┬╗Abschaffung aller Sonderschulen ist Schwachsinn┬ź

Interview mit Sven Lange (36), fachlicher Geschäftsführer der Zieglerschen Behindertenhilfe, über die Folgen der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention und die Zukunft der Sonderschulen.
Ende Dezember haben Bundestag und Bundesrat die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert, seit März ist sie in Kraft…

Ja, endlich. Wir sehen das sehr positiv, denn dadurch haben behinderte Menschen künftig viel bessere Möglichkeiten der Mitbestimmung und Teilhabe. Damit wird ein unheimlich spannender und zukunftsweisender Weg beschritten. Allerdings dürfte es wohl fünf bis zehn Jahre dauern, ehe die Regelungen der Konvention wirklich umgesetzt sind. Und eines ist klar: das wird erhebliche Einschnitte in der Sozialgesetzgebung mit sich bringen und auch unsere Arbeit massiv beeinflussen.

Betroffen sein dürfte auch die Heimsonderschule Haslachmühle. In der Konvention ist zum Beispiel der Rechtsanspruch eines behinderten Kindes auf den Besuch der Regelschule verankert – was eine heftige öffentliche Diskussion um die Abschaffung der Sonderschulen entfacht hat. Welche Konsequenzen hat das für Ihre Arbeit?

Das wird man sehen. Grundsätzlich denke ich, dass eine Schule mit einem so dezidierten Sonderprofil wie die Heimsonderschule kaum betroffen sein wird. Wir haben ja ein bundesweit einzigartiges Angebot für Menschen mit Hör-Sprach- und zusätzlicher geistiger Behinderung. Zu uns kommen Kinder aus ganz Deutschland, für die wir hier einen einzigartigen Sprachraum, spezielle Bewegungsangebote, Schwimmbad etc., also eine ganze Infrastruktur bieten, die an der Regelschule gar nicht vorgehalten werden kann.

Die Kultusminister haben sich eine Frist von drei Jahren gegeben, um die neuen gesetzlichen Regelungen in Bezug auf die Sonderschulen umzusetzen. Welche Lösung sehen Sie?

Ich denke, dass die regulären Sonderschulen für geistig, körperlich oder auch seelisch behinderte Kinder tatsächlich  Legitimationsschwierigkeiten bekommen. Aber auch die Regelschulen müssen sich umstellen, im bisherigen Setting kann das nicht laufen. Zum Beispiel gibt es schon jetzt in Baden-Württemberg die Regelung, dass autistische Kinder in reguläre Schulen einzugliedern sind. Aber in der Praxis funktioniert das nicht, weil Schulen, Lehrer, Schüler gar nicht darauf vorbereitet sind.

Sonderschul-Gegner verweisen auf andere Länder, die einen ähnlichen Weg der Eingliederung, der „Inklusion“ von behinderten Kindern in normale Schulen längst vorgemacht haben.

Schweden, Dänemark, Norwegen – das hört man immer wieder, aber das sind ganz anders gewachsene Strukturen und eine andere Hilfelandschaft. Das ist mit den deutschen Verhältnissen nicht vergleichbar. Sicher werden auch wir uns dahin entwickeln, dass die behinderten Menschen in ihrer Entscheidung viel freier sind. Das ist gut so. Wir in den Zieglerschen arbeiten schon lange an ausdifferenzierten Wohnangeboten, damit sich Menschen mit Behinderungen aussuchen können, wo sie wohnen möchten. Wir haben auch eine erste Außenklasse der Heimsonderschule Haslachmühle in Illmensee eingerichtet – auch ein Schritt nach außen. Aber eine Heimsonderschule mit diesem Spezialangebot können wir nicht einfach zerschlagen.

Das ist aber das erklärte Ziel durchaus einflussreicher politischer Gruppen, die die radikale Abschaffung aller Sonderschulen fordern. Was sagen Sie denen?

Eine Abschaffung aller Sonderschulen ist Schwachsinn. Bestimmte Spezialangebote werden an der Regelschule nie zu leisten sein. Außerdem sieht die UN-Konvention auch vor, dass jemand, der eine Sonderschule wählen möchte, ebenfalls das Recht dazu hat. Schon allein deshalb brauchen wir weiterhin diese Schulform. Und ich sags noch mal: Ein so einzigartiges Angebot wie die Heimsonderschule Haslachmühle brauchen wir zukünftig erst recht.

Die Fragen stellte Petra Hennicke.