Sport, Musik & Freiarbeit: Integration in Illmensee

An der Grundschule Illmensee funktioniert es schon längst: Behinderte und nicht-behinderte Kinder lernen gemeinsam und profitieren voneinander. Besuch einer Außenklasse der Heimsonderschule.
■ Da stehen sie in Reih und Glied. Die Erst- und Zweitklässler der Grundschule Illmensee. Mittendrin: fünf Schüler der Unterstufen-Außenklasse der Haslachmühle. „Drei, zwei, eins“, stimmt Sportlehrer Zoll an, Kinderstimmen fallen ein und die Schüler-Schlange vor dem Schulgebäude setzt sich in Bewegung. Ziel des Marschs: die Turnhalle auf der anderen Straßenseite – gemeinsamer Sportunterricht steht heute auf dem Stundenplan.

Seit dem Jahr 2004 beschult die Heimsonderschule Haslachmühle eine Außenklasse in der Grundschule Illmensee. In den Fächern Sport, Musik und in Freiarbeit dürfen die Schüler der Haslachmühle gemeinsam mit den Erst- und Zweitklässlern dieser Regel-Grundschule lernen. Mehrfach profitieren die Außenklassen-Kinder, die alle hörend sind, von diesem Kontakt. Zum einen regt der tägliche Austausch mit den Kindern der Regelschule an: Die Schüler schauen ab, ahmen nach und nehmen Lernimpulse auf. Das erweitert die sprachlichen und auch sozialen Kompetenzen. Zum anderen kommen das Gemeinschaftsgefühl und das An- und Aufgenommenwerden in dieser Regelschule zum Tragen. Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein aber auch Disziplin wachsen dadurch automatisch. Das Ziel des möglichst selbstgestalteten Lebens eines Menschen mit Behinderung rückt somit näher.

Die Idylle einer kleinen Grundschule wie Illmensee bietet Schülern mit geistiger Behinderung außerdem einen geschützten und überschaubaren Raum, in welchem sie sich außerhalb der Haslachmühle in die Gesellschaft integrieren können. Eine Schülerin und ein Schüler kaufen mit Gertrud Jäger, die die Klasse zusammen mit Rosi Eisenhardt unterrichtet, für das gemeinsame Mittagsmenü im Supermarkt in Illmensee ein. Der Junge hält verschiedene Karten in der Hand: Eier, Mehl und Milch sind jeweils auf einer Karte als Foto, als Symbol und als Wort abgebildet. In der Hand des Jungen befinden sich auch zwei Zettel, die er im Unterricht selbst beschrieben hat: „Salat“ steht auf dem einen, „Nutella“ auf dem anderen. Zielgerichtet läuft der Schüler zur Gemüsetruhe, nimmt einen Chinakohl heraus, geht zur Gemüsewaage, wiegt ab und legt den Salat in den Einkaufswagen.

„Das wäre vor eineinhalb Jahren, als der Schüler hier ankam, undenkbar gewesen“, sagt Bernd Eisenhardt und erzählt, dass der Junge an seiner alten Schule überfordert war und sich vor Angst unterm Tisch versteckt hat. Als klaren Trend bezeichnet Direktor Pit Niermann die Einrichtung von Außenklassen. Startete die Heimsonderschule Haslachmühle im Jahr 2004 mit fünf Schülern, so werden es mit dem kommenden Schuljahr 2009/2010 insgesamt 21 Schüler sein, die in Illmensee und in zwei neuen Außenklassen in Wilhelmsdorf unterrichtet werden. Für spätestens Schuljahr 2011/2012 ist eine weitere Außenklasse in Wilhelmsdorf geplant. Die Verlagerung nach Wilhemsdorf bietet zusätzlich die Chance, Schüler in das Leben der Gemeinde einzubinden und sie dort für die Zeit nach der Schule einen Lebensmittelpunkt finden zu lassen. Angegliedert an die Heimsonderschule Haslachmühle ist ein Schulkindergarten mit derzeit drei Außengruppen in Wilhelmsdorf, Ravensburg und Altshausen. Auch hier ist der Trend der Dezentralisierung greifbar: Im Jahr 2000 besuchten sechs Kinder Außengruppen in Regelkindergärten. Heute sind alle 20  Schulkindergartenkinder ausschließlich in Außengruppen untergebracht.

Von Katharina Stohr.