Beziehungsstress unter dem Weihnachtsbaum

Interview mit Heidrun Hallanzy, Schulpsychologin am Hör-Sprachzentrum Wilhelmsdorf und Mutter
Frau Hallanzy, wir alle kennen die Geschichten, dass es gerade an Weihnachten Streit in der Familie gibt. Warum ausgerechnet in dieser »friedvollen Zeit«?

Für mich sind zwei Faktoren ausschlaggebend. Zum einen äußerer Stress. Im Vorfeld muss für drei Tage eingekauft werden, an denen es möglichst ein Festessen geben soll. Dann müssen Geschenke besorgt werden und hinzu kommen diverse Weihnachtsfeiern im Betrieb, Verein oder von den Kindern. Somit ist jeder tendenziell gestresster als sonst. Zum anderen gibt es aber gerade an Weihnachten ganz besondere Erwartungen in den Familien. Das Essen muss oft Gourmetansprüchen genügen, dazu kommen ausgiebige Zusammenkünfte mit Verwandten und alles soll ja schön, festlich und harmonisch sein.

Also prallt an Weihnachten der normale Familienalltag mit seinen Konflikten auf eine zu hohe Harmonie-Erwartung?

Genau. Die Erwartungen an ein dreitägiges Dauerfest haben oft nichts mit der Realität zu tun. Jugendliche wollen sich beispielsweise auch an Weihnachten abends mit ihren Freunden treffen. Auch sind viele Familien durch Internet, Ipod und Playstation gar nicht mehr richtig in der Lage, längere Zeit vernünftig miteinander zu kommunizieren. Oft sind Computerspiele einfach reizvoller als gemeinsames Singen oder Spielen.

Und wie vermeidet man Weihnachtsfrust?


Zum Beispiel, indem man über die Festtage keinen Kochmarathon veranstaltet. Würstchen mit Kartoffelsalat an Heiligabend reichen auch. Ebenfalls bieten feste Rituale eine verlässliche Struktur für alle Familienmitglieder. Gut ist gerade bei pubertierenden Kindern oder Jugendlichen, im Vorfeld gemeinsam zu überlegen, wie Weihnachten gefeiert werden soll. Da sind Zugeständnisse wichtig.

Das Interview führte Jens Walter.