»Das Böse hatte in seinen Bildern keinen Platz«

Interview mit Ulla Krüger, Psychologin in der Behindertenhilfe der Zieglerschen, die sich intensiv mit Ernst Weiss, dem einzigen Überlebenden der Deportation vor 70 Jahren, auseinandergesetzt hat.
Frau Krüger, Ihnen haben wir zu verdanken, dass im neuen Buch zu den Euthanasiemorden erstmals Privatfotos von Ernst Weiss, dem einzigen Überlebenden des Abtransports veröffentlicht werden. Wie kamen die Fotos in Ihre Hände?

Ich habe vor zwei Jahren, zum 70. Gedenktag der Euthanasie in der Diakonie, einen Vortrag über Ernst Weiss’ Kunstwerke gehalten. In dem Vortrag sollte auch der Mensch Ernst Weiss sichtbar werden, deshalb habe ich mir seine privaten Fotos ausgeliehen. Die Bilder – vor allem das seiner Mutter – lagen ihm sehr am Herzen. Er hat sie oft angesehen.

Woher kam Ihr Interesse an Ernst Weiss, an Geschichte überhaupt?

Das hat sich aus meiner Arbeit als Psychologin in der Behindertenhilfe ergeben. Vor gut zehn Jahren habe ich mit einer Bewohnerin, Frau Munk, Gedächtnis- und Biographie-Arbeit begonnen. Frau Munk hat mir aus ihrem Leben erzählt und ich habe es aufgeschrieben. Am Ende ist daraus ein kleines Buch entstanden: »Wilhelmsdorf – meine Heimat«. Das war sozusagen mein Einstieg. Später wurde ich gefragt, ob ich beim Jugenddiakoniefestival einen Workshop zu »Generation Hitler« und Menschen mit Behinderung übernehmen will. Ich wollte – und das kam so gut an, dass ich immer wieder eingeladen wurde. Ich hab immer Zeitzeugen mitgenommen und mir manchmal auch die Kunstwerke von Ernst Weiss geliehen.

Sie sind seit 1989 bei den Zieglerschen, kennen Ernst Weiss also noch persönlich. Wie war er als Mensch? Haben Abtransport und Rückkehr sein Leben geprägt?

Ernst Weiss war ja gehörlos und hat nicht sprechen gelernt. Von seinen Erlebnissen konnte er leider nichts erzählen. Deshalb hat mich ja seine Kunst so interessiert. Ernst Weiss hat sein ganzes Leben lang gemalt. Schon in der Schule ist er damit aufgefallen. Man kann in seinen Bildern sehen, wie genau er beobachtete, dass er auch technische Abläufe verstand. Er hat immer das gleiche Grundmotiv gemalt: eine Szenerie aus einer vergangenen Zeit auf dem Lande, mit Pferd und Wagen, sehr fein gezeichnet, sehr detailgetreu. Das Böse hatte zu dieser Welt keinen Zutritt, es ist eine sichere, geordnete Welt. Ich denke, das war seine Art, sich mit den Ereignissen von damals auseinanderzusetzen. Als Mensch war Ernst Weiss bescheiden, freundlich, zurückhaltend, hilfsbereit und fleißig. Ich hatte immer den Eindruck, er hat sein stilles Glück gefunden.

Ernst Weiss lebte bis zu seinem Tod mit zwölf ebenfalls betagten Männern auf der Wohngruppe. Wie haben diese Älteren eigentlich das »Euthanasie«-Programm überlebt?

Einige waren im Krieg noch Kinder, ihre Behinderung war noch nicht so zu sehen. Andere haben bei Bauern gearbeitet und waren unverzichtbare Arbeitskräfte. Das war ja die zynische Logik: Wer arbeiten konnte, durfte überleben.

Sie sind inzwischen tief in die Wilhelmsdorfer Geschichte eingestiegen. Sehen Sie weitere historische Themen, die der Aufarbeitung und Aufklärung bedürfen?

Ich bin ja keine Historikerin, nur interessierter Laie. Aber mich würde interessieren, was in der »Trinkerheilanstalt Haslachmühle« während der Nazizeit geschehen ist. Alkoholiker standen ja auch auf der Mordliste der Nazis. Und natürlich das Thema Zwangssterilisation. Wir konnten für Wilhelmsdorf allein 13 Fälle nachweisen, die Ende der 30er Jahre im Heilig-Geist-Spital Ravensburg geschehen sind. Für einige Betroffene haben wir sogar Entschädigungen durchgesetzt. Das ganze Thema müsste man auch noch mal aufarbeiten.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Petra Hennicke.