Hochbegabte Bildungsverlierer?

Entegegen dem Trend zur Inklusion - raus aus den Sonderschulen, rein in die Regelschulen - steht das Martinshaus Kleintobel mit seinen Asperger-Intensivklassen, seinem Realschulangebot und nun auch mit Gymnasialklassen an der Schule für Erziehungshilfe. Macht das Martinshaus Kleintobel etwa
neue Sonderwelten auf?
»Nein«, sagt Jonathan Hörster, Geschäftsführer in der Jugendhilfe. »Bei der Schulwahl sollte der Fokus grundsätzlich auf dem Wohl des Kindes liegen«. Er spricht aus Erfahrung. Denn bis vor kurzem erlebte er im Martinshaus Kleintobel viele junge Menschen, die unter ihrem Begabungsniveau beschult wurden und dementsprechend unterfordert und benachteiligt waren. So wie beim hochbegabten Gymnasiasten Michael*, der 2009 nach Kleintobel kam, auf das Realschulniveau abgeschult wurde und in der Erziehungshilfeschule die Mittlere Reife mit der Note 1,2 ablegte. »Ein Klassiker«, sagt Schulleiter Thomas Frick, »für ihn blieb als Weg zum Abi anschließend nur der Besuch des beruflichen Gymnasiums. Dort hat er es aufgrund der Schulgröße als Asperger-Schüler besonders schwer.« Heute wäre das anders. Schüler wie Michael könnten bei entsprechendem Fortschritt aus den Gymnasialklassen des Martinshauses heraus an ein allgemeinbildendes Regel-Gymnasium zurückgeschult werden.

Das Martinshaus Kleintobel ist eine von über 80 Erziehungshilfeschulen in Baden Württemberg. Derzeit besuchen etwa 100 verhaltensauffällige junge Menschen die
Schule. Sie leben vor Ort – unter der Woche von ihren Familien getrennt – in Innen- oder Außenwohngruppen. Rund 45 davon haben das sogenannte Asperger-Syndrom, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die der Autismus-Spektrum-Störung zugeordnet wird. Allen gemein ist: Hinter ihnen liegen meist mehrere Schulabbrüche und sie bringen jede Menge Erlebnisse und Besonderheiten mit, die parallel zum Schulbesuch aufgearbeitet werden müssen. Ein Martinshaus-Aufenthalt dauert zwischen einem und mehreren Jahren. Ein Teil der Schüler ist in den vergangenen drei Jahren wieder an eine Regelschule zurückgeschult worden. Von den restlichen haben nahezu 100 Prozent die Mittlere Reife im Martinshaus abgelegt.

»Wir haben viele begabte und hochbegabte junge Menschen an unserer Schule«, sagt Hörster. Mit dem bisherigen Realschulangebot ist das Martinshaus in Württemberg einmalig. Dieser seltene Bildungsgang mit kleinen Klassengrößen habe entsprechend viele junge Menschen nach Kleintobel geführt, die an Regel-Realschulen kein passendes Angebot gefunden hätten. Zahlreich aber auch jene Martinshaus-Schüler, die zuvor ein Gymnasium besucht hatten und wie Michael mit der Tatsache konfrontiert wurden, dass bislang keine Erziehungshilfeschule den Gymnasialgang anbot. Die Folge: Runter vom Gymi, abgeschult auf die Rea. Vielen Durchgangsschülern wurde dadurch der Weg nach dem Martinshaus-Aufenthalt zurück ans allgemeinbildende Gymnasium verbaut.

Für Hörster, die Schulleitung und Lehrerinnen und Lehrer war klar: Gerade eine Schule für Erziehungshilfe muss vermeiden, dass junge Menschen in schwierigen Lagen einen weiteren Knick in ihrer Schulkarriere erleiden. »Verhaltensauffälligkeit bedeutet ja nicht, dass ich den Bildungsgang verlassen muss«, sagt Frick, der das Vorhaben entsprechend mit vorantrieb. Und Daniel Murr, Stellvertretender Schulleiter erklärt, was die Abwärtsspirale vom Gymnasium auf die Realschule und von dort aus auf die Hauptschule mit sich bringen kann: »Ein klassisches Abschulen heißt, jedes Mal einen Abbruch zu erleben. Gerade Kinder mit Bindungsstörungen und Defiziten fangen dann immer wieder von vorne an.« Erfahrungen des nicht Wahrgenommen-Werdens seien die Folge und würden an der Psyche nagen. »Das sind klare Versagenserfahrungen, die man auffangen muss«, so Murr.

