»Dass sich überhaupt jemand interessiert…«

Interview mit der Publizistin Nadja Klinger. Sie ist gemeinsam mit der Historikerin Inga Bing-von Häfen Autorin des Heimkinderbuches der Zieglerschen, das nach mehr als zwei Jahren arbeit in Kürze erscheint.
Frau Klinger, Sie sind Journalistin, Publizistin, preisgekrönte Autorin aus Berlin. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit den Zieglerschen im fernen Oberschwaben?

Die Zieglerschen kamen auf mich zu, weil sie meine Arbeit kannten. Ich habe 2006 an einem Buch bei Rowohlt Berlin erschienen Buch über die neue Armut in Deutschland mitgewirkt, in dem Betroffene porträtiert wurden. Ähnlich sollte das Heimkinderbuch angelegt werden: Fakten einerseits und persönliche Porträts und Geschichten auf der anderen Seite. Dieses Konzept hat mich schließlich überzeugt.

Wie sah die Arbeitsteilung mit Ihrer Co-Autorin Inga Bing-von Häfen aus?

Wir haben ja zwei parallele Teile im Buch: den historisch-faktischen Teil, der sich an das in Akten, Archiven und Hinterlassenschaften Vorhandene hält, und den Teil, der das Erlebte und Erlittene individualisiert und zeigt, dass Geschichte auf Menschen gewirkt hat – und zwar auf jeden anders. Die Lebensgeschichten habe ich recherchiert und aufgeschrieben.

Wo haben Sie Ihre Gesprächspartner gefunden?

Das war Teamarbeit, anderes wäre nicht möglich gewesen. Eine Spur in den Akten, Recherchen zu Adressen, Telefonnummern. Viele Briefe, Telefonate … Ich bzw. wir hatten dabei wirklich gute Helfer – ehemalige Heimkinder voran. Ich habe mit viel mehr Menschen gesprochen, bin viel mehr gereist, als nur zu denjenigen, deren Geschichten jetzt im Buch sind. Zum Beispiel nach Bamberg, zum Ehepaar Schulze, die uns Türen zu den Heimkindern in Altshausen öffneten. Schwierig war unser eigener Anspruch an das Auswahlerfahren: Acht Texte aus vier Häusern sollten es werden, die zudem alle Situationen erfassen sollten: männlich, weiblich, Heimkind, Lehrer, Erzieher, 50er, 60er, 70er Jahre … Das hat viel Kraft und Nerven geraubt.

Und wie verliefen dann die Gespräche?

Für die meisten Gesprächspartner war es eine Herausforderung, sich selbst, ihr eigenes Leben in den Mittelpunkt zu rücken. Zugleich waren sie überrascht, dass sich jemand überhaupt dafür interessiert. Die Größe aller bestand darin, mir im Verlaufe unserer Treffen zu vertrauen und zu erzählen. Ich war oft mehrere Tage mit meinen Gesprächspartern zusammen.

Und die Reaktionen auf die fertigen Texte?

Erstaunlich. Es gab kleine Änderungen im Text, aber alle haben meine Sicht auf ihr Leben, meine Interpretation der Wahrheit akzeptiert. Und was mir am wichtigsten ist: alle haben sich vielfach bedankt, einige am Telefon geweint. Traute Peters sagte mir, am Ende des Lebens so eine Geschichte von mir zu bekommen, da müsse Gott meine Hand geführt haben.

Welches Schicksal hat SIE am meisten bewegt?

Zum einen das Gespräch mit Traute Peters (siehe Leseprobe – d.R.). Wie sie sich erinnerte, ihr Leben reflektierte, auch Dinge, die sie nicht wieder gutmachen kann. Bilder kamen hoch, an den Krieg, den Verlust der Mutter, vieles unter Tränen. Das hat mich beeindruckt. Und Inge Bühler. Sie ist eine lebenslustige, fröhliche Frau, die instinktiv die Überlebensstrategie gewählt hatte, sich nur Gutes zu merken. Aber sie hatte kein gutes Zuhause, war Heimkind in Wilhelmsdorf – die Tragik dieser Geschichte hat sich erst im Schreiben gezeigt.

Glauben Sie, dass ein Buch wie dieses dazu beitragen kann, solche Geschehnisse in der Zukunft zu verhindern?

Ich glaube an die Kraft von Fakten und von Literatur, die Menschen empathischer macht. Unser Buch ist ein sachliches und zugleich eines, das Empathie weckt – mehr konnten wir nicht leisten.


Vielen Dank für die beeindruckende Arbeit und das Gespräch!

Das Gespräch führte Petra Hennicke.