Integrieren oder Aussondern?

■ Stellen Sie sich mal vor, Sie haben Hunger, Durst und müssen aufs Klo. Stellen Sie sich mal vor, Sie leben in Ihrer ganz eigenen gedanklichen Welt und sind nicht in der Lage, selbst zum Kühlschrank, zur Limo-Flasche oder zur Toilette zu gelangen und Ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Stellen Sie sich mal vor, dass Sie diese ganze Misere weder sprachlich noch sonst wie ausdrücken können und niemand Sie versteht.

Bringt Sie diese Vorstellung zum Ausrasten?
Willkommen in der Haslachmühle. Sie sind schon mittendrin – im Alltag der Heimsonderschule für Menschen mit Hör-/ Sprachbehinderung und zusätzlicher geistiger Behinderung. Vor dem Fenster des Direktor-Zimmers sind plötzlich vier Schüler zu sehen, die Richtung Straße laufen. „Mit High Heels sind Sie hier fehl am Platz“, meint Bernd Eisenhardt. „Wenn jetzt nicht gleich ein Lehrer hinterherläuft, muss alles sehr schnell gehen“ setzt der Schulleiter fort und erhebt sich schon leicht im Stuhl, um jederzeit nach draußen spurten zu können. „Die Schüler hören nämlich nicht, wenn ein Auto kommt. Hinterherpfeifen bringt gar nichts. Da heißt es im Notfall nur noch rennen.“ Doch schon flitzt ein Lehrer vor dem Fenster vorbei. Die Lage entspannt sich.

Zurück zu Hunger, Durst und Klo. Wie einem Menschen helfen, der sich seiner Umwelt nicht mitteilen kann? Der als letztes Mittel vielleicht zu Verhaltensauffälligkeiten greift, um auf sich aufmerksam zu machen. Der anders denkt als „üblich“, vielleicht nicht hört und/oder nicht sprechen kann?

Nur wer sich über irgendeine Form ausdrücken und verhalten kann, verstanden wird und versteht, kann in unserem Alltag kommunizieren. Und Kommunikation ist zwingend, um Beziehungen zu Mitmenschen und zur Umwelt aufzubauen. Wie selbstständig und selbstgestaltet Menschen mit Behinderung ins Leben finden, hängt von deren Kommunikationsmöglichkeiten ab. Die Schule Haslachmühle bedient sich vieler Mittel und Wege, um jedem einzelnen Schüler mit Behinderung den geeigneten Kommunikationsraum zu bieten.

»Unterstützte Kommunikation« heißt ein Schlagwort der Schule, das bei der Kommunikationsentwicklung und dem Beziehungsaufbau hilft. Darunter werden alle pädagogischen und therapeutischen Hilfen verstanden, die kommunikative Fähigkeiten von Menschen erweitern, die nicht oder nicht ausreichend über Lautsprache verfügen: Von Mimik und Gestik über lautsprachunterstützte Gebärdensprache, Symbolkarten, Symboltafeln bis hin zu elektronischen Hilfen wie Computern wird alles genutzt, was sprachanbahnend, sprachunterstützend und sprachersetzend wirken kann. Ziel der Unterstützten Kommunikation ist die Entwicklung eines individuellen, bedürfnisorientierten, alltagstauglichen Kommunikationssystems, mit dessen Hilfe sich der Mensch mit Behinderung besser verständlich machen kann und besser versteht, was geschieht.

Gelächter, Gerenne und Gedränge im Treppenhaus. Schüler der Heimsonderschule stürmen in der großen Pause ins schuleigene Café Relax, neben dem sich ein kleiner Laden befindet. Freudestrahlend springt eine Schülerin die letzten Treppenstufen herunter und landet vor Bernd Eisenhardt. In ihren Händen hält sie ein rundes, grünes Plastikteil. Eifrig drückt sie auf einen darauf angebrachten Knopf. Ein Tonband läuft ab: „ein paar Einweghandschuhe, Gummibärchen ...“. „Das ist ein BIGmack“, erklärt Eisenhardt, „die Lehrerin hat darauf gesprochen, was die Schülerin im Laden einkaufen soll.“ Das elektronische Hilfsmittel schlägt für die nichtsprechende Schülerin eine Brücke ins gesellschaftliche Leben. Die Schülerin darf selbständig zum Einkaufen gehen.

Selbstständigkeit, Lebensfreude, Ausdruck, Kommunikation und Beziehung sind Ziele, die die Heimsonderschule für ihre Schüler verfolgt. Direktor Pit Niermann sieht einen engen Zusammenhang zwischen dem Erreichen dieser Ziele und dem Abbau von Verhaltensauffälligkeiten: „Rückzug oder Aggression sind offensichtlich eng verbunden mit unpassenden Kommunikationsangeboten“, sagt er. Schon oft hat er erlebt, wie sich das Verhalten schwieriger und herausfordernder Schüler in der Haslachmühle änderte, sobald diese eine geeignete Ausdrucksmöglichkeit gefunden haben. Zudem beobachtet er, dass in der Haslachmühle immer mehr schwieriger werdende Schüler mit besonders herausfordernden Verhaltensweisen und psychiatrischen Zusatzdiagnosen wie Autismus, Psychosen und depressiven Verstimmungen ankommen. Von derzeit 174 Schülern brauchen 54 besondere Beachtung. Diese zusätzliche Kernzielgruppe, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat, ist für Niermann der Antreiber für die stetige Weiterentwicklung der Unterstützten Kommunikation.