»Wir brauchen passgenaue Bildungsangebote, um möglichst allen Kindern gerecht werden zu können«, fasst Hörster das Ziel zusammen. Selbiges stieß bei den zuständigen Behörden auf Gehör. Im Oktober 2014 wurde nach einem langen Planungs- und Verhandlungsprozess die »Bildungsgangunabhängige Beschulung Sekundarstufe I« genehmigt – rückwirkend ab dem Schuljahr 2013/2014. Als Schulversuch und damit auf drei Jahre befristet, unterrichtet die Schule für Erziehungshilfe nun offiziell 15 Gymnasiasten in einer Kombiklasse 6/7 und in der Klasse 8.

Linda Ohnemus ist Klassenlehrerin der 6/7 G. Sie war mit als Erste dabei, als das Martinshaus im Schuljahr 2013/2014 probeweise zwei Gymnasialklassen etablierte. In einem eigens gebildeten Schulprojekt-Team hat sie gemeinsam mit Kollegen einen neuen Fächerkanon für den Gymnasialgang entwickelt, sich auf Latein als zweite Fremdsprache eingelassen, sich mit dem Bildungsplan auseinandergesetzt und die Kompetenzraster auf personalisiertes Lernen im Gymnasialbereich überarbeitet. Bei all der fachlichen Ausrichtung gibt sie zu bedenken: »Man muss schon sehen, dass wir es hier mit Erziehungshilfe-Schülern zu tun haben.« Es sei herausfordernd, den richtigen Weg zu finden, um dem Bildungsniveau einerseits, aber auch den ganzen Besonderheiten der jungen Menschen andererseits Rechnung zu tragen. »Meine Schüler könnten kognitiv wahrscheinlich viel mehr leisten, wenn ihr Verhalten sie nicht blockieren würde.«

Daher stecken sie und das Kollegium viel Zeit und Mühe in soziales Lernen, um die Schüler fit zu machen und überhaupt an Lerninhalte heranführen zu können. »Mit Mathe, Deutsch und Englisch hat dies erst mal gar nichts zu tun«, sagt Murr, »es gibt Kinder, die müssen erst einmal lernen, wie man ohne körperliche und verbale Gewalt spricht«.

Bewährtes Hilfsmittel ist dabei das Basiskompetenz-Training. Erlebnispädagogische, künstlerische oder projektbezogene Angebote sollen den jungen Menschen einen Zugang zu sich selbst verschaffen. Der zwölfjährige Marcel* etwa fährt jeden Dienstagvormittag mit anderen Schülern auf einen Bauernhof, hilft beim Stall-Ausmisten oder lässt Alpakas auf die Weide. Er mag Tiere, lernt, Verantwortung für sie zu übernehmen und wenn er Schulhündin Ginger an der Leine hält und streichelt, strahlt er und streckt den Daumen in die Höhe: »Super!«

Nochmals Jonathan Hörster: »Die Vielfalt dessen, was in den jungen Menschen steckt und nur darauf wartet, entdeckt und ans Tageslicht gebracht zu werden, ist für mich einer der ganz großen Vorteile und Geschenke, die hier in unserer Schule mit der Arbeit in der Jugendhilfe verknüpft sind.«

Doch bis sich dieser nötige Zugang zu sich selbst und die Fähigkeit des konzentrierten Lernens begegnen, ist der Weg oft steinig und hart. »Es geht mühsam und
langsam«, sagt Ohnemus, »aber wenn man sich die Zeit nimmt und den Lernstoff so vorbereitet und strukturiert, dass die Schüler auch die Chance haben diesen zu begreifen, dann kommen tolle Sachen dabei heraus.«

Als »gelungene Idee« bezeichnet der 14-jährige David* die neuen Gymnasialklassen im Martinshaus. Er war zuvor auf einem Hochbegabten-Gymnasium und sieht den neuen Bildungsgang als Vorteil für sich: »Ich kann mein Wissen zeigen«. Geschichte gefällt ihm gut und seine sprachliche Begabung kommt voll zur Geltung: »Hier kann ich eine Fremdsprache von Beginn an lernen«, sagt er. Für die Zukunft hat er genaue Pläne: »Nach dem Abi will ich zur Bundeswehr gehen, mich 12 Jahre verpflichten lassen und danach ein Philosophiestudium machen.«

