»Diese Entwicklung wird so weitergehen«

Interview mit Prof. Dr. Harald Rau, dem Vorstandvorsitzenden der Zieglerschen, über die Standortentwicklung der Zieglerschen, Kultur, Kosten und den Vergleich mit Sixt und dem Roten Kreuz.
Herr Rau, die Zieglerschen gibt es derzeit an 59 Standorten, manche davon groß wie Wilhelmsdorf oder Bad Saulgau, andere so klein, dass dort nur ein einziger Mensch arbeitet. Blickt man da eigentlich noch durch? Wissen Sie zum Beispiel aus dem Hut, wo die Zieglerschen überall zu finden sind?
Alle Standorte bekomme ich sicher nicht auf Anhieb zusammen, aber die meisten kenne ich schon. Ganz genau wissen es die Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer unserer Bereiche und da frage ich im Zweifel nach. Es ist mir aber noch nie passiert, dass ich durch einen Ort gefahren bin und überrascht festgestellt habe: Huch, hier sind wir ja auch.

Die Zahl der Standorte ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Wohin führt das? Sind die Zieglerschen irgendwann das Rote Kreuz?
Das Rote Kreuz werden wir sicher nicht. Aber es geht so weiter. Gerade in der Behindertenhilfe, wo es ja politischer Wille ist, auf viele kleine dezentrale Wohnangebote statt großer Komplexeinrichtungen zu setzen. Hier werden wir in neue Orte kommen, ohne dabei unsere eingeführten Standorte aufzugeben. Das ist unsere Doppelstrategie. Auch in der Altenhilfe werden wir moderat weiterwachsen und neue Standorte entwickeln.

Steigt nicht auch in der Jugendhilfe – als Beispiel – die Zahl der Schulsozialarbeiter weiter an? Und gibt es nicht im Hör-Sprachzentrum immer mehr Inklusionsklassen?
Das stimmt natürlich. Gerade die ambulanten, flexiblen Angebote werden weiter zunehmen. Und auch wenn es an diesen Stellen kein Gebäude mit dem Schild »Die Zieglerschen« gibt, so sind das natürlich Mitarbeitende und Standorte unseres Unternehmens. Die Entwicklung wird so weitergehen.

Wie vermittelt man eigentlich einer Schulsozialarbeiterin in Ochsenhausen, einem vierköpfigen Therapeutenteam in Ulm und einer Pflegerin in Aichwald, dass sie Kollegen eines Unternehmens sind? Wie schafft man eine gemeinsame Identität?

Wenn wir davon ausgingen, dass wir Unternehmenskultur und -identität in fast 60 Standorte einfach exportieren, dann wäre das eine unlösbare Aufgabe. Nein, wir haben festgestellt, dass unsere Mitarbeitenden, auch die neuen, gut über unsere Kultur in den Zieglerschen Bescheid wissen. Sie nehmen unsere kulturellen und geistlichen Angebote gerne an, beschäftigen sich damit und drücken den Dingen ihren eigenen Stempel auf. Die Identitäts- und Unternehmenskulturbildung ist also ein Prozess in beide Richtungen.

Aber braucht nicht auch ein dezentrales Unternehmen ein Zentrum, eine Zentrale? Zum Beispiel Sixt oder SAP – die haben das ja auch.
Natürlich. Auch unsere Zentrale hier in Wilhelmsdorf bleibt wichtig. Ein geografischer, gleichzeitig mit Geschichte und Tradition belegter Ort, ist unbedingt identitätsstiftend. Ohne den geht es nicht.

Kosten mehr Standorte nicht auch mehr Geld?
Leider ja. Denn natürlich ist es billiger, EINEN Standort mit 80 Mitarbeitenden zu betreiben, mit Computern zu bestücken, mit Informationen zu beliefern etc. als vier Standorte. Oder eben 59. Dadurch steigen unsere Kosten: Einrichtungskosten, Abstimmungskosten, Wegekosten, einfach alles. Wir sind derzeit in intensiven Gesprächen mit der Politik, um ihnen das deutlich zu machen. Das Thema wird uns und alle anderen sozialen Träger in den nächsten Jahren intensiv begleiten.

Vielen Dank für das Gespräch!