Ā»Automatisch wird leider gar nichts besserĀ«

Interview mit Kerstin Griese, Vorstand Sozialpolitik im Diakonischen Werk der EKD, über die Rolle von Frauen in der Diakonie und die Frage: Braucht die Diakonie eine Quote für Führungskräfte?
 
Frau Griese, Diakonie wird seit jeher von Frauen getragen und von Männern geführt, aktuell sind 78,5 Prozent aller Mitarbeitenden in der Diakonie Frauen. Doch nun klagt auch die Diakonie mehr und mehr über Fachkräftemangel. Sind unsere Arbeitsplätze für Frauen nicht mehr attraktiv genug?

Zunächst einmal: Diakonie wurde auch in der Vergangenheit von Frauen geführt oder sogar mitgegründet. Ich denke da nur Friederike Fliedner, Amalie Sieveking und die ersten Diakonissen. Für sie war Diakonie die Chance, etwas Gutes zu tun – und als Frau berufstätig zu sein. Dass wir in der Diakonie heute mit Fachkräftemangel zu kämpfen haben, liegt aus meiner Sicht weniger daran, dass wir für Frauen nicht attraktiv genug sind, sondern daran, dass Pflegeberufe insgesamt nicht attraktiv genug sind. Was wir also brauchen, und dafür setzen wir uns als Diakonie nachdrücklich ein, sind insgesamt bessere gesellschaftliche Rahmenbedingungen, mehr Anerkennung und eine bessere Bezahlung.

Die Rollenbilder in unserer Gesellschaft – beispielsweise das Verhältnis von Vätern zu ihren Kindern – ändern sich derzeit nachhaltig. Wird sich das auch auf die helfenden Berufe auswirken? Werden künftig mehr Männer in der Diakonie arbeiten?

Unsere Erfahrung ist: Wenn Männer in den sogenannten helfenden Berufen Erfahrungen sammeln, wenn sie also überhaupt mit dieser Welt in Berührung kommen, dann bleiben sie dort auch öfter. Deshalb liegt uns besonders am Herzen, dass junge Männer durch Zivildienst, freiwillige soziale Jahre oder Praktika einen Zugang zu sozialer Arbeit finden können. Denn mehr Männer in den sozialen Berufen – das ist nicht nur für uns wichtig, sondern auch für die, die betreut werden. Ob Kinder, Jugendliche, Menschen mit Behinderungen, Ältere – für sie alle ist es wichtig, auch männliche Bezugspersonen zu haben.

Was meinen Sie: Wenn mehr Männer in Pflegeberufe drängen – wird dann die Bezahlung in den Pflegeberufen automatisch besser? Oder werden die künftigen Männer in Pflegeberufen dann eben auch schlechter bezahlte Tätigkeiten annehmen müssen?

Automatisch wird leider gar nichts besser, die schlechte Bezahlung in der Pflege ist bekanntlich eines der drängendsten Probleme. Im letzten Jahr haben wir deshalb die Aktion »Weil wir es wert sind« gestartet, um auf die dramatische Finanzierungssituation aufmerksam zu machen und die Bundesregierung zum Handeln zu bewegen. Wichtig ist uns als Diakonie dabei auch, dass nicht nur der endlich vereinbarte Mindestlohn gezahlt wird, sondern Tariflohn. Wenn ab nächstem Jahr die Arbeitsmigration aus Osteuropa möglich ist, stehen wir hier noch mal vor einer neuen Situation.

Sie haben zu Beginn auf die historischen Ausnahme-Frauen verwiesen – dennoch sind wie überall in der Gesellschaft auch in der Diakonie die Führungskräfte mehrheitlich männlich. Braucht die Diakonie eine Quote für Führungskräfte?

Ich habe mich ja lange mit Familien- und Frauenpolitik im Bundestag befasst. Von daher kenne ich die Quote und habe damit gute Erfahrungen gemacht. Ob sie für die Führungsstrukturen der Diakonie durchsetzbar ist... wohl eher nicht. Dennoch: Noch nie gab es so viele qualifizierte junge Frauen wie heute, die selbstverständlich die gleichen Aufstiegschancen haben wollen wie Männer und stärker denn je in Führungspositionen streben. Dem muss die Diakonie Rechnung tragen, diese Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen muss sie schaffen. Dies ist eine Chance für die Diakonie und geht auf die Wurzeln ihrer Arbeit zurück: Chancengleicheit für alle.

Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Petra Hennicke