Oder in Einrichtungen für Langzeitarbeitslose und in der Wohnungslosenhilfe. Auch Berufsbildungswerke, Berufliche Trainingszentren, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in erlebnispädagogischem Einrichtungen und die Arbeit mit Senioren gehören zum Aufgabenspektrum. Gerade im Bereich der stationären und ambulanten Jugendhilfe wurden die Arbeitserzieher bereits vor einigen Jahren als vollwertige Fachkraft anerkannt und finden dort zunehmend neue Arbeitsfelder.

Was lernen Arbeitserzieher?

Das vielfältige Spektrum an Arbeitsmöglichkeiten muss sich natürlich auch in der Ausbildung widerspiegeln. So lernen unsere Studierenden in Pädagogik, Psychologie, Psychopathologie und anderen Fächern die Grundlagen sozialpädagogischer und sonderpädagogischer Arbeit. Weiter werden handwerkliche Techniken und musische Inhalte vermittelt und praktisch erprobt. Ein zentrales Fach ist Didaktik und Praxis. Hier wird auf dem Hintergrund der Theoriefächer vermittelt, wie Menschen so angeleitet werden, dass an den vorhandenen Kompetenzen angesetzt wird, um neue Fertigkeiten und neues Wissen zu erlernen. In Arbeitserziehung und Arbeitstherapie lernen die Studierenden, welche Bedeutung Arbeit hat und wie diese zur Integration aber auch diagnostisch und therapeutisch eingesetzt werden kann. In zwei zwölfwöchigen Praktika können die Studierenden das Gelernte im konkreten praktischen Alltag erproben und umsetzen.

Wie sinnvoll sind Werkstätten für behinderte Menschen?

Die Werkstatt ist und bleibt ein Ort der Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit schweren Behinderungen – sie ist sehr sinnvoll und wird es bleiben. Was wir künftig brauchen, ist eine Ausweitung und eine stärkere Differenzierung und Flexibilisierung der Hilfen. Wir müssen davon wegkommen, behinderte Menschen bestimmten Einrichtungen zuzuordnen. Der Weg wird in Zukunft andersherum gehen. Der einzelne Mensch muss stärker im Mittelpunkt stehen, seine speziellen Kompetenzen und seine Bedürfnisse. Die Frage ist dann: wo kann er die spezielle Hilfen erhalten die er braucht, um ein Mehr an selbstbestimmtem Leben zu ermöglichen.

Die Fragen stellte Elke Schübert