Erst nach vier Monaten hab ich Schwäbisch verstanden

Brenda Ochola (24) stammt aus Kenia, 2007 kam sie als Au-Pair nach Berlin, 2008 begann sie ein FSJ im Seniorenzentrum Wilhelmsdorf, heut macht sie dort eine Ausbildung als Altenpflegerin. Ein Gespräch.
Brenda, du stammst aus Nairobi, der Hauptstadt des ostafrikanischen Landes Kenia. Wie bist du vor vier Jahren aus dem fernen Afrika nach Deutschland gekommen? Warum hast Du Dir gerade unser Land herausgesucht?
Meine Schwester ist schon vor mir als Au-Pair nach Deutschland gegangen. In Nairobi gibt es eine bekannte deutsche Au-Pair-Agentur. Dort habe ich mich beworben.

Wie hast Du dann, mitten in Berlin, vom Freiwilligen Sozialen Jahr bei den Zieglerschen im fernen Wilhelmsdorf erfahren?
Über eine Internetrecherche bei Google.

Warum hast Du Dein FSJ in der Altenhilfe absolviert?
Ich wollte alten Menschen helfen.

Was hast Du vor Deiner Zeit hier in deiner Heimat gemacht?
In Kenia habe ich Abitur gemacht. Das wird in Deutschland aber nur als Realschulabschluss anerkannt.

Nach dem FSJ hast du dich dann für eine Ausbildung als Altenpflegerin bei den Zieglerschen entschieden. Warum?
Ich habe während meines FSJ in der Altenhilfe viele positive Erfahrungen gesammelt und so ist der Wunsch allmählich gewachsen, diese Ausbildung in Deutschland zu absolvieren.

Was gefällt Dir besonders gut an Deiner Einsatzstelle?
Die Arbeit mit alten Menschen bereitet mir viel Freude. Sie sind dankbar für die Unterstützung, die sie durch mich bekommen. Außerdem leben und arbeiten viele freundliche Menschen im Seniorenzentrum.

Was gefällt Dir besonders gut am Leben in Wilhelmsdorf?
In Berlin habe ich Diskriminierung erlebt. Ich bin eines Tages beim Einkauf für meine Au-Pair-Familie einfach so kontrolliert worden. Meine Einkaufstaschen wurden durchsucht und ich musste mich ausweisen. Das war sehr erschütternd für mich. In Wilhelmsdorf habe ich so etwas nie erlebt. Die Menschen hier sind anders. In der Regel grüßen sie freundlich und behandeln mich so wie andere Leute.

Was vermisst Du besonders?
Meine Familie in Kenia und das afrikanische Essen.

Wie geht es Dir mit der deutschen Sprache?
Die deutsche Sprache ist nicht leicht. In Kenia habe ich sechs Monate lang einen Deutschkurs besucht und hier viel Unterstützung durch meine Kolleginnen erfahren. Trotzdem hat es vier Monate gedauert, bis ich den schwäbischen Dialekt einigermaßen verstanden habe. Verstehen kann ich die deutsche bzw. schwäbische Sprache mittlerweile gut, sprechen ist auch kein Problem mehr. Aber das Schreiben fällt mir noch schwer. Zum Glück unterstützen mich meine Kolleginnen sehr, damit ich die schriftlichen Leistungen in der Ausbildung erfüllen kann. Außerdem besuche ich in der Schule einen Deutschkurs.

Wie viele Sprachen sprichst Du?
Swahili und Englisch, das sind die offiziellen Sprachen in Kenia. Außerdem spreche ich Luo, die Sprache meines Stammes. Und mittlerweile spreche ich auch Deutsch.

Wie unterscheidet sich das Leben in Kenia und das Leben hier?
In Deutschland ist alles organisiert. Hier gibt es eine gesetzliche Krankenversicherung für alle Bürger, das gibt es in Kenia nicht. Besonders fremd ist für mich, dass man in Deutschland für alles Termine vereinbaren muss, auch für private Treffen.

Welche Unterstützung wünschst Du Dir im Rahmen deiner Ausbildung?
Ich habe viele Wünsche, aber ich bekomme auch viel Hilfe: Hilfe bei schriftlichen Aufgaben, sprachliche Unterstützung, eine Mentorin für die Praxisphasen und regelmäßige Treffen. Manchmal braucht man auch praktische Hilfe, wenn es schwierig wird. So musste ich zum Beispiel nach dem FSJ nach Kenia zurück, weil ich keine Arbeitserlaubnis für ein Praktikum bekommen habe. Den 600 Euro teuren Flug hätte ich damals nicht alleine finanzieren können. Zudem habe ich bei einer Kollegin wohnen können, bis ich eine geeignete finanzierbare kleine Wohnung gefunden habe.

Was machst Du in Deiner Freizeit gerne?
Freunde treffen, reisen, fernsehen.

Was willst Du nach der Ausbildung machen?
Ich würde gerne in Deutschland leben und arbeiten. In Kenia ist es sehr schwer, einen guten Arbeitsplatz zu finden, von dessen Gehalt man leben kann.

Wenn Geld egal wäre, wo und wie würdest Du leben?
Ich würde in Kenia nahe meiner Familie leben, ein Haus für mich bauen und selbst eine Familie gründen.

Was ist für ausländische Freiwillige wichtig, damit sie sich bei uns wohlfühlen?
Auch da habe ich viele Wünsche: einen Internetanschluss in der Wohnung, um preiswert mit Familie und Freunden Kontakt pflegen zu können. Auch einen Sprachkurs in Wilhelmsdorf vor Ort sollte es geben – besonders für die erste Zeit, aber auch darüber hinaus. In meiner Au-Pair-Familie musste ich englisch sprechen, und das geht vielen so. Hier erwartet man gute Deutschkenntnisse, wenn jemand ein Au-Pair gemacht hat. Ganz wichtig wären auch regelmäßige Treffen für ausländische Freiwillige, um Erfahrungen auszutauschen. Gemeinsame Ausflüge in die Umgebung wären toll, um das Land besser kennenzulernen und auch, um mal Abstand von der Arbeit zu bekommen. Ich wünsche mir sensible Mitmenschen, die mir glauben, wenn ich ihre Frage: »Verstehst Du mich?« mit »Ja« beantworte und nicht ständig weiterfragen, ob ich sie auch wirklich verstanden habe.

Was bedeutet dir das Christentum?
Ich bin katholisch und hatte in meiner Heimat Kontakt zu einer Gemeinde. Aber hier habe ich keinen Anschluss an eine Gemeinde.

Danke für das Gespräch und viel Glück in Deutschland.

Die Fragen stellte Ines Römpp