Hinter einer der vielen roten Klassenzimmertüren im Erdgeschoss des neuen Schulgebäudes unterrichtet Stefanie Mühlebach eine Klasse mit fünf sehr unterschiedlichen Schülern. „Moment noch, ich komme gleich“, ruft sie hinter einem zugezogenen orangefarbenen Vorhang aus einer Zimmerecke hervor. Stefanie Mühlebach wickelt gerade die Schülerin Alina*. Alina kann weder sprechen noch gebärden. Sie lacht, weint, schreit, verändert ihre Mimik und gestiert – damit äußert sie ihre Bedürfnisse. Alina kann auch nicht laufen. Sie schiebt sich sitzend auf dem Boden vorwärts und schaukelt ihren Körper. Aber sie versteht Sprache und reagiert auf Tonlage und Sprachmelodie. Durchschnittlich zwanzig Prozent der täglichen Schulzeit treten die Lehrerinnen über eine basale Massage in Dialog mit Alina. Dieser findet nicht verbal statt, sondern durch sensomotorisches Handeln: Berühren, Blickkontakt, Mimik, Atmung, Lautäußerungen, An- oder Entspannung des Muskeltonus.

100 Meter weiter sitzt Hedy Lechleitner auf einer gelb-blauen Matte in der hell durchfluteten Turnhalle und massiert einen vor ihr sitzenden Schüler mit Down-Syndrom. Neben ihr auf dem Boden befinden sich drei Lehrerinnen mit jeweils einem Schüler vor sich und folgen Lechleitners Anweisungen. „Seid neugierig“, sagt die Expertin für Leibhaftes Lernen mit ruhiger Stimme, „spürt in den Händen, was als Kommunikation entgegenkommt: Kleidung, Knochen, Muskeln, Atmung, Bewegung.“ Einmal pro Woche kommen diese Lehrerinnen mit ihren Schülern hierher, um über die basale Kommunikation eine grundlegende Beziehung zu ihren Schülern aufzubauen und nehmen die dabei gewonnenen Erfahrungen mit in den Unterricht zurück. Rund 30 Prozent der Haslachmühle-Schüler sind nur über den Weg der basalen Kommunikation erreichbar. Die Wertevermittlung steht für Hedy Lechleitner dabei zwingend im Vordergrund: „Es braucht die Haltung: Du bist wertvoll und ganz, dann erst kann sich der Schüler darauf einlassen.“

Der Weg ins nächste Klassenzimmer führt durch bunte Flure. Symbolbilder, Gebärdenfotos, Fotos von Schülern und Beschriftungen säumen Wände und Türen des Schulgebäudes. Jedem Schüler sollen so möglichst viele geeignete Kommunikationsmittel zur Verfügung stehen. Der eine zeigt auf ein Bild, um dem anderen etwas mitzuteilen, der andere weiß durch das darüber befindliche Gebärdenfoto, wie die Gebärde funktioniert. Der nächste kann das geschriebene Wort lesen und aussprechen. So individuell die Behinderungen der einzelnen Schüler sind, so individuell sucht die Schule nach unterstützenden Kommunikationsangeboten.

Peter* und Karl* sind dicke Freunde. Gerade ist die große Pause vorbei und nun sitzen die beiden mit zwei weiteren Mitschülern und ihrer Lehrerin Hedwig Mendler an einem kleinen Tisch und essen und trinken gemeinsam. Peter kann nicht hören, er gebärdet und gibt dazu wenig Laute von sich. Karl trägt zwei Hörgeräte und gebärdet mit Lautsprache. Die beiden Freunde sind ständig zusammen und haben schon ihre ganz eigenen Gebärden gefunden. „Für viele Gehörlose in der Haslachmühle entwickelt sich eine noch intensivere Gebärdenkultur, gerade auch beim Thema Fußball“, sagt Hedwig Mendler. In dieser Mittelstufenklasse lernen die Schüler zu lesen, zu rechnen, haben Unterricht in Sachkunde und sie turnen, tanzen, kleben, schneiden und arbeiten mit dem Computer. Der gehörlose Peter lernt das Lesen und Schreiben über Ganzwörter, indem er sich einen Gegenstand und die dazu geschriebene Bezeichnung einprägt. „Für Jemanden, der gar nicht hört, ist das sehr schwierig“, erklärt Hedwig Mendler.

* Namen geändert.

Von Katharina Stohr