Es kommt bald eine neue Generation Freiwilliger

Interview mit Eva-Maria Armbruster, fachliche Geschäftsführerin der Altenhilfe, über Konflikte zwischen »Pflegeprofis« und Ehrenamtlichen und die künftige, neue Generation von Freiwilligen
Frau Armbruster, Sie sind Geschäftsführerin der Zieglerschen Altenhilfe, in der Ehrenamt eine wichtige Rolle spielt. Täuscht der Eindruck oder hat das Thema an Bedeutung gewonnen?

In unseren Häusern ist die Arbeit mit Ehrenamtlichen schon lange ein sehr wichtiges Thema. Aber die Aufmerksamkeit von Politik und Medien ist größer geworden. Und die Zahl der Freiwilligen steigt. Jüngste Studien haben ein höheres Engagement gerade bei Älteren erneut bestätigt – der Trend scheint stabil.

Angesichts der demografischen Entwicklungen wird das vermutlich noch zunehmen. Sind die rüstigen Rentner bald alle ehrenamtlich aktiv?

Ich gehe davon aus, dass das Engagement weiter zunimmt, gerade in den Bereichen Kirche, Soziales und Altenhilfe. Aber mit veränderter Motivation. Wir werden es mit einer neuen Generation von Freiwilligen zu tun haben, die sich nicht nur wegen eines »reinen, guten Herzens« engagiert, sondern ihre Arbeit als Teil der Persönlichkeitsentwicklung sieht. Die »rüstigen Rentner« wollen gezielt Kenntnisse und Erfahrungen einbringen und erweitern. Sie wollen Strukturen verändern und sind bereit, sich kompetent für die Sache zu streiten. Sie gehen auch zum Bürgermeister. Das stellt wachsende Anforderungen auch an uns. Wir brauchen künftig mehr Ressourcen, um Freiwillige koordiniert begleiten, fördern und akquirieren zu können.

Schon jetzt nehmen Ehrenamtliche Arbeit ab, aber sie machen auch welche. Ist das nicht ein Nullsummenspiel?

Ehrenamtliche erfordern Aufwand, ganz klar. Aber wir gewinnen durch sie auch ganz viel. Das kann man nicht betriebswirtschaftlich aufrechnen und das tun wir nicht! Ehrenamtliches Engagement und die damit verbundene Nachbarschaftlichkeit, die Verbindung mit der Gemeinde, der Kontakt in den Ort – das ist für uns durch nichts zu ersetzen!

Die Altenpflege wird immer professioneller, immer standardisierter. Kann man da überhaupt noch als Laie tätig sein?


Konflikte gibt es in der Tat. Da sind auf der einen Seite die Pflege-Profis, die sehr strukturiert ihren Arbeitsalltag bewältigen müssen. Und da sind auf der anderen Seite die Ehrenamtlichen, die mit unverbautem Blick über manchen Engpass hinweghelfen, aber auch fragen: Warum muss das so sein? Sie verstehen sich oft als Ausgleich, als gute Seele des Hauses. Auch das ist für unsere Mitarbeitenden nicht immer leicht, sie würden ja auch gern öfter mit den Bewohnern spielen oder basteln. Diese Spannung müssen wir aushalten – und gleichzeitig eine Kultur der Gemeinsamkeit pflegen. Gute Erfahrungen haben wir mit gemeinsamen Schulungen von Profis und Ehrenamtlichen gemacht. Umgang mit Demenzerkrankten, Sterbebegleitung, Palliative Care... solche Fortbildungen machen Haupt- und Ehrenamtliche gemeinsam. Da wird dann vieles geklärt, da werden Absprachen getroffen, da entsteht eine gemeinsame Sprache und es gibt wertvolle Momente der Begegnung.

Was sind die größten Hemmnisse für die ehrenamtliche Arbeit? Ihr Wunsch an die Politik?


Die professionelle Begleitung Ehrenamtlicher ist nicht adäquat refinanziert. Hier muss etwas geschehen. Außerdem wünschen sich Ehrenamtliche mehr Anerkennung und vernünftige Rahmenbedingungen. Sie reagieren empfindlich, wenn sie merken, dass sie zum Lückenbüßer für einen Staat werden sollen, der sich aus seiner sozialen Verantwortung zurückziehen will. Die künftige Generation Freiwilliger wird sich noch viel stärker einmischen. Deshalb brauchen wir insgesamt ein Klima sozialer Verantwortung in der Gesellschaft. Hier ist die Politik gefragt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Petra Hennicke