Antonia*, 16, weiß auch ganz genau, was sie will. »Ich habe schon immer das Ziel gehabt, einen guten Abschluss zu machen. Entweder entfalte ich mein volles Potenzial oder ich mache keinen Abschluss.« Antonia besucht eine der vier Asperger-Intensivklassen des Martinshauses. Diese sind auf einer eigenen Etage in einem Nebengebäude der Stammschule untergebracht. »Der Vorteil in meiner Klasse ist, dass wir hier nur zu sechst sind. Das ist von der Lautstärke her sehr angenehm und die Lehrer können auf jeden von uns eingehen«, so Antonia. Genau das würden Menschen wie sie brauchen. Früher saß sie mit 30 anderen Schülern in einer Klasse auf dem Gymi. »Das hat mich überfordert.«

»Die Autismus-Spektrum-Störung umfasst eine riesige Bandbreite«, sagt Lehrerin Heidi Fischer-Deuringer, die sowohl an der Stammschule des Martinshauses als auch in den Intensivklassen unterrichtet. »Es gibt die klassischen Asperger, die akkurat und ordnungsliebend sind, aber auch komplett chaotische Schüler, die sich nicht selbst organisieren können. Sie sind völlig unterschiedlich. « Bestimmte Fragen hätten sie aber gemeinsam: »Wie verhalte ich mich im normalen Alltag? Wie knüpfe ich soziale Kontakte? Wie gehe ich mit Leuten um?« So müsse sie beispielsweise permanent erklären, was im Kontakt zu anderen angebracht sei und was nicht. »Meine Schüler können das einfach nicht unterscheiden.«

Viele ihrer Schüler sind zielstrebig und lernen sehr eifrig. Gerade in den Fächern Geschichte und in den naturwissenschaftlichen Fächern muss sie sich daher sehr gut auf den Unterricht vorbereiten: »Es gibt Schüler, die wissen manchmal mehr als ich.« Beim Fach Deutsch sehe es jedoch anders aus. »Die Rechtschreibung klappt meist sehr gut, wenn es jedoch um Textinterpretation geht, wird es für meine Schüler schwierig, weil sie sich in andere Figuren hineinfühlen müssen.« Kleinschrittig bringt sie ihnen daher über den Verstand bei, wie sich andere Menschen fühlen. »Das ist anstrengend, funktioniert aber gut«, sagt sie und gibt als Beispiel: »Wenn jemand das Gesicht so oder so verzieht oder ein Autor etwas so oder so schreibt, dann bedeutet das traurig oder zornig.«

»Wir haben hier Asperger-Schüler, die einfach schon durch mehrere Schulen gegangen sind«, sagt die Lehrerin. »Viele wurden an ihrer früheren Schule gemobbt«. Immer wieder hört sie von den Schülern der Intensivklassen, dass der kleine und geschützte Rahmen ihnen helfen würde. Manche wollen nicht angefasst oder angeschaut werden. »Für diese Menschen bedeutet das den vollen Stress und Psychofolter.«

Schulleiter Frick ist vom Doppelsystem im Martinshaus überzeugt: »Einerseits reine Asperger-Intensivklassen, andererseits gemischte Autisten-Klassen in der Stammschule«. Es gehe um die gezielte Auswahl für beide Systeme und darum, jenen Aspergern den Schutz der Intensivklassen zu bieten, die anders einfach nicht zurechtkämen. »Natürlich führen wir aber auch Schüler gezielt an die Stammschule zurück, wenn sich ein entsprechender Fortschritt abzeichnet. « Fast täglich erreichen ihn Anrufe hilfesuchender Eltern von Asperger-Kindern, die über Berichte im Internet aufs Martinshaus gestoßen sind.

Dass die Not vom Autismus betroffener Personen groß ist, erfahren die Mitarbeitenden im Martinshaus kontinuierlich. Entsprechend werden auch landläufige »Autismus-Stempel« abgelehnt: »Asperger-Schüler sind für mich Menschen mit Besonderheiten, die man aber auch wertschätzen muss und kann«, sagt Fischer-Deuringer. Und mit Blick auf alle Schülerinnen und Schüler der Erziehungshilfeschule findet Murr, dass die innere Haltung eines jeden Mitarbeitenden für den Heilungsprozess der jungen Menschen das Wichtigste ist: »Die Kinder entsprechend ihrer Möglichkeiten, Fähigkeiten, Ressourcen und Defizite so zu nehmen, wie sie sind.«

Dem pflichtet Hörster bei: »Wir versuchen hier, Menschen eine Chance zu geben und diesen Menschen über die Augenhöhe des Angenommen-Seins als Menschen zu begegnen.« Denn wo ein Mensch sich angenommen fühle, könne er sich auch selbst irgendwann annehmen. »Durch die Selbstannahme können unsere jungen Menschen tatsächlich zu dem werden, was als Potenzial in ihnen steckt.«

Von Katharina Stohr